Schulreform: "Die seit Jahrzehnten gleichen Strukturen zwingen zu falschem Handeln"

Der Streit um die Mehrstunden für Lehrer zeigt, wie weit die Vorstellungen über Reformen im Schulsystem auseinanderliegen. Dabei stehen die großen Brocken der Ministerin und der Gewerkschaft noch bevor.

Wie emotional aufgeladen die Diskussion läuft, lässt sich an einer einfachen Zahl ablesen: 20 Mails sind es, die der Bildungsberater von Unterrichtsministerin Claudia Schmied, Bernd Schilcher, täglich von Lehrern erhält. Die wenigsten sind aufmunternd oder positiv, die Meinungen und Vorwürfe bisweilen schon etwas krude: Da wird der Exklubobmann der steirischen ÖVP und ehemalige Landesschulratspräsident schon mal als „Marxist“ beschimpft, der einem roten Einheitsbrei in der Schule das Wort rede. Ein Indikator dafür, wie Debatten hierzulande aus dem Ruder laufen und sich nicht sachlichen Argumenten beugen.

Mediales Pingpong um Einsparungen
Schilcher nimmt die Vorwürfe trotzdem sportlich und die Lehrer weiter in Schutz: „Nicht die Lehrer sind schlecht oder handeln falsch. Es sind die seit Jahrzehnten unveränderten Strukturen im Schulsystem, die die Lehrer zu falschen Handlungen zwingen.“ Der aktuelle Streit um finanzielle Ressourcen zwischen Ministerium und Lehrer-Gewerkschaft ist dann nur mehr ein letzter Beleg dafür, wie weit die Positionen und Vorstellungen einer gemeinsamen Bildungspolitik voneinander entfernt sind.
Zur Erinnerung: Seit Ende Februar streiten die beiden Seiten, wie 525 Millionen Euro in den Jahren 2009 und 2010 eingespart werden können. Dieses Sparziel ist Schmied von Finanzminister Josef Pröll vorgegeben worden. 92 Prozent der Budgetposten im Unterrichtsministerium bestehen aus Personalkosten, fünf weitere Prozent laufen in Mietkosten für die Schulgebäude. Schmieds Vorgangsweise, mit Unterstützung der breiten Öffentlichkeit den Lehrern eine 2-Stunden-Mehrverpflichtung in der Klasse aufzubrummen, brachte die Gewerkschafter in Stellung und verschlechterte die Stimmung zusätzlich. Seit Wochen erleben nun die Zuschauer das mediale Pingpong zwischen den verhärteten Fronten, und beide Seiten wissen: Eine Einigung muss her. „Am Ende wird es einen Kompromiss geben müssen, mit dem beide Seiten ihr Gesicht wahren können“, glaubt ein Verhandler an keinen Streik nach den Osterferien. Jedenfalls drängt die Zeit, am 21. April soll das Budget wie verhandelt im Nationalrat beschlossen werden.

Echte Brocken warten noch
Wie auch immer eine Lösung aussehen wird (Reduzierung auf eine Stunde Mehrarbeit, stattdessen Streichen von Sonderzulagen, Verwaltungseinsparungen sowie eine Art Altersteilzeit bei Lehrern ab 55 Jahren), die echten Brocken der Reformarbeit warten noch auf alle Beteiligten. Denn Schmied macht keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Verhältnis aus finanziellem Input ins System und dem schwachen Leistungs-output, der in mehreren internationalen Studien auch empirisch fassbar ist, nicht zufrieden ist. Schmied weiß in dieser Frage neben diversen Bildungsexperten wie Schilcher auch die Industriellenvereinigung, die Grünen, Eltern- und Schülervertreter hinter sich. Und eine zunehmende Zahl von Lehrern.
Einer von ihnen ist Daniel Landau, AHS-Lehrer in einer Wiener Privatschule, der mit der Online-Plattform www.profspro.at für einen lösungsorientierten Dialog eintreten will. Landau hält den aktuellen Streit für ein „Symptom eines pervertierten Dienst- und Besoldungsrechts“ und will mit seiner offensiven Aktion das Image der Lehrer, die in der Öffentlichkeit meist als Neinsager dargestellt würden, verbessern. „Viele Lehrer werden von den überkommenen Strukturen des Schulsystems in ihrer Arbeit gehemmt und erledigen trotzdem täglich einen schwierigen Job.“ Vorsichtig formuliert Landau aber dann auch den Gedanken, sich „einen solidarisch gestaffelten Solidarbeitrag der Lehrer“ vorstellen zu können. Nachsatz: „Immerhin sind unsere Jobs sicher.“

Mehr Geld allein reicht nicht
Schmied wird viele Lehrer wie Landau brauchen, um ihre Ziele gegen die weitläufigen Widerstände im System durchzubringen. Denn eines ist klar: Wenn die Schule moderner und effizienter werden will, braucht es Veränderungswillen von allen Betroffenen. Experte Schilcher rechnet etwa vor, dass Österreich im OECD-Vergleich 10.400 US-Dollar pro Schüler pro Jahr ausgibt. Im OECD-Durchschnitt sind es 7.400 US-Dollar pro Jahr und Schüler. Schilcher: „Es reicht nicht zu sagen, wir brauchen mehr Geld. Es muss auch richtig eingesetzt werden.“ Neben Plänen, die Schulverwaltung zu vereinfachen, will Schmied noch heuer ein neues Besoldungsrecht in Angriff nehmen und stellt sich einfachere All-in-Verträge für Lehrer vor. Dabei soll es auch zu einem Eingriff in die ungleiche Gehaltspyramide kommen, mit höheren Einstiegsgehältern für Junglehrer und für ältere Jahrgänge entsprechend weniger. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil ist der Ausbau der Schulautonomie, um den Schulen mehr Verantwortung für Ressourcen und Personal zu geben. All das will Schmied mit den Lehrer-Gewerkschaftern verhandeln. Das wird schwierig. Schilcher: „Ich verfolge die Schulpolitik seit 1962. In der Zeit ist von der Gewerkschaft kein einziger inhaltlicher Vorschlag gekommen, sondern nur finanzielle Forderungen.“

Von Markus Pühringer

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