Millionen-Grüße aus Kiew

Millionen-Grüße aus Kiew

Drehscheibe Wien. Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch und seine politischen und wirtschaftlichen Mitstreiter nützen Österreich als diskreten Angelpunkt ihrer millionenschweren Finanz- und Immobilien-Deals.

Unbestätigten Medienberichten zufolge soll sich der als ukrainischer Premierminister abgetretene Mykola Azarow bereits "wenige Stunden nach seiner Rücktrittserklärung" am Dienstagvormittag Richtung Österreich begeben haben, um sich "zu seinen Verwandten nach Österreich bringen zu lassen".

Die ukrainische Botschaft in Wien wollte diese Angaben nicht bestätigen. "Wir haben dazu offiziell keine Informationen", so eine Sprecherin. In einem Medienbericht vom Freitag hieß es, Azarow habe angeblich vor, "für eine längere Zeit in Wien unterzutauchen".

Drehscheibe Wien

Der größte Fluss der Ukraine ist nicht der Dnjepr, sondern der schier unversiegbare Strom an Staatsvermögen, der das Land in Richtung Österreich, Liechtenstein, England und in die Karibik verlässt - so lautet die Einschätzung eines Kiewer Oppositionellen. Tatsächlich haben haben die politischen und wirtschaftlichen Eliten rund um Präsident Viktor Janukowitsch ein dichtes Netzwerk an westlichen Firmen aktiviert, um Millionen außer Landes zu bringen. Drehscheibe dieser klandestinen Vermögensverschiebungen ist Wien.

Hier sitzen die involvierten Anwälte und Steuerberater, liegen wertvolle Immobilien und logieren umtriebige Firmenkonstruktionen. Auch das politische und wirtschaftliche Lobbying der Janukowitsch-Getreuen operiert an der Donau. Sogar sein 320 Seiten Buch „Opportunity Ukraine“ hat der machtbewußte Präsident im Wiener Mandelbaum Verlag publiziert. Und als Journalisten einst seinen Schreibtisch in der Präsidentendatscha fotografierten lagen obenauf Unterlagen der Wiener DF Group des ukrainischen Oligarchen Dymtro Firtash.

Fakt ist, dass Janukowitsch, sein bis Mitte dieser Woche amtierender Premierminister Mykola Azarow und die Hauptfinanziers der regierenden Partei der Regionen, die Brüder Andrej und Sergej Klujew enorme Vermögenswerte angehäuft haben. Janukowitsch selbst verfügt über die mit Panzergräben gesicherte 30.000 Hektar große Jagd „Sohulutscha“, die protzige Luxus-Datscha „Meschigorja“, den Palast „Cape Aya“ am Schwarzen Meer, sowie eine schöne Flotte an Privatjets (z.B. eine Falcon 900), ein sechssitziger Hubschrauber Augusta Agusta 139 mit Innendesign des Studios Pininfarina, sowie Wohnungen in Kiew. Sein Vermögen wird auf rund 150 Millionen Euro geschätzt.

Enorme Vermögenswerte

In der letzten offiziellen Steuererklärung wurden allerdings nur Einlagen in der Höhe von 2.985.165 Millionen Dollar und Einkünfte von 2.455.000 Millionen Dollar angegeben. Der Rest wird über Treuhänder und Vermögensverwalter bzw. die Klujew-Brüder gehalten. Erstaunlich: Präsidentensohn Oleksandr, gelernter Zahnarzt, konnte während der Amtszeit seines Vaters laut Forbes gar ein Vermögen von 187 Millionen Dollar anhäufen.Die Recherche nach ukrainischem Vermögen in Wien führt zu einem anderen Polikersohn - Oleksej Azarov. Dieser wohnt in einem schönen Haus in Wien-Pötzleinsdorf und war bis Ende 2011 Geschäftsführer der Sustainable Ukraine GmbH. Bemerkenswert: Sein damaliger Co-Geschäftsführer und heutige Alleinverantwortliche Friedrich Bubla ist zugleich Eigentümer der Vermietungsgesellschaft in Pötzleinsdorf. Bubla scheint im Firmenbuch auch als Bevollmächtigter der Euro East Beteiligungs GmbH auf, die die Datscha von Janukowitsch erwarb.

Zurück nach Pötzleinsdorf: Laut Grundbuch gehört der Wohnsitz des Politikersohns Azarov einer Lada Holding aus Liechtenstein die unter dem Dach der P&A Corporate Trust registriert ist. Eben jener P&A gehört auch die Klujew-Firma Activ Solar aus Wien, die sich wiederum das Büro mit der früheren Pötzleinsdorf-Eigentümer GBM Handels GmbH teilt. Das renommierte britisch-ukrainische Nachrichtenportal business new europe ortet einen einzigen Zweck hinter diesen wirren Konstruktionen: Vermögensverschleierung. Bubla gab bis Redaktionsschluß gegenüber FORMAT keine Stellungnahme ab

Austro-Connection

Hinter der P&A Corporate Trust und der assoziierten Compaserve-Gruppe steht ein diskreter Salzburger - Reinhard Proksch. Bei seiner Firmengruppe in London und der Liechtensteinischen Kapitale Vaduz münden fast alle Eigentumsverhältnisse der Jagd, Datscha, Flugzeugflotte, etc. von Janukwitsch (siege Grafik ). Der 51-Jährige gilt in der Ukraine als der Vermögensverwalter der Elite rund um Präsident Janukowitsch, was dieser gegenüber FORMAT zurückweist: „Mein Geschäft ist nur jenes, Immobilien- und Beteiligungsbesitz für ausländische Kunden zu halten oder zu verwalten. Hier habe ich in der Regel eine Funktion als Controller, das heißt ich passe auf, dass keine Unregelmäßigkeiten passieren. Ich bin keineswegs Vermögensverwalter im Sinne einer Geldverwaltung. Die Verwaltung von Gesellschaftstrukturen ist eine rein steuertechnische und administrative Tätigkeit.“

Tatsächlich ist Reinhard Proksch schwer greifbar oder wie er es selbst ausdrückt: „Ich habe Aufenthalt in Liechtenstein und Österreich und den USA. Ich bin sehr unstet, das heißt kaum länger als ein bis zwei Wochen an einem Ort.“ Bemerkenswert ist seine Verbindung zu seinem Cousin Richard Proksch, der auf den Compaserve-Internetseiten als Team-Member geführt wird. Dieser ist in zumindest einer Firma des Oligarchen Yakov Goldowski aktiv, der einst wegen der Unterschlagung eines 97 Millionen Euro-Anteils an der Gazprom kurz in Untersuchungshaft saß. Zudem unterhält Richard Proksch über diverse Stiftungen engen Kontakt mit Wiener Steuerberatern und Wirtschaftstreuhändern, die Stiftungen von Unternehmen der östlichen Oligarchen-Elite von Boris Fuchsmann bis Elena Baturina verwalten oder verwaltet haben. Die enge Bindung an Russland ist logisch - steht doch Janukowitschs „Partei der Regionen“ für einen klaren pro-russischen Kurs wie er im östlichen Teil der Ukraine verbreitet ist.

Politisches Sperrfeuer

Das massive Interesse am Vermögen des Janukowitsch-Clans durch ukrainische Oppositionelle und dortige regierungskritische Medien ist klar. Hier soll wirtschaftlicher Druck auf die Machthaber ausgeübt werden. Und vor allem die Europäische Union soll zu politschen Geschützen greifen. Teilweise mit Erfolg. Der EU-Parlamentarier Jo Leinen von der SPD fordert wegen der Menschenrechtsverletzungen Konten von ukrainischen Regierungsvertretern zu sperren. Andere fordern Einreiseverbote, Sanktionen und Isolation durch die westeuropäischen Länder. Treibende Kraft hinter den Sanktionsforderungen in der Ukraine selbst ist die inhaftierte Gas-Prinzessin Julia Timoschenko, die selbst auf umstrittene Weise zu ihrem gewaltgen Vermögen kam.

Immerhin bekamen die einflussreichen Klujew-Brüder vergangene Woche schon ordentliche Schwierigkeiten in Österreich: Sie haben ein Formular bei der Vorarlberger Hypo falsch ausgefüllt und ihren Status als politisch exponierte Personen verschwiegen, womit sie gegen österreichische und europäische Anti-Geldwäsche-Bestimmungen verstoßen haben könnten.


FORMAT-GRAFIK: Das geheime Austro-Netzwerk von Janukowitsch

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