Über 260 Tote bei Putschversuch in der Türkei - Erdogan will Armee "säubern"

Über 260 Tote bei Putschversuch in der Türkei - Erdogan will Armee "säubern"

Recep Tayyip Erdogan (2.v.re.) will nach dem Putschversuch die Armee "säubern".

Am Freitagabend hat eine Gruppe von Militärs in Ankara einen Putschversuch gestartet. Zeitgleich wurden in Istanbul die beiden großen Brücken sowie der Hauptflughafen von Militäreinheiten gesperrt. Kampfflugzeuge und Helikopter sind bis in die Morgenstunden über Istanbul und Ankara gekreist. Vorläufige Zwischenbilanz: Über 200 Tote und Hunderte teils Schwerverletzte.

Gut zwölf Stunden nachdem eine Gruppe von türkischen Militärs angekündigt hatten, dass sie die Macht übernommen hat, scheint der Putsch nun doch niedergeschlagen worden. Die türkische Regierung erklärte, dass nun auch in Ankara die Lage wieder vollständig unter Kontrolle. Das sagte Ministerpräsident Binali Yildirim am Samstagmittag in Ankara. In den frühen Morgenstunden will die Regierung bereits in Istanbul den Putsch niedergeschlagen und die Kontrolle wieder übernommen haben.

In den Auseinandersetzungen in Ankara und Istanbul sowie in einigen Städten sind bisherigen Angaben zufolge über 200 Menschen getötet worden, 104 der Getöteten sollen aus Reihen der Putschisten sein. Weit über 1100 Verletzte, darunter hauptsächlich Zivilisten, sollen bei den Schießereien verletzt worden sein. Laut Regierung sollen bis zum Samstagmittag 1550 Festnahmen erfolgt sein. Fünf Generäle und 29 Oberste seien von ihren Posten enthoben worden. Die Putschisten hatten offenbar über mehrere Städten der Türkei versucht die Macht zu übernehmen.

"Die Türkei wird nicht vom Militär regiert", sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan erneut am Samstagvormittag. Er kündigte an, das Militär "vollständig zu säubern".

Doch auch gegen Samstagmittag scheint die Lage noch immer angespannt und zum Teil unübersichtlich zu sein. Die Putschisten hatten am gegen Mittag ein Kriegsschiff gekapert.

Bei den Putschisten handelt es sich um Einheiten der türkischen Luftwaffe und Gendarmerie, die am Freitagabend das Parlament aus der Luft mit Kampfflugzeugen und Kampfhubschrauber angegriffen hatte. Die Kampfhandlungen dauerten bis zum frühen Samstagmorgen.

Regierungschef Yildirim hatte am Samstag gegen Mittag die Bürger ermuntert weiterhin Präsenz auf den Straßen zu zeigen. "Die Gefahr ist noch nicht gebannt", sagte Ministerpräsident Yildirim in einem Interview am Samstagvormittag. Er hatte bereits auch angekündigt, eventuell die Todesstrafe wieder einzuführen.

Auch der Flugverkehr von und in die Türkei wurde am Samstag wieder aufgenommen. Die AUA will ab Sonntag wieder die Flugverbindung in die Türkei aufnehmen.

In Istanbul wurden auch der öffentliche Verkehr sowie die Fährverbindungen vom europäischen auf den asiatischen Teil der Stadt wieder in Betrieb genommen. In Istanbul fahren die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel am Samstag gratis.

Der Putsch in der Nacht

Am Freitagabend kurz nach 21 Uhr wurden erste Kämpfe in Ankara gemeldet. Dabei kam es zu Kampfhandlungen rund um das Parlament in Ankara. Der Oberbefehlshaber wurde von den Putschisten festgenommen. Es folgten mehreren Schießereien zwischen den Putschisten und der Polizei und Einheiten des Heeres, das weiterhin auf Seiten der Regierung kämpfte. Es folgten Explosionen.

Kurz vor 22 Uhr waren dann auch die beiden Brücken über den Bosphorus in Istanbul von den Putschisten gesperrt worden.

Gegen 22:30 Uhr erklärten die Militärs, dass sie im ganzen Land die Macht übernommen haben. "Die Macht im Land ist in ihrer Gesamtheit übernommen", hieß es in einem im Fernsehsender NTV am Freitagabend verlesenen Erklärung des Militärs. Und die Putschisten hatten gleichzeitig das Kriegsrecht samt Ausgangssperre verhängt.

Kurz darauf besetzten die Putschisten den staatlichen TV-Sender TRT, um ihre Botschaft vorlesen zu lassen. Das Land werde jetzt von einem "Friedensrat" geführt. Dieser werde für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen, wurde auch im Staatssender TRT von einer Nachrichtenmoderatorin verlesen. Der "Friedensrat" solle vorerst in der Türkei allen Bürgern "unabhängig von Rasse, Religion und Sprache" Freiheit garantieren. Die Putschisten erklärten, dass damit unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte im Land wiederhergestellt werden sollen.

Prompt kam die Reaktion der AKP-Regierung unter ihrem Chef Binali Yildirim. "Bei der Aktion handle es sich um eine Gruppe von Leuten, die versuchen die demokratisch legitimierte Regierung zu destabilisieren. Bis in die frühen Morgenstunden hatte die Regierung stets erklärt, dass es sich um eine kleine Gruppe handle. "Sie werden einen hohen Preis dafür zahlen", "wiederholte Yilidirim. Der Putschversuch sei abgewendet hieß es bereits kurz nach der Bekanntgabe des Militärs. Und gestützt auf Aussagen von türkischen Offizieren erklärte Yildirim, dass nicht das ganze Militär hinter dem Putsch stecke.

Regierungschef Yildirm hatte dann in der Nacht noch den Befehl gegeben die Kampfflugzeuge sowie Helikopter der Putschisten abzuschießen. Zwei Helikopter wurden im Verlauf der Nacht in Ankara abgeschossen.

In der türkischen Hauptstadt Ankara war es indes am Freitag bis in die Nachtstunden immer wieder zu Schießereien zwischen Polizei und Militär gekommen. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, berichtete der Sender CNN Türk. In der Hauptstadt sowie in Istanbul sind Panzer aufgefahren. In Istanbul wurden die zwei großen Brücken über den Bosphorus gesperrt.

Statt Deutschland oder Iran doch Istanbul

Von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan war bis kurz vor Mitternacht nicht viel zuhören. Er weilte noch im Urlaub im Süden der Türkei. Von dort wurde er bei CNN Türk per Smartphone via Videotelefon zugeschaltet und ins Bild gebracht. Er mobilisierte dabei seine Anhänger auf die Straßen zu gehen und zum Istanbuler Flughafen zu kommen. Sämtliche Flüge in der Türkei wurden fast zeitgleich gesperrt.

Für Interview des Senders CNN Türk hat Erdogan den Schuldigen gleich ausgemacht. Die Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen hatte Erdogan für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Die Gülen-Bewegung hatte sich noch in der Nacht vom Putsch via Nachrichtenagentur AFP distanziert: "Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei."

Auch der Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu hatte sich schon am Abend gegen den Putschversuch ausgesprochen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA sagte er am Freitag: "Dieses Land hat viel unter Putschen gelitten. Wir wollen nicht, dass es die gleichen Probleme wieder erlebt." Kilicdaroglu ist Chef der Mitte-Links Partei CHP, die traditionell dem Militär nahe steht.

Rund um Mitternacht hatte es gerüchtweise geheißen Erdogan würde das Land verlassen und nach Deutschland fliegen. Kurz darauf wurde vom Flug in die iranische Hauptstadt Teheran kolportiert. Beides stellte sich als Fehlalarm heraus. Gegen 3:30 Uhr landete ein Militärmaschine mit Erdogan am Atatürk-Flughafen in Istanbul, obwohl dort am Abend schon Panzer der Militärs aufgefahren waren. Und auch die putschende Militärs mit ihren Kampfflugzeugen angeblich gekreist hatten.

Der Verrat

Um 4:15 Ortszeit (MEZ 3:15 Uhr) hat Staatspräsident Erdogan dann erstmals vor laufender Kamera im Istanbuler Flughafen Stellung genommen. Eskortiert von Sicherheitsexperten gab er eine Pressekonferenz. Er sprach von einem Akt des Verrats" und dass die Putschisten für ihre Tat "schwer bezahlen müssen". Und er sprach auch schon davon, dass man die Lage wieder beherrsche und den Putsch so gut wie im Griff habe. Seine Anhänger ermunterte er weiterhin auf den Straßen und Plätzen Präsenz zu zeigen.

Erdogan betonte einmal mehr, dass es sich bei den Putschisten um eine Minderheit in den Streitkräften handle. "Wir haben mit der Operation begonnen, das Militär vollständig zu säubern. Und wir werden diese Operation weiterführen."

Die Verunsicherung war dem Staatschef ins Gesicht geschrieben. Mit dem Abschluss der Pressekonferenz wurde Erdogan eine Botschaft zugeflüstert, die ihn offenbar zum Staunen brachte.

Denn von Entwarnung konnte indes noch nicht die Rede sein. In Ankara wurde heftig weitergekämpft. Der Oberbefehlshaber war zu diesem Zeitpunkt noch angeblich in den Händen der Putschisten. Und auch die Kämpfe gingen nach Erdogans Auftritt weiter. Ankara wurde schon abends zur No-fly-Zone erklärt.

Die Kampfflugzeuge und Militärhubschrauber hatten noch immer über Istanbul und entlang am Bosphorus im Tiefflug Einsätze geflogen. Zu Schießereien kam es in Istanbul unter anderem bei den Sperren an einer der Brücken über den Bosphorus, sowie in Seitengassen am belebten Verkehrsknotenpunkt Taksim-Platz im europäischen Teil der Metropole. Am diesem Ort, wo 1960, 1971 sowie 1980 bereits die Militärs geputscht hatten, hatten sich gegen Mitternacht vor allem Erdogan-Anhänger aber auch Gegner der AKP versammelt, um sich gegen den neuerlichen Putsch zu stemmen. Auch hier fuhr das Militär schweres Geschütz auf.

Politische Beobachter erklärten am Samstag gegen 5:30 Uhr im britischen TV-Sender BBC, dass es auf die kommenden 24 Stunden ankommen werde, wer nun wirklich die Hoheit über die Straßen in der Türkei haben wird. Die Putschisten haben Samstagfrüh angekündigt, dass sie weiterkämpfen werden. Erdogan sowie die AKP-Regierung gab sich aber bereits siegessicher.

Gegen 10 Uhr hatten sich 200 unbewaffnete Soldaten kampflos ergeben. In Ankara hatte soll es noch an einem Widerstandsnest der Putschisten zu Kämpfen gekommen sein. Ein Militärhubschrauber mit acht Soldaten hatte sich nach Griechenland abgesetzt. Die Soldaten hatten dort umgehend um Asyl angesucht.

Die Märkte haben prompt auf die Vorgänge in der Türkei reagiert. Der Putschversuch des türkischen Militärs hat die Kapitalmärkte regelrecht erzittern lassen. Die Landeswährung Lira stürzte ab. Ein Euro kostete zuletzt 3,3671. Am Donnerstag hatte der Kurs noch 15 Cent niedriger gestanden. Der US-Dollar legte zur Lira um 14 Cent zu. Auch der Euro geriet zum Dollar unter Druck.

Der Kurs türkischer Aktien fiel im außerbörslichen Handel kräftig. Der iShares MSCI Turkey ETF verlor 2,5 Prozent.

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