Flugzeugabsturz Malaysia Airlines: Ukraine gibt Russen die Schuld

Deutlich werden indes die wirtschaftlichen Auswirkungen der Katastrophe, bei der 298 Menschen starben: Das Vertrauen in russische Anleihen sinkt, an den Börsen herrscht Unruhe - vor allem die Aktien von Airlines stürzen ab.

Flugzeugabsturz Malaysia Airlines: Ukraine gibt Russen die Schuld

Die Hinweise auf einen Abschuss der über der Ostukraine abgestürzten Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord verdichten sich. Wer aber das Flugzeug der Malaysian Airlines am Donnerstag beschossen haben könnte, ist unklar. Die Konfliktparteien in der Ukraine machen sich in einem regelrechten Propaganda-Krieg gegenseitig für die Katastrophe verantwortlich.

Von der ukrainischen Regierung verbreitete Informationen legten schon am Abend der Katastrophe nahe, dass prorussische Separatisten die Passagiermaschine mit einem ukrainischen Militärflugzeug verwechselt und deshalb abgeschossen haben könnten. Auch US-Vizepräsident Joe Biden erklärte noch am Abend, es habe sich um keinen Unfall gehandelt.

Nachrichtenagenturen geben die Berichte von Augenzeugen wider, laut denen das Flugzeug bereits in der Luft explodiert sei - auch das legt einen Abschuss nahe. Außerdem sollen dem Fernsehsender CNN Berichte der US-Geheimdienste vorliegen, die den Abschuss durch Separatisten bestätigen. Der in Amsterdam gestartete Flug MH17 befand sich gerade über der Region um Donezk, als das Flugzeug um 15.20 Uhr (MESZ) vom Radar verschwand. Nur 17 Minuten später schrieb der Verteidigungsminister der von den Separatisten ausgerufenen "Republik Donezk", Igor Strelkow, auf der russischen Internetplattform VKontakte: "Wir haben gerade eine An-26 abgeschossen" - ein Transportflugzeug aus sowjetischer Produktion, das auch im Dienst der ukrainischen Luftwaffe steht.

Neben dem Eintrag auf dem sozialen Netzwerk war Videomaterial zu sehen, das stark den Aufnahmen vom Absturzort der malaysischen Maschine ähnelte. Zudem schrieb Strelkow, das von den Rebellen abgeschossene Flugzeug sei nahe der Mine Progress niedergegangen - unweit der Absturzstelle von MH17.

Kiew hatte zuletzt mehrfach beklagt, dass die Separatisten ukrainische Militärflugzeuge abgeschossen hätten, darunter Mitte Juni auch eine Antonow-26. Am Montag hatte das ukrainische Militär dann Russland vorgeworfen, eine Transportmaschine vom Typ An-26 abgeschossen zu haben. Am Donnerstag meldete Kiew dagegen keinen derartigen Verlust.

Strelkows Eintrag auf VKontakte wurde kurze Zeit später wieder gelöscht. Die ukrainische Armee hatte den Post da aber schon aufgezeichnet und in einer englischsprachigen Übersetzung an die Presse weitergeleitet.

Telefonmitschnitte sollen Schuld beweisen

Zudem verbreitete der ukrainische Geheimdienst SBU vermeintliche Telefonmitschnitte zwischen zwei Rebellenführern, die abgehört worden seien. In den Tonaufnahmen sagt einer der beiden Abgehörten: "Es waren die Burschen von der Straßensperre Tschernuchin, die das Flugzeug abgeschossen haben, Major." Am anderen Ende der Leitung fragt jemand: "Ja und, Grek?" Die Antwort: "Es war ein zu hundert Prozent ziviles Flugzeug."

Haben sie Boden-Luft-Raketen?

Die Separatisten bestreiten, dass sie überhaupt in der Lage gewesen wären, eine in zehn Kilometern Höhe fliegende Maschine abzuschießen. Doch einige Stunden vor dem Absturz hieß es noch auf dem Twitter-Konto der "Republik Donezk", die Rebellen hätten der ukrainischen Armee Boden-Luft-Raketen vom Typ Buk entwendet. Auch dieser Eintrag wurde wieder gelöscht.

Die ukrainische Armee hatte noch vor dem Absturz der Boeing 777 bestätigt, dass die Separatisten über Buk-Raketen verfügten. Diese können nach Herstellerangaben Ziele in bis zu 25 Kilometern Höhe treffen. Diese Information wurde am Freitag Vormittag allerdings wieder relativiert: Die Aufständischen hätten - anders als von ihnen selbst im Juni behauptet - keine einsatzfähigen Waffensysteme dieser Art erobert, sagte der ukrainische Generalstaatsanwalt Witali Jarema am Freitag in Kiew. Nach offiziellen Angaben aus Kiew hatten die Separatisten zwar im Juni eine "Buk"-Anlage erobert, die allerdings nicht funktionsfähig gewesen sei. Aus Sicht der Ukraine führt die Spur nach Russland. Demnach soll von dort ein "Buk"-System mit Raketen und Bedienpersonal in die umkämpfte Ostukraine gebracht worden sein.


Bild: © APA/Martin Hirsch

Ein weiterer Punkt spricht dagegen, dass unerfahrene Separatisten hinter dem Abschuss stecken: Ein Experte des österreichischen Bundesheeres, Oberstleutnant Reinhard Zmug, erklärte im Gespräch mit der APA, dass ein Laie das Lenkwaffensystem-System Buk "nicht einmal in Betrieb nehmen" kann. Um ein derartiges System bedienen zu können, sei eine Ausbildung von zwei bis drei Jahren notwendig. Das Radar des Systems lässt zudem keinerlei Rückschlüsse darüber zu, ob es sich um ein ziviles oder ein militärisches Flugzeug handelt. "Das ist nicht erkennbar. Man sieht nur einen Punkt, kann aber nicht sagen, wie groß oder wie schwer das Objekt ist", so Zmug. Auch der Abschuss von Raketen ist beim Buk-System sehr kompliziert. Während bei den modernen sogenannten Fire-And-Forget-Systemen die Raketen ihr Ziel selbst ansteuern, muss beim Buk das Objekt über einen längeren Zeitpunkt hin verfolgt werden, wozu zumindest zwei gut ausgebildete Personen notwendig sind.

Russische Zeitungen: Putins Flugzeug als Ziel

In Moskau verbreitete am Freitag das staatlich kontrollierte Fernsehen wiederum die These, das Flugzeug des russischen Präsidenten Wladimir Putin könnte das eigentliche Ziel der möglicherweise abgefeuerten Rakete gewesen sein.
Der Sender Russia 24 zitierte einen Vertreter der zivilen Luftfahrt mit dem Hinweis, das Logo auf dem malaysischen Flugzeug "sieht aus wie die russische Trikolore". Tatsächlich war Putin am Donnerstag von Lateinamerika aus zurück nach Russland geflogen. Seine Maschine flog ebenso wie der Flug MH17 von Malaysia Airlines über Osteuropa - ungefähr zur selben Zeit, wie der Sender Perwy Kanal feststellte. Die Ukraine hatte den Vorwurf erhoben, pro-russische Kämpfer hätten die zivile Maschine mit einer Rakete abgeschossen - möglicherweise weil sie eigentlich ein ukrainisches Militärflugzeug treffen wollten.

In Russland berichteten Fernsehsender indes über Augenzeugen, die ein zweites Flugzeug über der Absturzstelle gesehen haben wollen. Der Perwy-Kanal mutmaßte, dass eine ukrainische Militärmaschine in den Absturz von MH17 verwickelt gewesen sein könnte, wobei das ukrainische Flugzeug wiederum wenig später von den pro-russischen Separatisten abgeschossen worden sein könnte. "Bisher wissen wir nicht, wo das Flugzeug ist", berichtete der Sender. Einheimische hätten einen Menschen mit Fallschirm in der Region abspringen sehen.
Knackpunkt Blackbox

Bei Flugzeugabstürzen dient normalerweise der Flugschreiber - die so genannte Blackbox - zur Klärung diverser Umstände des Unglücks; das Gerät besteht aus Flugdatenschreiber und Stimmenrecorder. Freitagfrüh war offenbar ein zweiter Flugschreiber aufgetaucht, den Rettungskräfte entdeckten. Einige Stunden nach dem Absturz hatten pro-russische Rebellen bereits berichtet, sie hätten ebenfalls eine Blackbox gefunden.

Malaysia Airlines: Maschine wurde gewartet

Malaysia Airlines muss damit bereits den zweiten Flugzeugabsturz binnen eines Jahres verkraften. Am 8. März ist Flug MH370 von Kuala Lumpur nach Peking spurlos verschwunden. Es folgte eine monatelange, vergebliche Suche nach der vermissten Boeing 777.

Format.at berichtete:

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In diesem Fall betont die Airline allerdings, mit der Maschine selbst sei alles in Ordnung gewesen. Das Flugzeug sei 17 Jahre in Betrieb und habe keine technischen Mängel aufgewiesen.

The B777-200, 9M-MRD that operated MH17 has been in service for 17 years. It had a clean maintenance record - http://t.co/HUIWQXl7dx

— Malaysia Airlines (@MAS) 18. Juli 2014

Außerdem betont das Unternehmen, dass die Flugroute von den Behörden als sicher klassifiziert wurde.

Malaysia Airlines #MH17 flight route was declared safe and unrestricted by ICAO & IATA - http://t.co/HUIWQXl7dx

— Malaysia Airlines (@MAS) 18. Juli 2014

Allerdings haben andere Fluggesellschaften das Gebiet bereits seit Monaten weträumig umflogen. Die koreanischen Airlines Korean Air und Asiana sowie die australische Fluglinie Qantas leiteten ihre Flüge nach eigenen Angaben bereits nach der Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim durch Russland im März um.

Asiana-Maschinen seien aus "Sicherheitsgründen" nicht mehr über die Ukraine geflogen, sagte eine Sprecherin am Freitag. Korean Air verlegte seine Flugroute über der Ukraine "wegen der politischen Unruhen in der Region" um 250 Kilometer nach Süden, wie ein Vertreter der Fluglinie der Nachrichtenagentur AFP sagte. Eine Qantas-Sprecherin sagte, ursprünglich seien Qantas-Flugzeuge auf der Verbindung von London nach Dubai über die Ukraine geflogen. Die Route sei aber schon "vor einigen Monaten" geändert worden. Andere Fluglinien wie Japan Airlines und All Nippon Airways oder Garuda aus Indonesien gaben an, sie seien ohnehin nie über die Ukraine geflogen.

Lufthansa leitet um

Die AUA-Mutter Lufthansa teilte am Donnerstagabend mit, sie habe "entschieden, von sofort an den ukrainischen Luftraum weiträumig zu umfliegen". Auch Frankreich, Großbritannien und die US-Luftfahrtbehörde FAA forderten Fluggesellschaften nach dem Absturz dazu auf, den Luftraum über der Ukraine zu meiden.

Die US-Luftfahrtbehörde verbot am späten Donnerstag Abend amerikanischen Maschinen das Überfliegen der Ostukraine. Am Freitag hieß es, der gesamte Luftraum in der Ostukraine sei gesperrt worden. Die ukrainische Vorgabe gilt laut europäischer Luftraumaufsicht Eurocontrol bis auf Weiteres. Bei der AUA (Austrian Airlines) sind deshalb am Freitag vier Flugzeuge am Boden geblieben.

Vertrauen in Anleihen sinkt

Wirtschaftliche Auswirkungen der Katastrophe bleiben nicht aus. Das Vertrauen in russische Staatsanleihen ist nach dem mutmaßlichen Abschuss eines malaysischen Flugzeugs über der Ostukraine offenbar durch prorussische Rebellen deutlich gesunken. Die Renditen auf 10-Jahres-Anleihen sind klar gestiegen. Nachdem die Zinsen Ende Juni noch bei 8,33 Prozent lagen, gingen sie am Freitag auf 9,03 Prozent hinauf.

Die seit Monaten anhaltenden Spannungen zwischen der Ukraine und Russland hatten im April zu einem bisherigen Höchststand der Zinssätze für Moskau von 9,68 Prozent geführt. Seither waren sie langsam gesunken und hatten am 30. Juni einen relativen Tiefwert erreicht. Die 9,68 Prozent vom April waren der Höchstwert seit September 2009.

Beunruhigung an den Aktienmärkten

Auch an den Aktienmärkten macht sich Unruhe breit, Der DAX baute sein gut einprozentiges Vortagesminus um 0,5 Prozent aus und fiel auf 9.704 Punkte. Auch die Börse in Moskau lag im Minus. Besonders unter Druck gerieten die Aktien von Malaysia Airlines, sie brauchen in Kuala Lumpur um 8,9 Prozent ein.

"Mit dem Abschuss einer Passagiermaschine, die das ukrainische Bürgerkriegsgebiet überflog, hat der Konflikt Westeuropa und den Rest der Welt erreicht", schrieb Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Kommentar. "Es ist naheliegend zu vermuten, dass der Westen daraufhin geneigter ist, nennenswerte Sanktionen gegen Russland zu verhängen." Die Leitindizes der Moskauer Börse fielen um jeweils etwa zwei Prozent.

Airlines unter Druck

Die Papiere von Malaysia Airlines brachen an der Börse Kuala Lumpur um elf Prozent ein. Schon vor dem mutmaßlichen Abschuss über der Ukraine gab es Pläne, das defizitäre Unternehmen von der Börse zu nehmen. Die Airline muss rund vier Monate nach dem rätselhaften Verschwinden eines ihrer Flugzeuge erneut ein schweres Unglück verdauen.

Der Absturz der malaysischen Maschine setzte auch die europäischen Luftfahrtgesellschaften unter Druck. Lufthansa verloren 1 Prozent, Air France 1,8 Prozent und die British-Airways-Mutter IAG 1,4 Prozent.

Allianz muss wohl haften

Die Allianz muss womöglich für die abgestürzte Maschine haften; der Münchner Dax.Konzern teilte mit, der Hauptversicherer zu sein.

Nach Angaben des Versicherungsbrokers Aon geht es in dem Fall um einen Kaskoschutz von 97 Mio. Dollar (71,7 Mio. Euro) für das Flugzeug. Die Analysten der Großbank Barclays betonten in einer Kurzanalyse allerdings, sollte es sich bewahrheiten, dass die Maschine abgeschossen worden sei, würde der Fall anders bewertet. Dann wäre ein auf Kriegshandlungen spezialisierter Anbieter in der Pflicht. Laut Aon wäre davon vor allem die Atrium Underwriting Group betroffen, ein Spezialversicherer, der am traditionsreichen britischen Versicherungsmarkt Lloyds of London Policen anbietet. Atrium lehnte eine Stellungnahme ab.

Neben dem Versicherungsschutz für das Flugzeug könnten aber weitere Haftungen greifen, vor allem für sogenannte Personenschäden. Hier könnte es Analysten zufolge um 300 Mio. Dollar oder mehr gehen. Auch bei der im März mysteriös verschollenen Malaysia-Airlines-Maschine MH-370 summierte sich der versicherte Schaden letztlich auf rund 400 Mio. Dollar. Rund 100 Mio. Dollar davon entfielen auf den Kaskoschutz für den Jet.

In diesem Fall war die Allianz ebenfalls maßgeblich betroffen. Auch die beiden Rückversicherer Münchener Rück und Hannover Rück mussten einen Teil übernehmen. Die Norddeutschen sind nach eigenen Angaben auch dieses Mal wieder betroffen, ohne jedoch Details zu nennen.

Die Ukraine hängt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch finanziell stark am Tropf Russlands. So hat es Moskau in der Hand, die europafreundliche Regierung des klammen Nachbarlands in arge Bedrängnis zu bringen. Möglich macht das eine Klausel in den Verträgen für eine drei Milliarden Dollar schwere ukrainische Staatsanleihe, die von Russland gehalten wird und noch bis Ende 2015 läuft.
 

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