Sepp Schellhorn: "Ich scheiß mich nix" [INTERVIEW]

Der Nationalrat verliert einen prominenten Abgeordneten. NEOS-Wirtschaftssprecher, Wirt und Hotelier Josef "Sepp" Schellhorn verabschiedet sich aus der Politik. Im Frühjahr sprach er mit Martina Bachler über Antrieb, Anspruch und Realität in der Politik und als Unternehmer. Das Gespräch zur Nachlese.

NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn

Sepp Schellhorn: "Das Land ist ja systemisch kaputt. Die Länder haben in der Pandemie Fuchspendeln mit der Regierung gespielt, und so ist es auch bei Strukturreformen."

NEOS-Wirtschaftssprecher, Wirt und Hotelier Josef "Sepp" Schellhorn legt seine politischen Funktionen zurück und wird sich in Zukunft auf seine Rolle als Unternehmer konzentrieren. Schellhorn hat Betriebe in seinem Heimatort Goldegg, in Bad Hofgastein, Sportgastein und in Salzburg.

Im Frühjahr sprach Schellhorn zwar im trend-Interview mit Martina Bachler bereits vom Aufhören - "ich wollte immer mit 55 aufhören" - der Rückzug aus der Politik kommt dennoch überraschend. In einer Aussendung erklärte er, seine Belegschaft in der gegenwärtigen Situation eines Fachkräfte-Mangels nicht länger alleine lassen zu wollen: "Gerade in der Gastronomie arbeiten wir derzeit alle am Anschlag mit leider wenig Perspektive auf Besserung." Er habe in den letzten Monaten der Pandemie hunderte persönliche Gespräche geführt und tausende Emails von Unternehmern in Nöten beantwortet, die ihm auch selber "an die Nieren gegangen sind". Der "anhaltende Klassenkampf gegen die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber als vermeintliche Ausbeuter" und die zunehmend kräfteraubende Stimmung in der Politik hätten ihn zuletzt in seinem persönlichen Entschluss bestärkt.

In der Folge finden Sie das noch wärhrend des Corona-Lockdowns geführte Interview mit Schellhorn zur Nachlese.


INTERVIEW

"Das Land ist systemisch kaputt"

Sepp Schellhorn bei einer Pressekonferenz im Mai 2020

Sepp Schellhorn bei einer Pressekonferenz im Mai 2020

Der als Politiker zurückgetretene Unternehmer Sepp Schellhorn im Interview über Absurditäten in der Politik und die Herausforderung, die Rolle als Politiker und Unternehmer unter einen Hut zu bringen.

trend: Zählen Sie noch die Tage, die Ihr Hotel, Ihre Restaurants geschlossen sind?
Sepp Schellhorn: Nein, ich zähle sie nicht. Ich zähle nur noch, wie oft wir glaubten, dass wir aufsperren können, und dann doch nicht aufsperren durften, die Abstände zwischen dem, was angekündigt wird, und dem, was dann passiert. Ich habe ja Mitarbeiter, die vor mir stehen und fragen: Können wir aufsperren?

Und können Sie am 19. Mai aufsperren?
Ich bin froh, dass wir dieses Datum haben. Jetzt geht es um die Frage, ob es hält und zu welchen Bedingungen wir wirklich öffnen. Wir brauchen die maximale Sicherheit für unsere Betriebe, aber vor allem für unsere Gäste. Deshalb braucht es auch sofort bilaterale Gespräche mit Deutschland. Die Regeln fürs Öffnen sollten mit dem wichtigsten Markt abgestimmt sein. Wir müssten auch endlich einmal wissen, ab welchen Werten dann wieder geschlossen wird. Diese Perspektive fehlt.

Ein normaler Winter spielt sich für Sie zwischen der Schank von zwei Skihütten im Gasteinertal, der Haubenküche in Ihrem Hotel und dem Parlament ab. Zwei Drittel davon fielen zuletzt weg. Sind Sie erholt?
Im Gegenteil. Wenn man wirtschaftliche Sorgen, wenn man verzweifelte Mitarbeiter hat und von jenen, die man nicht halten konnte, weiß, wie es ihnen geht, dann ist man enorm unentspannt. Der Winter war zeitweise geprägt von Schlaflosigkeit. Vor Weihnachten war das besonders schlimm.


Ich mache mir nicht primär Gedanken um mich, sondern um das Unternehmen und die Mitarbeiter.

Weil Sie nicht aufsperren konnten?
Erst hieß es, wir können am 6. Dezember aufsperren, dann vor Weihnachten, dann Mitte Jänner, und dann fiel auch der Februar flach. Die verschiedenen Systeme der Wirtschaftshilfe haben es nicht leichter gemacht. Wenn dir dein verantwortungsbewusster Steuerberater zum Fixkostenzuschuss II sagt, dass du besser erst im Juni einreichst, hast du irgendwann ein Thema mit der Liquidität. Hinzu kommt, dass die Stundung der Kreditraten bei den Banken bald ausläuft. Und da versuchst du, deine Mitarbeiter zu motivieren, die mit Tränen in den Augen vor dir stehen. Sie haben ja trotz Kurzarbeit hohe Reallohnverluste.

Schlaflosigkeit - gab es die in Ihrer unternehmerischen Laufbahn schon mal in dieser Form?
Nein. Ich mache mir auch jetzt nicht primär Gedanken um mich, sondern um das Unternehmen und die Mitarbeiter. Im Tourismus hast du immer Auf und Ab, aber dann denkst du dir, es geht schon wieder weiter. Noch nie hab ich aber die Sorge gehabt, wie ich meine Mitarbeiter wieder in den Vollerwerb bringe.

Sie sind einer der wenigen Unternehmer im Parlament. Wie geht sich das bei Ihnen aus?
Wäre ich Installateur oder Architekt, ginge das eh nicht. Mit dem Tourismus lässt es sich aber vereinbaren, weil hier vieles dann läuft, wenn in der Politik nichts läuft: am Wochenende.


Das Land ist systemisch kaputt.

Sie arbeiten durch?
Ich fahre eine relativ hohe Wattzahl, sicher, aber es geht, vor allem auch durch meine Frau Susi, durch sehr gute Mitarbeiter. Und in der Politik zu gestalten und gleichzeitig unternehmerisch zu handeln, gibt ja auch Energie frei. Nachdenken kann ich auf den Autofahrten zwischen Goldegg und Wien und immer, wenn ich so vor mich hin robote. Ich hab ja Spaß daran. Sogar wenn ich hinter der Schank stehe, einen laktosefreien Caffè Latte mach und wie gewünscht einen Topfenstrudel dazu gebe.

In der Politik ist Ihre Rolle dann gelegentlich die des grantigen Wirts, der sich beschwert.
Es enttäuscht mich, dass der Grant nicht zum Weltkulturerbe zählt.

Das ist sehr diplomatisch.
Natürlich bin ich emotional. Natürlich regt mich etwas auf. Und ich scheiß mich nichts.

Aber?
Nichts aber. Ich bin in der Opposition, das macht es sicher leichter, aber ich höre dann oft aus den anderen Parteien, dass ich mit vielen Sachen Recht habe, sie aber nicht mitziehen können.

Zum Beispiel?
Der Comeback-Plan ist nichts anderes als eine Wiederholung des Regierungsprogramms. Dabei ist das Land ja systemisch kaputt. Auch die Rechnungshofpräsidentin hat es ja zum Ausdruck gebracht. Die Länder haben in der Pandemie Fuchspendeln mit der Regierung gespielt, und genauso ist das bei den Strukturreformen. Die anderen wissen das, aber sagen: Wir können nicht mit.


Wir können den Fachkräftemangel nicht mit lauter autochthonen Österreichern beheben.

Ist das frustrierend?
Wann, wenn nicht jetzt, soll das sonst gehen? Wir fördern jetzt den Umstieg auf hybride E-Transporter im Bund, dann macht das aber auch der Salzbuger Landesrat noch einmal zusätzlich und sprengt sein Budget, statt dass wir den Föderalismus reformieren und endlich eine konkrete, große Lohnsteuerreform vorantreiben. Das beschäftigt mich, und das ist neben der Bildung und der Generationengerechtigkeit auch ein Grund, warum die Neos weiterhin als Ziel haben, mitzuregieren. In einzelnen Dingen finde ich überall Mitstreiter.

Überall?
Am wenigsten Verständnis vom Unternehmertum haben die Grünen, aber das ist logisch. Sogar bei der ÖVP gibt es Leute, die mir Recht geben, auch SPÖler und FPÖler denken unternehmerisch. Bei Letzteren ist ja auch einigen bewusst, dass sie den Fachkräftemangel nicht mit lauter autochthonen Österreichern beheben können.

Sie haben 2015 über 30 Flüchtlinge bei sich aufgenommen, was etwa in der FPÖ für ziemlich viel Wirbel sorgte.
Der FPÖ-Abgeordnete Walter Rosenkranz hatte im Parlament gestänkert, dass wir "Neos-Bobos" ja noch nie einen Flüchtling aufgenommen hätten. Also bin ich rausgegangen und habe gesagt: Ich mache das jetzt, und ich will, dass ihr das auch alle macht.

Und dann?
Dann hat mir ein Busfahrer 36 Männer in Gastein für die Türe gestellt und gesagt: "Unterschreib mir den Lieferschein." Als hätte er mir zehn Kisten Bier gebracht. Wir waren dann auf uns selbst gestellt. Durch viel Unterstützung in der Bevölkerung konnten eine Woche später Deutschkurse beginnen. Heute sind übrigens 17 der damaligen Flüchtlinge immer noch im Tourismus tätig. Das ist eine gute Quote.


Mir werfen Menschen vor, es ginge ums Geld, weil ich als Abgeordneter 8.000 Euro verdiene.

Dennoch gab es viel Widerstand.
Der hat auch erst aufgehört, als der Gasteiner Bürgermeister das Haus quasi auflöste. Es gab aber auch viel Unterstützung. Mir ging und geht es um das soziale Engagement. Den Rest hält man aus.

Was ist der Rest?
Beschimpfungen. Auch auf persönlicher Ebene. Mir werfen Menschen auch vor, es ginge ums Geld, weil ich als Abgeordneter 8.000 Euro verdiene - aber diese Leute wissen nicht, dass ich dafür drei Mitarbeiter in meinem Unternehmen brauche, die 15.000 Euro kosten.

Der Bundeskanzler hat zuletzt mehr Respekt eingefordert.
Das ist sehr schön, wenn er das macht und gleichzeitig flapsige, lustige, aber eigentlich ja diffamierende Nachrichten dazu abliefert, wie man über die Kirche, den Kleinanleger-Unterstützer Wilhelm Rasinger oder die Frauenquote redet.

Wie entblößend sind die ÖVP-Chat- Nachrichten?
Ich glaube, dass der Bundeskanzler da völlig schmerzfrei ist. Er fordert auch Respekt ihm gegenüber von den Medien ein, während ÖVP-nahe Medien wie "Zur Sache" und "exxpress" die Opposition diffamieren. Das ist alles lächerlich. Es ist aber alles nicht das Thema.


Mir war sehr früh klar, dass die Kammer nicht meine Interessen als Hotelier vertritt.

Was ist dann das Thema?
Die Frage ist einfach: Wie gehe ich auf jemand anderen zu? Da muss ich eine Lanze brechen für Gernot Blümel. Er ist der Einzige aus der ÖVP-Reihe, mit dem du streiten kannst und der sich danach mit dir zusammensetzt, um ernsthaft zu diskutieren. Die ÖVP schwenkt aber generell gerade um, die Minister suchen plötzlich die Aussprache mit allen Parteien. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber das gab es lange nicht. Ich rede jedenfalls mit fast allen, aus allen Parteien, und ich glaube, dass es auch nur so geht.

Unter Schwarz-Blau hätten Sie Wirtschaftsminister sein können. Sebastian Kurz fragte Sie, ob Sie zur ÖVP wechseln.
Das war an meinem 50. Geburtstag, im Mai 2017, gleich an dem Tag, an dem Kurz die ÖVP übernommen hatte. Ich wollte eh nicht feiern, also war es in Ordnung, da sehr viel zu telefonieren.

Warum lehnten Sie ab?
Ich war geschmeichelt, aber es war so leicht, zu durchschauen, worum es ging: Darum, die Neos zu zerstören. Ich sollte ja auch Gerald Loacker und Rainer Hable zur ÖVP bringen. Irgendwann bekam Christoph Leitl Wind davon, und dann war das eh wieder abgesagt. Unter den Bedingungen, die ich verbal gestellt hatte, war auch, die Pflichtmitgliedschaft der Kammer abzuschaffen.

Es wirkt, als wäre die Wirtschaftskammer Ihr Lieblingsfeind.
Mir war sehr früh klar, dass die Kammer nicht meine Interessen als Hotelier vertritt, sondern in erster Linie ihre eigenen. Ich engagierte mich deshalb in der Österreichischen Hoteliervereinigung. Die Wirtschaftskammer begegnete mir da mit etwas, das mich eigentlich immer stark macht: Widerstand. Geht nicht gibt's nicht. Nach zehn Jahren an der ÖHV-Spitze hat mich dann 2013 Matthias Strolz angerufen.


Du brauchst im Tourismus die Kreativität und Ausdauer, die du nur zwischen 30 und 45 hast.

Was hat er gesagt? Wir gehen als Neos in den Widerstand?
Ich sah die Möglichkeit, die unternehmerische Haltung ins Parlament zu bringen, eine der Perspektiven, die mir darin fehlen.

Sind Sie als Unternehmer eigentlich gesetzestreuer, seit Sie Politiker sind?
Nein. Ich hatte mir davor schon nichts vorzuwerfen. Es ging dann aber damit los, dass meine Betriebe laufend geprüft wurden. Vielleicht Zufall, vielleicht nicht, heute nehme ich's sportlich. Ich fürchte mich nicht davor, dass ich wegen irgendeinem Blödsinn in der Zeitung stehe. Ich hab es mir auch abgewöhnt, mit Journalisten zu telefonieren, während ich in der Küche stehe. Das hilft da auch.

Gibt es bei den Neos nicht die Regel, dass nach zehn Jahren Schluss ist mit der Politik?
Es wird eine Mitgliederversammlung geben, wo die Statuten vorgebracht werden, in welcher Funktion man dann noch tätig sein darf. Sonst wäre das bei mir mit dem 30. Juni 2024 vorbei. Leider schieben weder Peter Schröcksnadel, noch der Bundespräsident die Übergabe ihrer Tätigkeiten so weit hinaus, weshalb diese beiden Ämter also nicht in Frage kommen. Im Ernst: Vielleicht mache ich dann etwas ganz Anderes.

Oder sind wieder ganz Unternehmer?
Ich habe von meinem Vater den "Seehof" übernommen, mit einem Rucksack voller Schulden, und gesagt, dass ich das nur mache, bevor ich 30 bin. Du brauchst im Tourismus die Kreativität und Ausdauer, die du nur zwischen 30 und 45 hast.


Ihr könnt mir alles nehmen, aber nicht die Kultur.

Ist das auch so eingetreten?
Bestimmt. Ich bin sehr stolz, was wir aus all dem gemacht haben, auch wenn uns die Erweiterung zwischendurch fast das Genick gebrochen hat, aber ich wollte immer mit 55 aufhören. Unser Sohn Felix wird den "Seehof" nun 2024 übernehmen. Es ist ein Prozess, den wir professionell betreuen lassen, um uns die Schwierigkeiten zu ersparen, die ich mit meinem Vater hatte.

Bleibt eigentlich nur Ihr drittes Steckenpferd, die Kultur.
Die Kultur ist für mich das Wichtigste überhaupt. Der Ausgleich zu allem, weil du brauchst einen Ausgleich. Einen völlig anderer Zugang. Bei allen Verhandlungen hab ich immer gesagt: Ihr könnt mir alles nehmen, aber nicht die Kultur.

Mit Ihrer Erfahrung betrachtet und die heutige Situation im Blick: Braucht es eine bestimmte Konstitution, um in die Politik zu gehen?
Engagement und Ehrlichkeit. Das klingt heute vielleicht überraschend, man kann sich das vielleicht gar nicht vorstellen, aber ich bin davon überzeugt, dass du den ehrlichen Zugang brauchst, nicht für dich selbst da drin zu sitzen, und die Sicherheit, dass du dich in den Spiegel schauen kannst.


Zur Person

Sepp Schellhorn, geb. 1967, ist Unternehmer und war bis zum 24. Juni 2021 Nationalratsabgeordneter und stellvertretender Bundesvorsitzender der Neos. 1996 übernahm er von seinen Eltern den "Seehof" in Goldegg. Heute zählen auch das "Restaurant Mönchsberg" in Salzburg und Skihütten in Gastein zum Unternehmen. Für die Neos besetzte der Haubenkoch die Themen Wirtschaft und Kultur. Nach wie vor steht Sepp Schellhorn auch selbst in der Küche. Er zählt zu den bekanntesten Gastronomen des Landes. Sein Fokus liegt auf Lebensmitteln, die aus dem Umkreis von 120 Kilometer kommen.

Das Interview ist der trend. EDITION vom 30. April 2021 entnommen.

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