Absturz von Malaysia Airlines: Ukraine wirft Separatisten Behinderung vor

Die Rebellen werfen die Vorwürfe zurück. Indes werden politische Rufe nach unabhängigen Nachforschungen lauter, Außenminister Sebastian Kurz ortet stärkeren Druck auf Vladimir Putin. Unter den Opfern befand sich Aids-Forscher, Politiker und Schriftsteller.

Absturz von Malaysia Airlines: Ukraine wirft Separatisten Behinderung vor

Nach dem mutmaßlichen Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine bleibt die Lage am Absturzort unübersichtlich. Die ukrainische Regierung warf den prorussischen Separatisten am Samstag vor, Beweismaterial zerstören zu wollen. OSZE-Beobachter klagten über Behinderungen durch die Rebellen, die alle Vorwürfe zurückwiesen.

Kiew beschuldigte die Separatisten, 38 Leichen weggeschafft und ukrainischen Ermittlern den Zugang zu der Unglücksstelle verwehrt zu haben. Die Aufständischen wollten "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören", erklärte Kiew. Ein Sprecher der Rebellen räumte den Abtransport "einiger Dutzend Leichen" ein, doch sei dies im Beisein von OSZE-Experten erfolgt. Die Ukraine wirft den Aufständischen vor, Flug MH17 am Donnerstag mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen zu haben. Die Separatisten bestreiten dies.

Internationale Experten gefährdet

Die Sicherheitslage am Absturzort blieb angespannt. Rebellenführer Alexander Borodaj erklärte, er könne nicht für die Sicherheit der internationalen Experten garantieren. Eine von Kiew vermeldete Einigung auf eine weiträumige Sicherheitszone gebe es nicht, sagte der Chef der selbstproklamierten "Volksrepublik Donezk".

Zugleich rief der Rebellenführer die internationalen Helfer auf, so schnell wie möglich ihre Arbeit am Absturzort aufzunehmen. Die Leichen der Opfer lägen seit zwei Tagen in der Hitze und müssten umgehend geborgen worden.

Kein Zugang für OSZE

Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) trafen am Samstag erneut an der Unglücksstelle ein, konnte sich jedoch kein umfassendes Bild von der Lage machen, da die Rebellen ihnen nur beschränkt Zugang gewährten.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans traf unterdessen in Kiew ein, um auf einen raschen Transport der Leichen zu den Angehörigen zu drängen. 193 der 298 Menschen an Bord des Flugzeugs kamen aus den Niederlanden. Timmermanns zeigte sich "verärgert und empört" über den pietätlosen Umgang mit den sterblichen Überresten der Opfer. "Wir werden nicht stoppen, bis die Schuldigen vor Gericht stehen", sagte er bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.

Angehörige fliegen in die Ukraine

Am Flughafen Amsterdam-Schiphol versammelten sich Hinterbliebene der Opfer, um zum Absturzort zu reisen. "Malaysia Airlines" teilte mit, dass eine Maschine zum Abflug bereitstehe, der Zugang zum Absturzort aber noch ungeklärt sei. Niederländische und malaysische Experten sind bereits in Kiew und dürften am Sonntag zum Absturzort fahren.

Am Samstag veröffentlichte die New York Times in ihrer Online-Ausgabe detaillierte Portraits der Absturz-Opfer. Wie zuvor von Medien berichtet, befanden sich unter anderem internationale Gesundheits-Experten in dem Flugzeug, die auf dem Weg zu einer Aids-Konferenz in Australien waren - darunter der niederländische Aids-Forscher Joep Lange, die Aktivisten Martine de Schutter und Pim de Kuijer, sowie der WHO-Pressesprecher Glenn Raymond Thomas. Auch der niederländische Politiker Willem Witteveen und der australische Schriftsteller Liam Davison waren an Bord der Maschine.

Politiker fordern Untersuchung

Zahlreiche internationale Politiker forderten eine rasche unabhängige Untersuchung der Absturzursache. So stimmten auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin in einem Telefonat überein, dass eine Kommission unter Leitung der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) "rasch Zugang zur Absturzstelle" erhalten müsse, "um die Umstände des Absturzes zu klären und die Opfer zu bergen". Es solle zudem rasch ein Treffen der Kontaktgruppe aus Vertretern der Ukraine, Russlands und der OSZE mit den Aufständischen in der Ost-Ukraine geben, "um einen Waffenstillstand zu vereinbaren".

Großbritannien warf Russland jedoch vor, nicht genügend Druck auf die Separatisten auszuüben, um umfassende Ermittlungen zu ermöglichen. Moskaus müsse endlich seinen Einfluss auf die Rebellen geltend machen, sagte Außenminister Philip Hammond. Er schloss sich damit Forderungen von US-Präsident Barack Obama an, der Putin ebenfalls in der Verantwortung sieht. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sagte, Putin müsse die "Verantwortung" für den Zugang zum Absturzort übernehmen. Der britische Premier David Cameron teilte nach einem Gespräch mit Rutte mit, die EU solle nach dem Jet-Abschuss ihr Verhältnis zu Russland überprüfen.

Kurz: Mehr Druck auf Putin

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) sagte in Zeitungsinterviews, er erwarte einen steigenden Druck auf Putin, sollte sich bestätigen, dass der Flug MH17 von pro-russischen Separatisten abgeschossen worden ist. Schärfere Sanktionen gegen Putin "würden dann im Raum stehen", sagte Kurz der Tageszeitung "Österreich" (Sonntagsausgabe). Gegenüber dem "Kurier" (Sonntagsausgabe) äußerte der Minister jedoch die Hoffnung, dass Putin "daraus die richtigen Schlüsse zieht, sich von den Separatisten distanziert, und jegliche Unterstützung von russischer Seite einstellt".

Der russische Außenminister Sergej Lawrow und sein US-Amtskollege John Kerry vereinbarten am Samstag in einem Telefonat, ihren Einfluss auf die Konfliktparteien zu nutzen, um "die Kämpfe zu stoppen" und Verhandlungen voranzutreiben. Zudem müsse den internationalen Experten freier Zugang zur Absturzstelle gewährt werden, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Weitere Gefechte

Die Gefechte in der Ostukraine dauern an. Nach Angaben Kiews brachten die Regierungstruppen die Flughäfen der Rebellenhochburgen Luhansk (Lugansk) und Donezk wieder unter ihre Kontrolle. Präsident Poroschenko kündigte an, auch juristisch gegen die Separatisten vorzugehen. Seine Regierung werde sich dafür einsetzen, dass die selbst ernannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk von der internationalen Gemeinschaft als "Terrororganisationen" eingestuft werden.

Ukrainische Stellungen sind nach Angaben der Regierung in Kiew in der Nacht auf Sonntag zwei Mal von Russland aus beschossen worden. Mörsergranatenangriffe seien kurz nach Mitternacht (Ortszeit) verzeichnet worden und dann noch einmal etwa zwei Stunden später, hieß es auf einer von der Regierung eingerichteten Facebook-Seite. In beiden Fällen sei aus Richtung Russland geschossen worden.

Airline am Abgrund

Für die Malaysia Airlines und das südostasiatische Schwellenland ist 2014 ein Jahr, das in düsterer Erinnerung bleiben wird: Malaysia erlebt in weniger als fünf Monaten gleich zwei Flugzeugkatastrophen mit zusammen mehr als 500 Opfern; nie zuvor ist eine Airline mit so einer Doppeltragödie konfrontiert gewesen. Zwar gibt es bis jetzt keinen Hinweis auf ein Versagen der malaysischen Behörden oder der Fluggesellschaft. Trotzdem bleibt ein beispielloser Imageschaden, und den haben sich Regierung und Airline auch selbst zuzuschreiben.

Unabhängig von Schuld und Verantwortung sind die Katastrophen für die Fluggesellschaft der Super-GAU. Die staatliche Airline ist seit drei Jahren in den roten Zahlen, bedrängt von der erfolgreichen heimischen Billigkonkurrenz Air Asia. Die Kunden laufen davon, erst recht seit dem Verschwinden von MH370. Die Aktien sind seit Monaten im Sinkflug. Das Unternehmen machte im ersten Quartal einen Verlust von umgerechnet 102 Mio. Euro - fast doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Der staatliche malaysische Vermögensfonds Khazanah Nasional Berhad, mit 69 Prozent größter Aktionär, hat schon vor der jüngsten Katastrophe massive Restrukturierung angemahnt.

Wird die Marke verschwinden?

"Selbst, wenn es reiner Zufall ist: keine Fluggesellschaft hat je innerhalb von ein paar Monaten zwei große Maschinen verloren", zitiert die BBC den Analysten der MAS-Bank DVB, Bertrand Grabowski. "Man muss sich fragen, ob eine Marke so etwas überstehen kann", sagt Maybank-Analyst Mohshin Aziz der BBC. Air-Berlin-Großaktionär Etihad hat Spekulationen über eine Beteiligung an Malaysia Airlines mehrfach zurückgewiesen.

Der PR-Berater Anthony McClellan sagte Im März nach dem Verschwinden der Malaysia-Airlines-Boeing MH370 beispielsweise zur Kommunikation der Fluglinie damals: "Das war das schlimmste Beispiel von Krisenkommunikation, das ich je gesehen habe", US-Medienberater Gerard Braud nutzt die verheerende Öffentlichkeitsarbeit beim Training für Krisenmanager heute als abschreckendes Beispiel.

Nach dem mysteriösen Verschwinden von MH370 wirkten Airlinevertreter und Minister konfus, uninformiert und ständig in der Defensive. Sie liefen Medieninformationen hinterher, korrigierten Angaben mehrfach, ließen sich in Spekulationen verwickeln und widersprachen sich. "Wir hatten die Kommunikation anfangs nicht im Griff, aber wir haben uns zusammengerauft", räumte Ministerpräsident Najib Razak später in einem CNN-Interview ein.

Nach dem Absturz von MH17 in der Ukraine läuft die Kommunikation besser. Aber dieses Mal ist Malaysia auch vereint mit der Welt in Abscheu gegen die Verantwortlichen. Bei MH370 stand die Airline selbst am Pranger. Die Boeing verschwand am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Erst Tage später wurde klar, dass die Maschine wahrscheinlich Stunden später im Indischen Ozean abstürzte. Vom Wrack fehlt bis heute jede Spur. Es ist auch nach wie vor unklar, ob das Flugzeug einen Defekt hatte, das malaysische Militär involviert war oder die Piloten die Maschine ins Verderben lenkten.

Die Ukraine hängt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch finanziell stark am Tropf Russlands. So hat es Moskau in der Hand, die europafreundliche Regierung des klammen Nachbarlands in arge Bedrängnis zu bringen. Möglich macht das eine Klausel in den Verträgen für eine drei Milliarden Dollar schwere ukrainische Staatsanleihe, die von Russland gehalten wird und noch bis Ende 2015 läuft.
 

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