Think Austria - Die Denkwerkstatt des Kanzlers startet

Think Austria - Die Denkwerkstatt des Kanzlers startet

Antonella Mei-Pochtler, 60, präsentiert kommende Woche mit dem Bundeskanzler erste Ideen von Think Austria.

Der Thinktank von Bundeskanzler Sebastian Kurz macht sich an die Arbeit. Das Experten-Board rund um Antonella Mei-Pochtler steht größtenteils schon.

Seit der Ankündigung, im Bundeskanzleramt eine Stabsstelle namens Think Austria zu etablieren, hat man über ein halbes Jahr nichts mehr davon gehört. Weil die Regierung um laute Töne ansonsten nicht verlegen ist, machten bereits Vermutungen die Runde, wonach vom denkenden Österreich nicht viel mehr übrig bleiben werde als ein nettes Schlagwort. Nun meldet sich Antonella Mei-Pochtler, die Chefin des Thinktanks, aber zurück. "Wir wollten das gut vorbereiten und nicht irrelevantes Kleinzeug präsentieren", erklärt sie die Abstinenz: "Wir wollen ja die langfristige Erfolgsorientierung Österreichs hinkriegen."

Offenes Board

Auf Reisen nach Singapur, Hongkong, Deutschland und Frankreich wurden die Erfahrungen anderer Länder eingesammelt und danach die zu bearbeitenden Schwerpunkte definiert. Kommende Woche werden diese von Sebastian Kurz und Mei-Pochtler offiziell vorgestellt. Auch der Expertenbeirat - ein sogenanntes Sounding Board für den Bundeskanzler - steht mehr oder weniger. Die Mitglieder sind den wichtigsten Themenkreisen zugeordnet. "Wir sind von der Idee abgekommen, so was wie zwölf Apostel als Berater zu installieren", sagt Mei-Pochtler: "Das Board ist jetzt offener und wird sich je nach Fragestellung auch ändern."

Eine fixe Größe ist Ban Ki-moon, der frühere UNO-Generalsekretär, der beim zentralen Thema des nachhaltigen Wachstums - das auch unter "Austria to the Top" läuft - die führende Rolle spielt. Ihm stehen drei Österreicherinnen zur Seite: Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, die frühere Grünpolitikerin und nunmehrige Kommunikationsberaterin Monika Langthaler und Danielle Spera, die Direktorin des Jüdischen Museums.

Input zu einem besseren Innovationsmanagement ("Science to Business, "Innovation to Business") sollen von Erste-Group-Boss Andreas Treichl kommen; des Weiteren von Markus Braun, CEO und Haupteigentümer des weltweit erfolgreichen Münchner Unternehmens wirecard, und vom renommierten Genetiker Josef Penninger, der von der Uni Wien nach Kanada abwandert.

Für "Länger gesund leben" steht Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner als Experte zur Verfügung; für Cybersecurity der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger; und für den Umbau des Bildungssystems der Leiter der PISA-Studien bei der OECD, Andreas Schleicher.

Laut Antonella Mei-Pochtler ist eines der großen Ziele beim Punkt "Nachhaltiges Wachstum", Österreich in den diversen Länder-Rankings nach vorne zu bringen (deshalb "Austria to the Top"): beim Digitalisierungsindex genauso wie bei der Qualität des Wirtschaftsstandorts. "Das wurde bei uns, anders als etwa in der Schweiz, nie systematisch gemanagt." Gute Platzierungen seien aber wichtig, um neue Unternehmen, Investoren und gut ausgebildete Menschen anzulocken: "Die besten Köpfe sollen sich entscheiden, in Österreich leben zu wollen, hierher zu kommen bzw. hier zu bleiben."

Dazu passt auch, dass Wirtschaftsministerin Margarethe Schramböck kürzlich der Austrian Business Agency (ABA) den Auftrag gegeben hat, neben der bisherigen Zuständigkeit für Betriebsansiedelungen auch ein Konzept für die Ansprache und Ansiedelung ausländischer Fachkräfte zu erarbeiten. Die ABA soll künftig auch als weltweiter Headhunter für Arbeitskräfte fungieren.

Bei "Innovation to Business" verfolgt Think Austria ähnliche Ansätze. Am Programm steht ebenfalls eine Verbesserung in den Uni-Rankings. Und es gibt den Plan, nach dem Vorbild Kanadas einen Welcome-Trust für ausländische Wissenschaftler zu schaffen, der sich darum kümmern soll, dass sie sich in Österreich wohl fühlen, und ihnen bei der Wohnungssuche oder der Auswahl der Schule für die Kinder hilft. Um die PS aus der Forschung und Entwicklung stärker auf die Straße zu bringen, lässt Mei-Pochtler die Schwachstellen im System analysieren. Als eine erste konkrete Maßnahme ist die Einrichtung eines sogenannten Start-up-Desks für Unternehmensgründungen aus dem Uni-Betrieb (Spin-offs) angedacht, der für die Leute sämtliche administrative Arbeiten organisiert.

Die Mobilisierung von Smart Money

Für das größte Problem, nämlich dass in Österreich viel zu wenig Risikokapital zu Verfügung steht, um erfolgreiche Neugründungen langfristig im Land zu halten, fehlen tragfähige Konzepte aber noch. Man arbeite an Ideen, wie sich mehr Smart Money für die Finanzierung mobilisieren lässt, erklärt Mei-Pochtler. Einerseits sollen heimische Privatstiftungen mit steuerlichen Anreizen geködert werden. Andererseits will Think Austria erfolgreiche Investoren österreichischen Ursprungs wie den in England wirkenden Hermann Hauser ins Boot holen.

Ein dritter Schwerpunkt, "Länger gesund leben", hat die Aufgabe, Lifestyle und Ernährung positiv zu beeinflussen und dabei möglichst früh in der Kindheit anzusetzen, um das Gesundheitssystem in einer alternden Gesellschaft zu entlasten.

Außerdem wird sich der Thinktank intensiv mit dem Umbau der Ausbildung beschäftigen. Vor allem soll die zentrale Rolle des Lehrers als Leader gestärkt werden, unterstützt durch den Einsatz neuer Technologien: So ist eine digitale Plattform gedacht, eine Art Bildungs-Facebook, die Lehrer entlastet, vernetzt und die Möglichkeit bietet, Erfahrung zu teilen. Dass die Politik hier auf Widerstände treffen wird -Stichwort Lehrerdienstrecht - weiß auch Mei-Pochtler.


Die Geschichte erscheint im trend Ausgabe 40/2018 am 5. Oktober 2018.

Ex-ÖVP-Chef Josef Riegler

Politik

Ex-ÖVP-Chef Riegler: "Fliegen und Kreuzfahrten müssen teurer werden"

Heinz-Christian Strache

Politik

Strache fliegt aus FPÖ und kündigt Polit-Comeback an

Kommentar
trend-Chefredakteur Andreas Lampl

Standpunkte

Neue ÖVP? "Aber die anderen waren auch oft schlimm!"

Politik

UK-Wahl und Brexit: Make Great Britain England again?