Thomas Mayer, Chefökonom der DB im FORMAT-Interview

FORMAT: Herr Mayer, was ist momentan bloß an den Börsen los?

Mayer: Es sind hier drei Dinge zusammengekommen, die einen „perfekten Sturm“ produziert haben: Die Schuldenkrise in Europa, die durch die Beschlüsse der europäischen Regierungschefs vom 21. Juli nicht nachhaltig gelöst wurde. Die US-Staatsschuldenkrise, wo wir einen Beinahe-Bankrott beobachtet haben, der mit der Herabstufung der US-Bonität abgerundet wurde. Und drittens die Anzeichen einer Abschwächung des globalen Wachstums.

FORMAT: Das zweite Paket für Griechenland hat die Märkte also nicht beruhigt?

Mayer: Es stellt sich immer noch die Frage, ob Griechenland mit diesem Paket tatsächlich seine Schulden tragen kann. Die Schuldenreduktion war sehr begrenzt, die Zweifel an der Tragfähigkeit bleiben bestehen. Es ist zudem immer noch sehr fraglich, ob Länder mit hohen Schulden wie Italien oder hohen Defiziten wie Spanien, die noch dazu schwache, wenig Vertrauen ausstrahlende Regierungen haben, in der Lage sind, sich in nervösen Anleihenmärkten kontinuierlich zu refinanzieren. Dieses Problem wurde mit den Vereinbarungen überhaupt nicht endgültig gelöst. Auch die Implementierung durch die nationalen Parlamente ist noch offen. Aber hier hat sich nun der Druck weiter erhöht.

FORMAT: Droht den USA und Europa ein Rückfall in eine neuerliche Rezession?

Mayer: Ich bin für die USA von einer Wachstumsdelle und generell schwachem Wachstum ausgegangen. Das sollte immer noch stimmen, auch wenn die Situation durch mögliche Rückkoppelungseffekte von den Börsen auf die Realwirtschaft belastet wird. In Europa sind Länder wie Griechenland und Portugal in der Rezession. Spanien, Italien und Irland weisen kaum Wachstum auf. Weil sich parallel dazu das Wachstum der Schwellenländer abkühlt, werden auch die Volkswirtschaften Kerneuropas im zweiten Halbjahr deutlich langsamer wachsen.

FORMAT: Wie können diese Staaten sparen, ohne dabei das ohnehin schwache Wachstum abzuwürgen?

Mayer: Man sieht jetzt, dass in nervösen Finanzmärkten nur beste Schuldner Kredite bekommen. Ländern wie Italien und Spanien droht die Insolvenz, wenn die Anleihenzinsen weiter steigen. An der Reduzierung der Defizite führt also kein Weg vorbei, sonst bleibt das Anlegervertrauen aus. Man muss aber begleitende, wachstumsfördernde Strukturreformen durchführen, verkrustete Arbeitsmärkte und Produktmärkte aufbrechen und Steuersysteme reformieren. Das wird ein langwieriger und schwieriger Prozess. Aber es passiert bisher zu wenig. Deshalb ist der Markt auch skeptisch.

FORMAT: Was kann die europäische, was die US-amerikanische Politik tun, um jetzt das Schlimmste zu verhindern?

Mayer: In Kerneuropa sollten getroffene Maßnahmen für die Wettbewerbsfähigkeit nun nicht zurückgenommen werden. In ganz Europa müssen wir die Währungsunion auf eine solide Basis stellen: Die EZB kümmert sich um die Geldpolitik, nicht um die Finanzierung von Staaten, und jedes Land ist für seine Finanzen selbst verantwortlich. Ohne diese zwei Prinzipien wird die Währungsunion aus meiner Sicht nicht lange bestehen. Auch dass man dem Krisenfonds EFSF bzw. ESM den Status einer Bank gibt, würde die EZB entlasten und dadurch das System stärken. Die USA brauchen eine langfristig angelegte Fiskalkonsolidierung. Diese ist nach der jüngsten Übereinkunft nicht vorhanden.

FORMAT: Wie wahrscheinlich ist, dass diese beiden Dinge rasch angegangen werden?

Mayer: Ich sehe für das nächste halbe Jahr noch keinen durchschlagenden Erfolg.

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