Sauberfrau auf der Jagd

Sauberfrau auf der Jagd

Die Wienerin Evelyn Regner soll ein halbes Jahr lang im Auftrag von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die Abgeordneten auf Korruption abklopfen.

Im Sommer ist immer eine Woche Urlaub mit der älteren Schwester eingeplant, einer Mittelschullehrerin. Mehr Entspannung gibt es nicht. Denn Evelyn Regners Leben ist das ganze Jahr ein Hin und Her zwischen Brüssel, Wien und Straßburg.

Das dürfte kaum besser werden: Die Wienerin bekam nun von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz eines der publicityträchtigsten Ämter übertragen, die das Parlament derzeit zu bieten hat: Regner ist seit Anfang September Vorsitzende jenes beratenden Ausschusses, der korrupten Abgeordneten auf die Finger klopfen soll und die finanziellen Aktivitäten der Parlamentarier durchleuchtet.

Dass ausgerechnet eine Österreicherin diesen Job bekam, ist bemerkenswert - ist der im Frühjahr neu ins Leben gerufene Ausschuss doch eine direkte Folge der Causa Ernst Strasser. Nach Bekanntwerden der Affäre beschlossen die EU-Abgeordneten damals eine Neufassung ihres Verhaltenskodex. Und richteten zur Kontrolle den Ausschuss ein. Regner hat den Vorsitz für sechs Monate inne. Abgeordnete müssen der Österreicherin nun ihre Nebentätigkeiten und Finanztransaktionen offenlegen.

Eine Frau mit Beharrlichkeit

"Bislang gab es viele Weißmeldungen“, kritisiert Regner und kündigt an, in den nächsten Wochen zahlreiche Parlamentarierkollegen deswegen zu einem ernsten Gespräch zu laden. Für die könnte das unangenehm werden, denn die Gewerkschafterin ist durchaus eine Frau, die durchgreifen kann. Man sagt ihr nach, dass sie ihre Vorhaben mit einer gehörigen Portion Beharrlichkeit vorantreibt. Wohl deswegen schickte sie der damalige ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer nach Brüssel, um dort gewerkschaftliche Interessen zu vertreten.

Regners übliche Widersacher sind an sich auch nicht so sehr korrupte Abgeordnete, sondern vielmehr internationale Konzerne und die Finanzmärkte. Sie setzt sich darüber hinaus für die Gleichbehandlung von Frauen ein. "Lehman Sisters wäre nicht passiert“, lautet einer ihrer Lieblingssager in Anspielung auf die vom Bankhaus Lehman Brothers ausgelöste Wirtschaftskrise. Bei der Erhöhung der Frauenquote in börsennotierten Unternehmen auf 40 Prozent ist sie mit der konservativen EU-Kommissarin Viviane Reding auf einer Linie.

Weder im ÖGB noch bei Abgeordnetenkollegen findet sich jemand, der Regner Kompetenz oder Engagement absprechen würde - nicht einmal beim politischen Gegner. Die Wienerin kann mit allen, trotz ihrer Härte in Sachfragen. Dieses Sauberfrau-Image prädestiniert in den Augen des Sozialdemokraten Schulz seine Fraktionskollegin wohl für den Job als Korruptionsjägerin.

Regner sitzt auch im Rechtsausschuss des EU-Parlaments, ist stellvertretendes Mitglied in zwei weiteren Ausschüssen. Sie lebt in Brüssel, unterhält jedoch auch eine Wohnung in Wien plus ein Häuschen im Waldviertel. Die Familie managt der Ehemann.

Ihre eigene EU-Finanzerklärung für den Ausschuss hat Regner "als eine der ersten Abgeordneten“ vorgelegt. Und das Dokument zum Download auch auf ihre Website gestellt.

Zur Person: Ihren Stallgeruch will Evelyn Regner, 46, gar nicht ablegen: Aufgewachsen im Gemeindebau im zweiten Wiener Bezirk, der Vater in der Wolle gefärbter SPÖ-Mann, Partei-kassier. Regner studierte Rechtswissenschaften und legte nach Abschluss eine steile Karriere im ÖGB hin: Zunächst Sozialpolitik-Expertin, wechselte die Mutter zweier Kinder unter Gewerkschaftsboss Hundstorfer nach Brüssel und übernahm dort das neue ÖGB-Büro. Dann kam das Angebot, Abgeordnete zu werden. Regner ist kooptiertes ÖGB-Präsidiumsmitglied und gilt als stille gewerkschaftliche Personalreserve.

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