Schluss mit Sitzenbleiben: Relikt kostet
Staat und Gesellschaft Jahr für Jahr 1 Mrd.

Ein Relikt aus den Zeiten Maria Theresias kostet Staat und Gesellschaft Jahr für Jahr fast eine Milliarde Euro. Experten fordern in FORMAT: Das Sitzenbleiben muss abgeschafft werden.

Der Juni ist da, das Schuljahr geht langsam seinem Ende zu. Für den Großteil der rund 1,2 Millionen Schüler ist das ein Grund zur Freude. Schließlich sind die Ferien in greifbarer Nähe. Für 50.000 bis 60.000 Kinder und Jugendliche allerdings beginnt jetzt die stressigste Zeit des Jahres. Sie wurden in den Lehrerkonferenzen als „gefährdet“ eingestuft. Ihnen droht zumindest ein „Nicht genügend“ im Zeugnis, sofern sie es nicht schaffen, den Jahresstoff der Schulfächer innerhalb von wenigen Tagen nachzuholen. Mehr als 40.000 Schülern wird das nicht gelingen, ohne Aufstiegsklausel heißt das: Lernen im Sommer für die Nachprüfungen vor Schulbeginn.

28.000 Schüler dürften scheitern. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als die Klasse zu wiederholen. Sie besuchen ein Jahr ihres Lebens länger die Schule. Das kostet den Staat mehr als 300 Millionen Euro, die Eltern nochmals 600 Millionen. Das Sitzenbleiben verschlingt also laut Rechnung der Arbeiterkammer fast eine Milliarde – und das, obwohl die Mehrheit der Experten überzeugt ist, dass es den Schülern nicht mal hilft, Versäumtes nachzuholen. Sie stellen Bildungsministerin Claudia Schmied die Frage: Warum wird das Sitzen bleiben nicht endlich abgeschafft?

Motivation auf dem Tiefpunkt

Die Sitzenbleiber verlieren ihre Mitschüler, müssen sich mit neuen Lehrern zurechtfinden.

Viele sind deshalb schon zu Beginn der Klassenwiederholung demotiviert. Andere Schüler nehmen es auch zu leicht, schließlich ist der Schulstoff insgesamt kein neuer: „Sitzenbleiben ist also nicht nur ein ökonomischer Unsinn. Dem Schüler wird damit auch signalisiert: Du kannst zwar zwölf Sachen gut, für uns zählt aber, dass du in ein oder zwei Fächern schlecht bist“, kann sich AK-Bildungspolitikexpertin Susanne Schöberl nur wundern. Der Schulfrust steigt. In nicht wenigen Fällen führt das Sitzenbleiben erst zum Schulwechsel, dann zum Schulabbruch. Und das, obwohl Österreich seinen Schülern eigentlich mehr und nicht weniger Bildung angedeihen lassen will.

Der ehemalige steirische Landesschulratspräsident Bernhard Schilcher (VP), der bereits zahlreiche Schulkonzepte entwickelt hat, fragt sich deshalb, warum Österreich im internationalen Vergleich nach wie vor um die „Weltmeisterschaft im Sitzenbleiben ringt“. Neue Lernkonzepte setzen bei der Stärkung der Talente und einem gemeinsamen Ausgleich der Schwächen an. Im PISA-Sieger Finnland gibt es Sitzenbleiben überhaupt nur noch bei einigen wenigen pro Jahr und auch dann nur auf freiwilliger Basis, mit dem Einverständnis der Eltern. Schilcher sieht deshalb in der Wiederholung des gesamten Schulstoffs eines Jahres auch ein historisches Relikt aus den Zeiten Maria Theresias: „Sitzenbleiben dient auch als Sanktionsmaßnahme gegen angebliche Faulheit oder soziales Fehlverhalten.“ Schilcher fragt sich deshalb: „Warum bestrafen wir die Kinder und nehmen ihnen die Freude am Lernen?“

Tatsache ist jedenfalls, dass die Wiederholung der Klasse nicht nur enorm teuer ist, sondern bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen auch nicht den gewünschten Effekt hat: Sie schließen die Klasse auch beim zweiten Versuch nicht positiv ab und haben wieder Fünfer im Zeugnis. Bildungspsychologin Christiane Spiel ist davon wenig überrascht: „Der Schüler wird ja auch beim zweiten Mal nicht gezielt gefördert. Das Angebot bleibt das gleiche. Warum sollte ein Weg, der einmal schon nicht funktioniert hat, beim zweiten Mal klappen?“

Wieder und wieder

Repetieren heißt Wiederholen. Und tatsächlich ist die Wiederholung einer ganzen Klasse für Kinder, die zum Beispiel familiär oder krankheitsbedingt einen größeren Teil des Schulstoffs in vielen Fächern versäumt haben, auch sinnvoll. Doch warum jene mit Schwächen in einzelnen Fächern alles wiederholen sollen und nicht nur das, was sie noch nicht können, ist für Spiel nicht nachvollziehbar. In neueren Schulmodellen wie der Neuen Mittelstufe ist deshalb laufend eine spezielle Förderung vorgesehen, um Schwächen auszugleichen.

Erreicht das Kind das Klassenziel trotzdem nicht, könnte das fehlende Wissen auch parallel im Laufe des nächsten Schuljahres erworben werden. Die Leiterin der PISA-Science-Gruppe, Christa Koenne, erklärt, dass dazu überhaupt keine umfassenden Reformen notwendig wären: „Für Schüler aus dem Ausland gibt es bereits den Status des außerordentlichen Schülers. Sie haben ein Jahr Zeit, bisher nicht erbrachte Leistungen nachzuholen.“ Die einfache Maßnahme, österreichische Schüler nicht schlechter zu behandeln als jene aus anderen Ländern, würde das Problem an der Wurzel bereinigen.

Leistungsorientierung

Andreas Salcher, Autor des Bestsellers „Der talentierte Schüler und seine Feinde“, geht noch einen Schritt weiter: „In leistungsdifferenzierten anstelle von altersdifferenzierten Gruppen hätten Schüler eher die Möglichkeit, in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu lernen.“ Eine Überprüfung der Leistung der Schüler über Noten erachtet Salcher zwar als sinnvoll; die Einbahnstraße, dass im Moment nur die Schüler die Konsequenzen ihres Misserfolgs in der Schule tragen, hält er für überholt. Schließlich kann das Nichterlernen des Stoffes auch die Folge schlechter Qualität des Unterrichts sein.

„Die beste Leistung aller Schüler erreicht die Gesellschaft dann, wenn auf die Talente der Kinder auch talentierte Lehrer treffen.“ Dieser Meinung ist auch der deutsche Bildungsexperte Andreas Schleicher von der OECD und plädiert für Leistungsanreize für Lehrer, wenn Schüler im Unterricht nicht zurückbleiben.

Weil das im Moment aber nicht immer so ist, geben Eltern jetzt schon Jahr für Jahr 140 Millionen Euro für Nachhilfe aus. Bereits jeder zweite AHS-Schüler kommt nicht mehr ohne privaten Unterricht aus. Salcher pocht deshalb darauf, dass die Förderung wieder an der Schule stattfinden sollte. Da setzt auch das Bildungskonzept der ÖVP-Arbeitnehmervertretung ÖAAB an: Schwächere sollen mit Frühwarnsystemen und Förderkursen unterstützt werden. Ganz vom Sitzenbleiben verabschiedet sich der ÖAAB aber nicht: Ziel ist es, Klassenwiederholungen zu reduzieren, bei einem „Rucksack an Defiziten“ sollen Kinder weiterhin eine Klasse wiederholen.

Politische Agenda

Obwohl Bildungsministerin Schmied alle Für und Wider der Experten kennt, will sie sich im Moment zu „keiner endgültigen Meinung zum Sitzenbleiben hinreißen lassen“. Das Kostenargument alleine zählt für die Ministerin nicht. Sie wartet auf das Ergebnis der Expertengruppe im Ministerium, die sich mit Qualitätsstandards und Leistungsnachweisen beschäftigt. Den Schülern und Schülerinnen, die heuer mit einer negativen Beurteilung rechnen, lässt sie ausrichten: „Für diesen Juni kann ich da leider noch keine Entwarnung gegen.“

– M. Madner
Mitarbeit: M. Pühringer

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