Tal Silberstein - Jagd auf das rote Phantom

SPÖ Granden Alfred Gusenbauer (li) und Christian Kern und Berater Tal Silberstein

Tal Silberstein (Mitte) ist ein international gesuchter Politkampagnenmanager. Der geheimnisumwitterte Berater ist als "Dirty Campaigner" gefürchtet.

Der israelische Politberater Tal Silberstein hat mit seinen Methoden Alfred Gusenbauer einst ins Kanzleramt gebracht. 2017 arbeitete er wieder als Berater für Kerns SPÖ, bis er am Montag in Israel festgenommen wurde. Ein Porträt des schillernden Kampagnen- Gurus und Gottseibeiuns der ÖVP.

"Er ist sicher kein einfacher Charakter. Er streitet gern, fetzt sich mit Mitarbeitern, hat etliche Partner verbraucht. Mit Glacéhandschuhen arbeitet er sicher nicht."

Der so spricht, heißt Josef "Joe" Kalina, ist Inhaber eines Beratungsunternehmens, war im früheren Leben Kanzlersprecher und SPÖ-Bundesgeschäftsführer. Kalina hat 2006 den Wahlkampf für den damals in Opposition befindlichen SPÖ-Spitzenkandidaten Alfred Gusenbauer gewonnen -Seite an Seite mit einem von ihm prägnant charakterisierten Mann namens Tal Silberstein. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Kalina, stets optimistisch unterwegs, lässt nichts über den Politkampagnen-Guru aus Israel kommen. Er kann viel erzählen über den gemeinsam erkämpften Sieg; aber, leider nein, habe er keinen Kontakt und könne auch einen solchen beim besten Willen nicht herstellen.

Das war zu Jahresbeginn, kurz nachdem Bundeskanzler Christian Kern seinen „Plan A“ präsentiert hatte und in der ÖVP Stimmen laut geworden waren, Silberstein würde im Auftrag der SPÖ „Dirty Campaigning“ gegen den Außenminister und nunmehrigen ÖVP-Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl, Sebastian Kurz, betreiben.

Am Montag, den 14. August, wurde Silberstein gemeinsam mit dem Geschäftsmann Beny Steinmetz in Israel festgenommen. Ein Gericht in der israelischen Stadt Rischon Lezion hatte die Haft verfügt. Den beiden wird vorgeworfen, neun Millionen Euro für Schmiergeld bereitgehalten zu haben, um eine Lizenz zum Schürfen von Eisen in Guinea zu erhalten. Ebenso besteht vor allem gegen Steinmetz der Verdacht, Millionen Dollar Schmiergeld für den Präsidenten von Guinea bereitgehalten zu haben.


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Zum beginnenden Nationalrats-Wahlkampf 2017 sind die Festnahme und die auf vier Tage angesetzte Haft Wasser auf die Mühlen der ÖVP, die sogleich nach Aufklärung rief, welche Rolle ein „wegen Geldwäsche verhafteter SPÖ-Wahlkampf-Mastermind“, innehatte. SPÖ Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler reagierte prompt und erklärte die Zusammenarbeit mit Silberstein wegen der aus Israel bekannt gewordenen rechtlichen Vorwürfe mit sofortiger Wirkung für eingestellt. Silberstein habe bis dahin die SPÖ-Wahlkampagne beraten und "sozialwissenschaftliche Forschung" im Bereich Meinungsumfragen betrieben.

Phantom Tal Silberstein

Tal Silberstein ist der bekannteste Unbekannte des Landes, ein Phantom, das von der ÖVP gerade zu einem Dämon hochstilisiert wird. Und er ist, spätestens seit Wolfgang Schüssels Niederlage gegen Herausforderer Gusenbauer, erklärtes Feindbild der Schwarzen. "Herr Silberstein ist für eines bekannt: für Schmutz und nochmals Schmutz", sagt ein mit der Spionageabwehr gegen den feindlichen Politberater befasster ÖVP-Parteiarbeiter entrüstet.

Silberstein ist nicht nur in Österreich, sondern auch in Rumänien "most wanted". Er war dort im Wahlkampfeinsatz, ebenso in Albanien und Russland, arbeitete in der Ukraine für Julia Timoschenko und in Israel für Ehud Barak. Seinen ersten Österreich-Einsatz erlebte der Globetrotter anno 2001 in Wien, eroberte an der Seite von Stanley Greenberg für Michael Häupl (SPÖ) die absolute Mehrheit zurück. Silberstein, Offizier der israelischen Armee, wurde damals während der laufenden Kampagne zu einem Einsatz auf den Golan einberufen. "Wir nannten ihn Mister Think-Tank", wobei die Betonung auf "Tank" (englisch für Panzer, Anm.) gelegen ist", witzelt ein Mitstreiter im Rückblick. Schon damals fiel Silberstein als raubeinig auf, sein Satz "There is no democracy in Campaigns" ist heute längst ein geflügeltes Wort.

Militärische Disziplin

Sein nicht eben eleganter Umgangston ist gefürchtet. "Er ist ein Antreiber, der ordentlich Dynamik reinbringen und Dinge richtig gut umsetzen kann", umschreibt Joe Kalina die Peitschenknaller-Qualitäten des roten Phantoms. Silberstein besteht -als Soldat -auf klaren, unzweideutigen Befehlsstrukturen, bringt den unverstellten, vorurteilsfreien Blick von außen mit.

Im Übrigen, so Kalina, sei es auch bei anderen Parteien "State of the Art", Netzwerke oder Vermögensverhältnisse der politischen Gegner zu durchleuchten. "Ich bin mir sicher, dass sich die Volkspartei jede Entscheidung, die Christian Kern als Chef der ÖBB oder beim Verbund getroffen hat, genau anschauen wird", glaubt Kalina.

Tal Silberstein führt sein Beraterleben im Verborgenen, seine Biografie ist im Internet ebenso wenig existent wie ein Unternehmen. Und doch ist er in Wien eine oft gesehene Person. Zuletzt half er 2015 den Neos beim Wien-Wahlkampf aus, angeblich "als Freund und ohne Bezahlung". Kampagnenchef Peter Puller sieht seinen neu gewonnenen Beraterfreund immer wieder. "Ich trinke Kaffee, er Tee. Wir reden übers Skifahren und die Kinder." Er habe viel von ihm gelernt und bewundere dessen unglaubliches Arbeitspensum. "Ich habe den Eindruck, der schläft nie." Nicht nur bei den Neos gilt er als penibler, datenfixierter Arbeiter. Ein Neos-Funktionär jedoch glaubt, dass sein Stil "nicht zu uns gepasst hat". Puller bestätigt diesbezüglichen Dissens: "Nicht alle waren mit ihm glücklich."

Schmutzig oder nur neativ?

Politexperte und Buchautor Thomas Hofer ("Spin-Doktoren in Österreich") verfolgt Silbersteins Engagements mit wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Der Gusenbauer-Sieg 2006, so Hofer, sei "ein Triumph des Negative Campaigning" gewesen. Wolfgang Schüssel konnte den Attacken, wie etwa der Lancierung eines angeblichen Pflegeskandals, nichts entgegensetzen. Die Bilanz von Schüssel und Schwarz-Blau wurde von der Silbersteingebrieften SPÖ nach allen Regeln der Kunst demontiert. "Man muss es nicht gut heißen, aber Opposition-Research ist üblich, das macht jeder", verteidigt Hofer den Haudegen. "Man muss wissen, was den Gegner schwach macht. Es ist Standard, zu fragen, wie der Gegner in der Schule war. Selbst die Grünen haben zuletzt auf Negative Campaigning gesetzt, haben problematische Zitate von Norbert Hofer gesucht, gefunden und dann auch verwendet."

Mit spitzer Lippe gestand der Bundeskanzler Kern zu Jahresbeginn im ORF, dass Silberstein aktuell "für die SPÖ Umfragen macht" - die strikte Nachrichtensperre zur delikaten Causa blieb aber aufrecht. "Ich müsste Ihnen eigentlich sagen, dass ich den Namen noch gar nicht gehört habe", sagte ein Kern-Mann am Telefon -und lachte dabei herzlich.

Gusenbauers Nachhall

Silbersteins Einsatz im Jahr 2017 kam auf Empfehlung Alfred Gusenbauers zustande. Der mit dem "System SPÖ" bestens vertraute Profi sollte in der Parteizentrale die Abteilungen für Research und Umfragen neu aufstellen, da "die intellektuellen Ressourcen in der Löwelstraße gegen null tendieren", wie ein SPÖ-Insider süffisant vermeldete.

Silberstein selbst hat durch seine Erfolge viel Geld eingesammelt. Zuletzt wollte er 2015 über seine maltesische Fondsgesellschaft Novia in die Lotterien-Tochter Video Lottery Terminals investieren. Das Projekt platzte. Also forderte er laut "profil" 800.000 Euro Schadenersatz von den Casinos. 2016 kam es zu einem Vergleich. Silberstein spaziert weiterhin vergnügt auf dem Wiener Parkett umher. Bekannt ist er unter anderem mit Change-Kommunikator Wolfgang Rosam und pikanterweise auch mit Florian Krenkel, ehemals Sprecher von Ex-ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel.

Krenkel, heute Vorstand bei Ogilvy & Mather, hat den "hochintelligenten Profi" (und ehemaligen Feind) Silberstein des Öfteren getroffen. Angst müsse die ÖVP weder vor ihm noch vor jemand anderem haben, erklärte er im Jänner auf trend-Anfrage und riet der ÖVP, der SPÖ keinesfalls mit gleicher Münze zurückzuzahlen. "Die Koalition sollte viel eher Beschlüsse fassen, die den Menschen etwas bringen, dann bräuchte es keine Negativkampagnen."

Möglicherweise ist er mit dieser Meinung gar nicht so weit von Christian Kern entfernt. Dessen Interesse an Silberstein war, so munkelte ein alter SPÖler, zuletzt deutlich abgeflacht, der Stern des Berater-Stars im Sinkflug begriffen. Kern sei unzynisch, glaube eher an sich, seine Truppe und das Gute im Menschen. Wenn er da nur nicht danebenliegt. Denn wie ein Gesprächspartner "off the record" sagt: "Schauen wir nur in die USA. Dirty Campaigning ist doch nicht mehr aufzuhalten. Das wird auch bei uns noch viel härter werden."


Aktualisierte Version, Artikel ursprünglich erschienen in der trend-Ausgabe 1-3/2017 vom 20. Jänner 2017.

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Peter Pelinka

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