Strache: "Man will uns daran gewöhnen, dass wir wieder zu kuschen haben"

FORMAT-Sommer­gespräch, Teil 2: FPÖ-Chef H.-C. Strache erklärt, wie die Globalisierung, die EU und die Bundesregierung am Einheitsmenschen der Zukunft basteln.

Heinz-Christian Strache vermutet überall einen Hinterhalt. Selbst dort, wo es keinen geben kann. Mit jedem Wort, ja in jeder Situation könnte er hinters Licht geführt werden. Das ist die unausgesprochene Sorge, die den Chef der Freiheitlichen in jeder Begegnung mit der Öffentlichkeit umtreibt. Ein politisches Gespräch mit ihm macht das nicht unbedingt einfacher. Ein Beispiel: Das Fotoshooting vor dem Brunnen am Wiener Michaelerplatz gerät ab dem Zeitpunkt außer Kontrolle, an dem Strache erkennt, dass er vor Giganten und einem Seeungeheuer posiert. Dort, wo sich Touristen aus der ganzen Welt täglich hundertfach ablichten lassen, entdeckt Strache böse Absichten und verbittet sich jedes weitere Foto. Denn er habe sofort durchschaut, was der Fotograf mit diesem Motiv suggerieren wolle. Zum Glück stehen in Wien überall Fiaker.

Verschwörung hinter jeder Ecke
Diese Grundhaltung, hinter jeder Hausecke eine gegen ihn gerichtete Verschwörung zu erblicken, ist dann auch der Grundtenor, der sich im anschließenden Gespräch durch alle politischen Themen zieht. Dabei sind zwei Argumentations­linien als roter Faden zu erkennen:
1. ist die österreichische Regierung ausnahmslos an allem schuld, was schiefläuft.
2. wird die Freiheit des einzelnen Bürgers durch höhere Instanzen oder inter­nationale Entwicklungen – Globalisierung und EU – eingeschränkt.
Darum sagt Strache dann auch Sätze wie: „Man will uns daran gewöhnen, dass wir wieder zu kuschen haben. Freiheits­bereiche werden uns genommen, um uns daran zu gewöhnen, dass noch Ärgeres auf uns zukommt.“ Weil letztlich sowohl die Globalisierung als auch die EU, glaubt Strache, den Sinn und Zweck haben, eine Einheitskultur, eine Einheitssprache, ja letztlich den Einheitsmenschen entstehen zu lassen.

Was der FPÖ fehlt
Anhand dieser beiden Argumentationslinien kämpft sich Strache durch alle Themen: Zuwanderung, Familien- oder Bildungspolitik. Konkret zum Beispiel bei einer Folge der Globalisierung, der zunehmenden Form von Mischehen mit Partnern aus Asien, Europa, Afrika oder Amerika, in denen Kinder zwei- bis dreisprachig erzogen werden. Darauf will er nicht einmal reagieren: „Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen hierher kommen und fleißig arbeiten. Dann gibt es eben Familien aus Frankreich, Italien oder Deutschland bei uns. Menschen, die aus Eu­ropa kommen, sind nicht das Problem. Das ist der gleiche Kulturkreis. Aber die Globalisierung als solche ist ein Problem.“ Ein anderes Beispiel sind die Folgen des weltweiten Klimawandels. Eine Aufgabe herkulischen Ausmaßes, die internationale Zusammenarbeit so notwendig machen wird wie kein anderes Thema zuvor. Strache befindet dazu: „Wir haben das beste umweltpolitische Programm aller Parteien in Österreich. Unser Experte, Ingenieur Norbert Hofer, hat ein Programm entwickelt, wo wir klar und deutlich sagen: Wir wollen in die erneuerbare Energie investieren, unabhängig und autark werden von Gas und anderen Lieferungen.“

"Gefahr, dass Mehrheitsbevölkerung ausstirbt"
Ingenieur Hofer, der Retter vor dem Klimawandel. Strache blendet aber auch bei anderen Themen aus, dass Österreich kein Fixstern im Universum ist. Er sorgt sich etwa um den Geburtenrückgang und die damit zusammenhängende „Gefahr, dass die österreichische Mehrheitsbevölkerung auszusterben droht“. Ein Trend, der seit den 60er-Jahren in der gesamten nördlichen Hemisphäre des Planeten zu beobachten ist. Strache: „Das hat nichts damit zu tun, dass die Frau arbeitet. Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten ­versagt, hier die notwendigen Rahmen­bedingungen zu schaffen.“ Wie würde er es machen? „Die Rahmenbedingungen, die notwendig sind, sind im Bereich der Familienbeihilfe, im Bereich des Kindergeldes bis hin zu einem Erziehungsgeld zu schaffen.“ Österreich liegt bei Transfer­leistungen doch an der EU-Spitze? „Das ist sehr gefährlich, das zu sagen. Es geht nicht nur um die Transferleistungen. Es geht um ein allumfassendes Paket.“ Wie schaut das aus? „In Frankreich gibt es ein Tagesmuttermodell, wo Familien Kind und Beruf viel besser miteinander vereinbaren können. Deshalb haben wir in Frankreich auch eine wesentlich höhere Geburtenrate.“ Die Fruchtbarkeitsrate betrug 2007 in Frankreich 1,98 Geburten, in Österreich 1,38 Geburten.

Abwehrkampf gegen alles Neue
Aber muss nicht die gesamte westliche Welt damit leben, dass das Bevölkerungswachstum zurückgeht? Strache: „Seit drei Jahrzehnten gibt es einen großen Geburtenknick. Durch die Einführung der Pille und 60.000 Abtreibungen jährlich wurde gesellschaftspolitisch alles dafür getan, dass man sich nicht für das Leben und für das Kind entscheiden kann.“ Ist das Problem nicht eher, dass Familien mit billiger, unqualifizierter Lohn­arbeit sich das Leben nicht mehr leisten können? Strache: „Sie verstehen mich ­offensichtlich grundsätzlich nicht. Ich mache die Politik dafür verantwortlich, seit vier Jahrzehnten nicht auf neue Entwicklungen reagiert und Steuergeld in die ­Zuwanderung investiert zu haben, aber nicht in die eigenen österreichischen Familien.“ Auch da die Zuwanderung. Strache führt, und das kommt in diesem Gespräch immer und immer wieder vor, einen Abwehrkampf gegen alles, was in der Welt neu, anders oder gar fremd ist. Dass Unbekanntes immer eine intensivere Auseinandersetzung erfordert, ficht den Freiheitlichen nicht an, obwohl ihn das erst in die Lage versetzen würde, Antworten auf neue Entwicklungen zu geben. So aber bleibt es beim Verteidigungsreflex.

Von Markus Pühringer

Über die Freiheit, die die FPÖ meint, und Straches "Europa der Vaterländer" lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 33/09.

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