Sebastian Kurz - der Reisekanzler

Binnen zwei Jahren Besuche bei Donald Trump und Xi Jinping, dazu 30 Staatsvisiten quer durch die Welt. Was steckt hinter der ungebrochenen Reiselust des Kanzlers?

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
Sebastian Kurz - der Reisekanzler

KURZ IM WEISSEN HAUS. Der Kanzler wird in Washington als wichtiger europäischer Player wahrgenommen.


++ Hinweis der Redaktion ++

Der Artikel wurde vor der Absage des für Dienstag, den 3. März 2020 geplanten Besuchs von Bundeskanzler Sebastian Kurz bei US-Präsident Donald Trump verfasst. Das Weiße Haus hat das Treffen "aufgrund der allgemeinen Coronavirus-Situation" verschoben.


Stell dir vor, es ist EU-Gipfel, aber keiner schaut hin. Die frisch gewählte EU-Kommissionspräsident Ursula von der Leyen und die alteingesessene EU-Strippenzieherin Angela Merkel spielten zwar auch beim jüngsten Ringen um das EU-Budget eine zentrale Rolle, permanent im Bild waren nicht die Brüsseler Spitzen, sondern der Regierungschef eines kleinen EU-Landes.

Wenn Sebastian Kurz auf Reisen geht, hat er immer einen eigenen Fotografen im Schlepptau. Er ist meist Teil der offiziellen Delegation, damit er ohne lästige Debatten auch bei Terminen im kleinen Kreis mit dabei sein kann. Das jüngste Ergebnis schlug sich dieser Tage in so gut wie allen heimischen Medien erfolgreich nieder.

Statt der üblichen Bilder der Big Shots von Macron bis Merkel dominierte ein vermeintlicher Schnappschuss. Die "sparsamen vier", die sich am Rande des EU-Gipfels wiederholt verabreden: Sebastian Kurz im Kreise der Regierungschefs von Schweden, Dänemark und den Niederlanden. Als vier der fünf Nettozahler "wollten sie noch härter auftreten als Deutschland und verhindern, dass mehr als ein Prozent der Jahreswirtschaftsleistung in den EU-Haushalt fließt", rapportierte etwa auch "Der Spiegel".

Auf den Fotos von den Meetings der "frugal four" ist die Botschaft noch eindeutiger. Es gibt nur einen, der hier den Ton angibt: Sebastian Kurz spricht mit raumgreifender Gestik, die anderen drei hören ihm freundlich-aufmerksam zu. Denn Österreichs Kanzler-Fotograf, der selbstredend mit dabei war, gibt nur jene Bilder frei, die den Chef in der Rolle des unermüdlich Aktiven zeigen.


Dynamischer Sparefroh


Die sorgsam ausgemusterte optische Beute landet nicht nur dort, wo sie allein hingehörte -auf der Homepage des Bundeskanzleramts und auf den Social-Media-Kanälen, die Sebastian Kurz unterstehen. In Spardruckzeiten wie diesen greifen so gut wie alle Medien auf das freundliche Angebot der Kanzler-Entourage zurück: ein paar handverlesene aktuelle Kanzler-Bilder kostenlos frei Haus.

Der journalistische Preis ist hoch: Auf den Bilddokumenten gibt es nur einen Superstar - Sebastian Kurz, wen sonst.

Die Kurz-Truppe muss zwar damit leben, dass sich im Kleingedruckten der eine oder andere kritische Satz fand. Denn diese Story lesen Kurz & Co gar nicht gerne: Hier "die vier Geizigen", die die Rolle der Brexit-Briten übernehmen und lautstark auf die Ausgabenbremse steigen; dort "die Ehrgeizigen" wie die EU-Parlamentarier, die mehr Geld für neue EU-Ziele wie den Green Deal fordern.

Aber wann, wenn nicht beim sperrigen Thema EU- Haushalt, gilt die alte Formel, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt? Kurz, der dynamische Sparfroh, im Kreise seiner EU-Mitstreiter.


Erste Aufwartung für Trumps zweite Amtszeit


In den ersten Märztagen wird es weiter Kurz-Bilder regnen: Der österreichische Kanzler Aug in Aug mit dem mächtigsten Mann der westlichen Welt. Knapp mehr als ein Jahr nach seinem ersten Besuch im Weißen Haus wird Sebastian Kurz neuerlich auf Donald Trump treffen. Der "young guy" (Trump) wird just am Super Tuesday im Weißen Haus sein, dem Schlüsseltag der Vorwahlen im Lager der Trump-Herausforderer.

"Sehr viel Aufmerksamkeit wird auch der Auftritt von Kurz bei der Jahrestagung von AIPAC (The American Israel Public Affairs Committee) erwecken", sagt Martin Engelberg. Bei Tagungen der jüdischen US-Lobbyorganisation für Israel sind satzungsgemäß vornehmlich amerikanische Politikgrößen gefragt. "Er ist einer der höchstrangigen westlichen Politiker, die je dort aufgetreten sind", weiß der ÖVP-Bereichssprecher für Internationale Entwicklung.

Martin Engelberg war auch schon bei der Premiere im Weißen Haus im Februar 2019 mit dabei. Seine Erklärung für das Revival: "Kurz wird im Weißen Haus als wichtige politische Figur Europas wahrgenommen."

Trump blieb den Teilnehmern nicht nur "für seine Verhältnisse fast charmant" in Erinnerung. "Zwei Treffen knapp hintereinander sind ein Zeichen von Interesse und Wertschätzung", resümiert ein Spitzendiplomat. "Die USA haben wegen des Handelskrieges mit China Europa wieder mehr am Radar. Der diplomatische Apparat weiß, dass Kurz trotz seines jugendlichen Alters schon zu den erfahreneren Politikern zählt und in der EU eine besondere Rolle spielt."

Kurz selber steigt am 1. März in die AUA-Maschine nach Washington mit der Erwartung, dass es Europa ab Jänner 2021 noch einmal vier Jahre mit Trump zu tun haben wird. Da kann es nicht schaden, schon vorab seine Aufwartung für die zweite Amtszeit zu machen.


Gestern Peking, heute Washington, morgen Moskau


Der dreitägige Trump-Trip wird wohl nicht mehr als so spektakulär wahrgenommen werden wie im Vorjahr. Was permanent auffällt, ist aber, dass kein Kanzler der jüngeren Geschichte derart viel auf Achse war wie der 33-jährige Amtsinhaber. Allein in seinen ersten 17 Monaten als türkis-blauer Regierungschef absolvierte Sebastian Kurz - abseits von regelmäßigen EU-Terminen in Brüssel - gut 30 Auslandsreisen: zwei große China-Touren binnen zwei Jahren, eine davon mit der größten Wirtschaftsdelegation aller Zeiten gemeinsam Alexander Van der Bellen; Fernost- (Singapur, Hongkong), Afrika- (Äthiopien, Ruanda) und Russland-Trips (Moskau, St. Petersburg) sowie regelmäßige Kurzaufenthalte in den wichtigsten europäischen Hauptstädten, aber auch Reisen in die aufstrebenden Metropolen am Balkan.

Im gleichen Tempo ging es nach Kurz' Wiederwahl weiter - mit dem vorläufigen Höhepunkt, Donald T., die Zweite.



Ein Weggefährte des Kanzlers ist sich sicher: Kurz strebt nach höheren Weihen in Brüssel.

Was aber steckt hinter der ungebrochenen Reiselust des Kanzlers? Das Türöffnen für Wirtschaftsdelegationen gehört vor allem in Asien zum Job. In Staaten mit autoritären Regimen und einem staatsnahen Wirtschaftssystem ist politisches Klinkenputzen für Geschäftsanbahnungen spielentscheidend.

Kurz macht in Sachen Auslandskontakte aber mehr als seine Hausaufgaben. Es gibt abseits der Staatsvisiten auch Auslandstermine, die Kurz meist unter dem Radarschirm hält. Als ÖVP-Chef versäumt er so gut wie keine Konferenz der EVP, des EU-Zusammenschlusses der konservativen Parteien. Bereits als Außenminister zog er zudem als Co-Vorsitzender der EVP-Außenminister die Fäden hinter den Kulissen. Als etwa 2018 in der konservativen Welt viele noch auf ganz andere Kandidaten tippten, war sich Kurz mehr als ein Jahr vor der EU-Wahl schon sicher, dass die EVP den CSU-Mann Manfred Weber als Spitzenkandidaten ins Rennen schicken werde.


Traumziel Brüssel statt Silicon Valley


Alles in allem festigt das jenes Bild, das sich bei intimen Kanzler-Kennern immer mehr breitmacht. Sie glauben, dass Sebastian Kurz mittelfristig nicht, wie viele vermuten, einen CEO-Job in einem internationalen Konzern oder im Silicon Valley im Auge hat. Ein "political animal" wie Kurz würde in der Welt der Zahlenfüchse verdorren.

Ein Weggefährte des Kanzlers ist sich daher sicher: Der ÖVP-Chef strickt zielstrebig an seinem Aufstieg zu höheren Weihen in Brüssel. In vier Jahren stehen alle Spitzenjobs - von der Kommissionspräsidentin bis zum Ratspräsidenten - wieder neu zur Disposition. Wer, wenn nicht der alerte Österreicher, genieße - nicht zuletzt dank Türkis-Grün - in der konservativen Parteienfamilie derzeit mehr Beachtung? Kurz gelte in EVP-Kreisen so zunehmend als der ideale Spitzenkandidat für den EU-Wahlkampf 2024 - oder auch erst 2029.

Ausgemacht ist das noch lange nicht, zumal sich bis dahin auch die ungleiche Paarung mit den Ökos nachhaltiger bewähren muss als das unheilige Experiment mit den Blauen.

An Selbstbewusstsein auf dem nicht minder rutschigen EU-Parkett mangelt es Sebastian Kurz freilich schon jetzt nicht. Den griechischen konservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis ließ der österreichische Kollege kürzlich im Kreise der EVP-Vertrauten wissen: Wenn es eine neue Debatte über eine EU-weite Verteilung der Zehntausenden in Griechenland gestrandeten Flüchtlinge gebe, ersuche er ihn dringend, in Österreich erst gar nicht anzufragen. Das erspare, unter EVP-Parteifreunden gesprochen, ihm selber, aber auch Kurz eine peinliche Debatte, bei der jeder nur verlieren könne.


Der Autor

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend beleuchtet er wöchentlich Österreichs Politik.

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