Trevor D. Traina: „Donald Trump ist die größte Hoffnung Europas“

Trevor D. Traina: „Donald Trump ist die größte Hoffnung Europas“

Der neue Trump-Statthalter Trevor D. Traina will mit dem Import von Silicon-Valley-Spirit punkten - und die österreichische Wirtschaft im Kampf gegen China mit ins US-Boot holen.

Der neue US-Botschafter in Wien, Trevor D. Traina, über das internationale Profil der österreichischen Regierung, „Missverständnisse“ im Verhältnis zwischen Europa und den USA, Zölle für die Autoindustrie, europäische Googles und den Kampf gegen China.

trend: Welchen Eindruck haben Sie von der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft bisher?
Trevor D. Traina: Die Regierung macht einen großartigen Job, sie hat ein gutes Programm entwickelt. „Ein Europa, das beschützt“, das ist das richtige Thema. Mein Eindruck ist, dass die Regierung international - von Deutschland bis Washington D.C. - ein schärferes Profil als die Vorgängerregierungen hat.

Ein selbst gestecktes Ziel der Ratspräsidentschaft ist auch, als Brückenbauer zu agieren. Sie haben nach der Einladung des russischen Präsidenten Putin zur Hochzeit der Außenministerin kritisiert, dass der Brückenbau etwas einseitig ausfällt. Nun hat letzte Woche Kanzler Kurz Putin zum vierten Mal in diesem Jahr getroffen, auf ein Treffen mit US-Präsident Trump warten wir noch immer.
Traina: Immerhin habe ich, während Kurz Putin traf, eine Delegation mit der Wirtschaftsministerin Schramböck zum US-Handelsminister begleitet. Wir arbeiten hart daran, die Beziehungen zwischen unseren beiden Regierungen zu vertiefen. Als Botschafter baue ich meinerseits Brücken.

Eine Umfrage im „trend“ Ende August nach den präferierten außenpolitischen Partnern Österreichs ergab, dass Putin weit voran lag. Trump wird von den Österreichern als fast so gefährlich wie der türkische Präsident Erdogan eingeschätzt. Haben die USA ein Imageproblem?
Traina: Es gibt ein Wahrnehmungsproblem. Die US-Wirtschaft ist 15 mal so groß wie die russische, die obendrein kaum diversifiziert ist. 2017 hat nach Deutschland kein anderes Land der Welt so viele österreichische Waren gekauft wie die USA. Russland liegt auf Rang 12. Nach so vielen Jahrzehnten werden die Amerikaner als selbstverständlich voraus gesetzt, man glaubt sie zu kennen. Genau das ist meine Botschaft an die österreichische Wirtschaft: Eure größten Chancen liegen in den USA, unsere Handelspartnerschaft ist enorm, und die Lieferungen in beide Richtungen steigen. Dabei ist noch lange nicht das ganze Potenzial ausgeschöpft.

Die österreichische Wirtschaft ist von erfolgreichen Unternehmen geprägt, die in den letzten zwei Jahren konsequent die Weltmärkte erobert haben. Sie brauchen berechenbare Rahmenbedingungen in der Handelspolitik. Ein Großteil der Irritation kommt durch die unberechenbare Handelspolitik der USA mit ihren teilweise angedrohten, teilweise schon verhängten Handelszöllen. Womit können sie rechnen?
Traina: Ich hoffe, dass es in den nächsten Monaten eine Vereinbarung zwischen den USA und der EU geben wird. Nur um eines klarzustellen: Jede US-Regierung der vergangenen Jahrzehnte hat jene Beschwerden bezüglich der EU-Handelsbeziehungen formuliert, die auch nun wieder auf dem Tisch sind. Das einzige, was die jetzige Regierung anders macht, sind die Zölle. Das hat den Zweck, um die Gespräche in Gang zu bringen. Denn mit höflichen Aufforderungen allein ist das nicht gelungen. Das ist bedauerlich, aber ich denke, es wird gelöst werden.

Europäische Unternehmen kommen auch durch den US-China-Konflikt unter die Räder, zuletzt der Faserhersteller Lenzing.
Traina: Das ist eine kompliziertere Thematik. Strategisch wichtige Unternehmen und Assets müssen geschützt werden. Die handelspolitischen Konflikte zwischen EU und den USA sind im Vergleich zu jenen zwischen China und den USA ja vernachlässigbar. Die transatlantische Handelspartnerschaft basiert auf einem gemeinsamen Wertesystem. Das ist bei China nicht der Fall, ich erwähne nur den Diebstahl geistigen Eigentums. 70 Prozent der Investitionen Chinas in Europa der letzten Jahre sind umgekehrt gar nicht möglich, weil sie dort nicht erlaubt sind. In den USA haben wir das Problem bei Halbleitern und Solarpaneelen erfahren. Die Effekte für unsere Industrien waren verheerend. Es ist beängstigend, dass das auch den Schlüsselindustrien Europas zustoßen könnte. Deshalb ist Donald Trump die größte Hoffnung Europas, um das abzuwenden.

Wie das?
Traina: Bisherige US-Präsidenten waren sehr voraussagbar in ihren Verhandlungen mit China. Bei Donald Trump kann man nichts voraussagen, nicht einmal die Chinesen. Ich habe gelesen, dass die Chinesen nun sogar Wahrsager konsultieren, um einen Weg zu finden, wie sie mit Washington verhandeln sollen. Es ist jetzt die letzte Chance, die der Westen hat, um die Handelsbeziehungen mit China noch einmal neu aufzusetzen - bevor China zu mächtig ist.

Geschäftsleute wie Sie waren bisher Anbeter des freien Welthandels. Jetzt nicht mehr?
Traina: Das ist ein Missverständnis. Die USA und ihre jetzige Regierung sind absolut für Freihandel. Zölle sind ein kurzfristiges Mittel zum Zweck des Dialogs. Wir wollen keine Handelshemmnisse. Wir wollen fairen und freien Handel.

Drohen ist also eine legitime Art der Handelspolitik, Trumps Unberechenbarkeit Teil eines großen Plans?
Traina: Definitiv. Drohungen sind eine widerwillige letzte Option.

Müssen die österreichischen Autozulieferer, die ja stark mit den deutschen Autobauern verbunden sind, damit rechnen, dass auch dieser Bereich von Strafzöllen betroffen ist?
Traina: So lange es einen konstruktiven Dialog gibt, wird es auch keine Zölle für die Autoindustrie geben.

Die Europäer könnten ja mit der Google-Tax kontern, einer Steuer für Digitalunternehmen, die nur einen Teil dort versteuern, wo sie auch ihre Wertschöpfung haben. Das ist doch ausgesprochen logisch, oder?
Traina: In Europa ist es mehr ein emotionales als ein logisches Thema. Da geht es mehr um Luxemburg oder Irland als um die Konsumenten. Meine Frustration kommt daher, dass Europa digitale Innovationen viel mehr ermutigen sollte. Ich treffe mich in Österreich jede Woche mit Unternehmern. Die sind genauso fähig und talentiert wie Unternehmer im Silicon Valley, aber sie haben Rahmenbedingungen, unter denen sie sich viel mehr anstrengen müssen als in Amerika: Insolvenzrecht, Steuerrecht, Urheberrecht, Datenschutz etc. Mit anderen Gesetzen würde Europa auch viel mehr eigene Googles haben.

Dass es in Europa nur wenige digitale Champions gibt, ist hausgemacht?
Traina: Europa kann zweifelsohne digitale Weltklasseunternehmen schaffen. Schauen Sie sich nur all die Runtastics und die Wirecards an! Aber diese Unternehmen müssen sich viel mehr anstrengen als die Unternehmen im Silicon Valley. Finanzierungsrunden hinzubekommen ist in Europa ein viel schwierigerer Job als in den USA.

Und Sie wollen den Europäern jetzt helfen?
Traina: Die US-Botschaft hat eine Reihe von Programmen aufgesetzt, um österreichischen Entrepreneuren zu helfen: Wir schicken sie nach Austin, Texas, oder ins Silicon Valley, wir holen Tech-Größen wie jüngst Marissa Mayer nach Österreich. Wir bringen amerikanische Mentoren nach Österreich. Unternehmertum zu exportieren ist etwas, was die USA für die Welt tun können, damit es uns allen besser geht. Meine Vorfahren und auch ich sind der Beweis dafür, dass es den amerikanischen Traum gibt und dass der Traum wahr werden kann. Dazu muss man nicht einmal in den USA geboren werden.

Ein seit lange erkanntes Problem ist das Fehlen schlag- und finanzkräftiger Risikokapitalgeber in Österreich.
Traina: Venture-Capital-Firmen aus den USA haben ein wachsendes Interesse, in Europa zu investieren. Berlin, München, das schweizerische Crypto Valley, die Softwareingenieure der Balkanländer – als Region kann Mitteleuropa sehr kompetitiv sein. Ich werde alles dafür tun, dass auch Österreich dazu gehört. Insbesondere für Business-to-Business-Unternehmen sehe ich in Österreich große Chancen.

Sind Sie Botschafter geworden, weil Sie für Donald Trump gespendet haben?
Traina: Ich habe die Republikaner seit vielen Jahren unterstützt, aber nicht für die Trump-Kampagne gespendet. Seit langem bin ich mit Ivanka Trump befreundet, mit der ich quasi aufgewachsen bin. Mir wurden einige europäische Länder angeboten, aber meine erste Wahl war immer Österreich. Ivanka wusste das.

Sie mussten sich von einer Menge Aktien trennen, bevor Sie Botschafter wurden.
Traina: Von allem, was einen Interessenskonflikt mit meiner Tätigkeit bedeutet hätte. Darunter waren Aktien von Uber, Dropbox und einer Reihe von privaten, vielversprechenden, amerikanischen Unternehmen. Das war sehr schmerzvoll. Meine Weingüter im Napa Valley durfte ich behalten, aber ich darf meinen Wein in Österreich nicht meinen Gästen kredenzen.

Sie sind Kunstsammler. Sehen Sie Chancen, Gustav Klimts Adele Bloch-Bauer I wieder einmal nach Österreich zu bringen? Immerhin besitzt es jetzt einer Ihrer Vorgänger als Botschafter in Wien, Ronald Lauder.
Traina: Für dieses Bild ist alleine die Versicherung so teuer, dass ich wenige Chancen sehe. Vor kurzem hat mich Ronald Lauders Bruder Leonard gefragt, ob ich an einem seiner Klimts als Leihgabe interessiert sei. Ich sagte, dass ich interessiert sei, und er meinte nur: 'Ich gebe es nicht her'. Aber wenigstens habe ich gefragt.

Sie kennen Österreich seit den späten 1970er-Jahren, als Ihr Großvater Botschafter in Wien war. Was hat sich seitdem verändert?
Traina: Das heutige Österreich ist, was seinen Spirit betrifft, ähnlich wie das der 1970er-Jahre. Aber es sieht anders aus. In den späten 1970ern war es grauer und düsterer, passend zum Kalten Krieg. Das Rathaus in Wien habe ich etwa als sehr dunkel in Erinnerung, jetzt ist es sehr schön renoviert. Ich kann mich nicht erinnern, dass Wien damals so geglänzt hat wie heute. Die Landschaft rundherum hat sich jedoch fast nicht verändert.

Was war die größte Herausforderung als ‚Head of Mission’ bisher?
Traina: Es gibt sicher so viele Missverständnisse in der Beziehung zwischen Europa und Amerika wie seit Langem nicht mehr. Dabei ist diese Beziehung heute vielleicht sogar stärker als in früheren Jahren. Mein Job ist es, die Leute daran zu erinnern: Vergesst die Schlagzeilen, wir sind Freunde, und ich bin hier, um diese Freundschaft zu stärken! Ich liebe es Botschafter zu sein, ich liebe es, Repräsentant von Amerika zu sein, und ich liebe es, in Österreich zu sein.

Zur Person

Trevor D. Traina , 50, Ende Mai dieses Jahres, 16 Monate nach der Angelobung Trumps zum Präsidenten, sein Amt in Wien angetreten. Traina stammt aus einer alten republikanischen Westküstenfamilie. Als 31-Jähriger hat er sein Vergleichsportal CompareNet für kolportierte 100 Millionen Dollar an Microsoft verkauft. In der Folge hat er eine Reihe weiterer Start-ups gegründet und sich an mehrere jungen Unternehmen beteiligt.


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