Terrormiliz IS: Attentate als Zeichen der Schwäche

Terrormiliz IS: Attentate als Zeichen der Schwäche

Nizza, Rouen, Ansbach: Die Anschlagserie der vergangenen Wochen lässt Europa wieder vor der Terrormiliz IS zittern. In ihrem Kerngebiet ist die Miliz allerdings unter Druck geraten. Auch in Libyen gibt es erste Erfolge gegen die Extremisten. Der Schrecken ist allerdings noch nicht besiegt.

Nizza, Rouen, Ansbach: Die Anschlagserie der vergangenen Wochen in Deutschland und Frankreich erweckt den Eindruck, als strotze die islamistische Extremistenmiliz IS vor zerstörerischer Kraft. Doch die zahlreichen Attacken des IS oder von IS-inspirierten Tätern auch in ungezählten anderen Ländern von Afghanistan bis zu den USA könnte auf das Gegenteil hinweisen. Denn Attentate jenseits des eigenen Herrschaftsgebiets in Syrien und dem Irak deuten nach Einschätzung von Experten eher auf eine Schwäche als eine Stärke des Islamischen Staates hin.

Es lohnt, die Lage des IS in den von ihm kontrollierten Gebieten in Irak, Syrien und mittlerweile auch Libyen genauer in den Blick zu nehmen. Und dort gibt es durchaus Erfolge im Kampf gegen die Miliz. "Die Anschlagserie zeigt also sowohl die Stärke als auch die Schwäche des IS", sagte Islamismus-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Gerade weil der IS in den von ihm kontrollierten Gebieten unter Druck sei, müsse er an anderer Stelle möglichen Sympathisanten Stärke zeigen - das erkläre die Anschläge in Nachbarländern im Nahen Osten oder eben in Europa.

Rückzug im Kernland

Denn in seinem "Kernland" Syrien und Irak, in dem der IS grenzübergreifend ein großes Gebiet kontrolliert, ist die Miliz massiv unter Druck geraten. Mittlerweile hat der IS mit seinen geschätzten 20.000 bis 30.000 Kämpfern in beiden Ländern allein im Irak 40 Prozent des einst kontrollierten Geländes an die irakische Armee oder die Kurden verloren. Der größte Erfolg der irakischen Armee war zuletzt die Rückeroberung der Stadt Falludscha. Im Herbst wird der Sturm auf die vom IS kontrollierte Stadt Mossul erwartet. Und in Syrien gehen die westlichen Anti-IS-Streitkräfte und auch die russische Luftwaffe und die syrische Armee entschiedener gegen IS-Stellungen vor.

Noch gravierender für den IS: Es häufen sich die Berichte, dass der früheren finanzstarken Miliz, die Kämpfer fürstlich entlohnen und moderne Waffen kaufen konnte, langsam die Finanzierung wegbricht. Ein Grund ist, dass die Miliz nur noch teilweisen Zugang zu zwei der früher von ihnen kontrollierten fünf irakischen Ölfelder haben soll. Die US-Angriffe auf Tanklaster führen zudem nach Angaben westlicher und irakischer Sicherheitskreise dazu, dass die Fahrer vom IS einen erheblichen Aufpreis für Schmuggelware in den Iran oder die Türkei verlangen.

Die USA schätzen, dass sich die IS-Einnahmen aus dem Verkauf von Öl deshalb auf 250 Millionen Dollar jährlich halbiert haben. Dass der Betrag dennoch hoch ist, liegt an der verbliebenen Kontrolle von Ölfeldern im Osten Syriens. Weil keine neuen Gebiete erobert werden, hakt es aber auch am Verkauf von Kulturgütern.

Im vergangenen Jahr hatte der unter Druck geratende IS einen Teil seiner Aktivitäten nach Libyen verlegt. Aber auch dort gibt es nach einer längeren Phase der Ausbreitung nun offenbar Erfolge der IS-Gegner: Vor wenigen Tagen meldeten die von der UN anerkannte Regierung die teilweise Rückeroberung der Stadt Sirte, dem bisherigen Zentrum des IS in Libyen.

IS ist noch lange nicht geschlagen

Allerdings will SWP-Experte Steinberg nicht entwarnen. Zum einen zeige sich, wie schwer es sei, dem IS die Kontrolle über weitere sunnitische Gebiete wieder zu entreißen. Im Irak sei das Misstrauen der sunnitischen Bevölkerung gegenüber den mit der irakischen Armee kämpfenden schiitischen Milizen groß. "Und weil es in Libyen keine gefestigte Regierung gibt, hat der IS dort auf jeden Fall die Möglichkeit, wieder an Einfluss zu gewinnen." Ohnehin beobachten westliche Militärexperten, dass die einige hundert Kämpfer starke IS-Miliz nun nach Westen und Süden des Landes ausweicht.

Zum anderen dürfe die anhaltende Attraktivität der Organisation auf muslimische Jugendliche nicht unterschätzt werden. Immerhin sind westlichen Schätzungen zufolge immer noch 30 bis 40 Prozent der IS-Kämpfer Ausländer. Die US-Regierung beklagt seit langem, dass IS-Kämpfer immer noch die türkisch-syrische Grenze überqueren könnten. "Sorgen machen mir nicht die Einzeltaten wie von Würzburg oder Ansbach, sondern die organisierten großen Terroranschläge von geschulten IS-Kämpfern wie in Paris oder in der Türkei", sagt SWP-Experte Steinberg

Anschläge könnten zurückgehen

Dennoch sieht auch Steinberg Licht am Ende des Tunnels. "Wenn der IS tatsächlich seine Kerngebiete verlieren sollte, dürfte die Zahl der Anschläge in Europa vielleicht kurzfristig noch einmal steigen - aber langfristig wird sie sinken", ist er überzeugt. Die Vorbereitung großer Terroranschläge im Ausland werde dann schwieriger, hoffen auch westliche Geheimdienstkreise - ähnlich wie nach dem Sturz der Taliban in Afghanistan. Für Steinberg liege es letztlich am Westen selbst, wie erfolgreich der IS langfristig sein werde. Die Miliz wolle einen Religionskampf und antiislamische Reaktionen in Europa provozieren. "Wir haben es selbst in der Hand, nicht der Logik der Terroristen zu folgen", mahnt der SWP-Experte.

Der britische "Guardian" warnt, dass die IS-Anschläge zudem in zeitlicher Relation gesehen werden müssten. Denn so schrecklich die Anschläge in Frankreich, Belgien und Deutschland waren: Zahlen der Global Terrorism Database (GTD) der US-Universität Maryland zeigten, dass Westeuropa etwa in den 80er Jahren viel stärker unter Terrorgruppen zu leiden hatte. Der Unterschied zumindest für Deutschland: Attentäter der RAF, der IRA, palästinensischer Gruppen oder sogar der Islamisten zielten immer auf ganz bestimmte Gruppen, weniger auf die "Normalbevölkerung". Deshalb entstand in der deutschen Öffentlichkeit erst nach Würzburg und Ansbach der Eindruck, als ob der islamistische Terror jetzt in Deutschland angekommen sei. Dabei hatten Islamisten bereits 2011 am Flughafen Frankfurt zwei US-Soldaten umgebracht.

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