Rudolf Anschober: "Ich war immer ein ruhiger Mensch" [Interview]

Vor fast genau einem Jahr, im April 2020, am Höhepunkt der ersten Corona-Welle und mitten im Lockdown, gab Gesundheitsminister Rudolf Anschober dem trend ein Interview. Im Zentrum des sehr persönlichen Gesprächs stand das Management der Corona-Krise. Das Interview zur Nachlese.

Gesundheitsminister und Pandemie-Manager Rudolf Anschober

Masken begleiteten seinen Weg als Gesundheitsminister: Rudolf Anschober, Hauptmanager der Corona-Krise.

Der Zutritt ins Ministerium wird nach Fiebermessung und Abarbeitung eines Fragenkatalogs per Computer freigegeben. Rudolf Anschober empfängt persönlich, mit nötiger Distanz. Er trägt keinen Mund-Nasen-Schutz, zeigt aber ein Bündel von Masken, die ihm von Fans geschenkt wurden. Der rund um die Uhr geforderte Minister wirkt entspannt, der Fragensteller ist nervös. Schließlich will man beim Termin mit dem Gesundheitsminister keinen Corona-Etikette-Fehler begehen.


trend: Die Öffnungsphase, sagen Sie, wird noch viel schwieriger als die Phase des Lockdowns. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl: "Ich will bitte raus aus diesem permanenten Albtraum"?
Rudolf Anschober: Nein. Dieses Gefühl habe ich noch nie gehabt. Außerdem geht es jetzt gut voran. Ich bin optimistisch, dass wir gut durch die Krise kommen, wenn die Bevölkerung weiterhin so großartig mitmacht wie bisher.

Sie treten als souveräner Krisenmoderator auf. Wie kann man sich in Zeiten extremer Verunsicherung seiner Sache stets so sicher sein?
Anschober: Indem ich versuche, mich mit Expertinnen und Experten so zu unterhalten, dass ich mir selbst ein klares Bild machen und Schlüsse ziehen kann. Gerade auch mit Querdenkern. Sicherheit gibt auch das Kernteam der Regierung, das sehr gut kooperiert, und der Blick auf Erfahrungen in anderen Ländern.

Es gibt extrem divergierende Expertenmeinungen. Wie kommt es zu den richtigen Entscheidungen?
Anschober: Abwägen, zuhören, sich ein Bild machen. Die größte Schwierigkeit: Das Virus ist extrem jung und wir haben damit keine Erfahrung. Fachleute kommen laufend zu neuen Erkenntnissen. Allerdings haben wir jetzt schon echte Belege, dass wir die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt getroffen haben - die erste Etappe, die massive Absenkung der Neuinfektionen, ist sehr gut gelungen. Auch dass die Bevölkerung bisher so vorbildlich mitgemacht hat, gibt Sicherheit.


Es gibt keine praktikablen Alternativen.

Sie entscheiden de facto über Leben und Tod und haben nie Angst vor Fehlentscheidungen?
Anschober: Ich versuche, Klarheit für mich selbst im Dialog mit anderen zu erarbeiten und dann mit ruhiger Hand umzusetzen. Ich hatte als Politiker vor Corona erst eine große Krise zu bewältigen, das Jahrhunderthochwasser in Oberösterreich. Damals hatte ich gar keine Zeit, nachzudenken. Die Corona-Krise läuft dazu vergleichsweise in Zeitlupe ab. Zeit zum Angsthaben gäbe es genug. Aber ich bekomme viel Unterstützung und auch immer mehr Klarheit, dass unser Weg der richtige ist.

Es gibt doch immer Alternativen?
Anschober: Ja, schon, aber keine praktikablen! Das britische Rezept hätte etwa ganz, ganz viel Leid, Tod und Elend gebracht. Auch der Zeitpunkt, mit den großen Maßnahmen rasch zu beginnen, war rückblickend richtig. Wir haben richtige Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt gesetzt.

Die Öffnungsphase geht vielen in der Wirtschaft zu langsam. Wie hält man dem Druck stand?
Anschober: Es klingt überraschend, aber ich erlebe viel Grundverständnis für die eine und erste Priorität: die Gesundheit. Es ist wunderschön, das zu spüren. Es ist schön, zu hören, dass wir ein starkes Gesundheitssystem brauchen. Man sieht, wie schlecht Staaten dastehen, die ihr Gesundheitssystem durch Privatisierung und Budgetkürzung geschwächt haben.


Viele weitere Schritte hängen von der weiteren Entwicklung des Virus ab.

Einflussreiche Unternehmer sagen, der Lockdown war zu hart. Rufen die auch bei Ihnen an?
Anschober: Teilweise. Manche rufen schon an. Ich finde das auch total okay. Ich stelle mich gern solchen Gesprächen. Was viele wollen, ist Planbarkeit. Das ist aber schwierig, muss ich offen sagen. Viele weitere Schritte hängen ja von der weiteren Entwicklung des Virus ab. Je rascher wir Corona kontrollieren können, desto rascher wird die Lage für die Wirtschaft auch planbar.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Kollateralschäden größer werden könnten als jene durch das Virus selbst?
Anschober: Diese ständige Abwägung ist kein Spaziergang, das stimmt schon. Immer mehr Menschen werden nervös, da ist es schon herausfordernd, Politik mit ruhiger Hand zu machen. Aber ich war immer ein ruhiger Mensch. Ich spiele das nicht. Es wäre das Schlechteste, sich von jedem Zuruf verunsichern zu lassen.

SPÖ-Klubchefin Pamela Rendi-Wagner kritisiert Versäumnisse, auch die FPÖ. Nehmen Sie Oppositionskritik überhaupt wahr?
Anschober: Ich telefoniere mit Rendi- Wagner von Zeit zu Zeit. Ihr höre ich gerne zu. Was sie sagt, fließt in meine Willensbildung ein. Grundsätzlich halte ich es für bedauerlich, wenn da jetzt schon wieder etliche glauben, Parteipolitik machen zu müssen. Die Bevölkerung will, dass man an einem Strang zieht.


Ich brauche Stützen. Mein Team und meine Partnerin.

Sie entscheiden auch über Existenzen, über Bankrott, Arbeitslosigkeit. Wie schwer ist die Last der Verantwortung?
Anschober: Ja, das ist eine große Verantwortung, und man muss ständig abwägen. Erleichternd ist, dass wir alle großen Fragen im Regierungsteam ausdiskutieren. Dafür nehmen wir uns Zeit, fast jedes Wochenende gibt es eine Abendsitzung.

Jeder Manager hat schon in normalen Zeiten einen Coach. Wer coacht Sie?
Anschober: Ich kaufe niemanden zu, brauche aber Stützen. Da ist einerseits mein Team. Und meine Partnerin, mit der ich sehr viel rückspiegle. Das brauche ich. Ansonsten sind es vier, fünf Menschen, die mich seit vielen Jahren begleiten, die mir auch Signale geben, wenn sie glauben, dass etwas in die falsche Richtung läuft.

Wie viele Stunden schlafen Sie pro Nacht?
Anschober: Letzten Sonntag waren es wirklich acht Stunden (lacht). Ansonsten fünf Stunden, und die aber gut, tief und fest.

Mit einem Glas Whisky als Schlaftrunk?
Anschober: Nein, da würde ich ganz schlecht schlafen. Mein Geheimmittel ist griechischer Bergkräutertee, den trinke ich literweise.


Die Zeit für einen Urlaub und ein normales Leben für uns alle wird kommen!

Keine Perspektive für einen Urlaub die nächsten zwölf Monate?
Anschober: Wenn ich mir diesbezüglich Sorgen mache, schaue ich mir internationale Studien an, wie es bei Medikamenten und Impfstoffen weitergehen könnte. Und da schaut's gar nicht so schlecht aus. Da könnte schon in den nächsten Monaten ein gut wirksames Medikament kommen. Die Zeit für einen Urlaub und ein normales Leben für uns alle wird kommen! Ich tippe, dass ein Impfstoff um den Jahreswechsel 2020/21 zur Verfügung steht.

Die Menschen folgen Ihren Appellen und Verordnungen gewissenhaft. Spüren Sie Ihre Macht?
Anschober: Ohnmächtig kann man nichts gegen die Pandemie unternehmen. UNO-Generalsekretär António Guterres sagt, wir erleben die weltweit schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich würde meinen, sie ist neben der Klimakrise die schlimmste Krise. Ich würde sehr begrüßen, wenn wir dieses andere existenzbedrohende Thema nicht vergessen. Solch gewaltige Probleme kann man nur in den Griff kriegen, wenn Macht zur Gestaltung vorhanden ist.

CORONA-FIGHTER. Rudolf Anschober (r.) mit Bundeskanzler Kurz bei einer der unzähligen Corona-bedingten Pressekonferenzen.

Man sollte die aktuelle Machtbefugnis auch zur Bewältigung der Klimakrise einsetzen?
Anschober: Jetzt gibt das Epidemiegesetz den Rahmen, es gibt auch ein Ablaufdatum der beschlossenen gesetzlichen Maßnahmen. Zur Bekämpfung der Klimakrise werden wir ganz andere Instrumente und viel Gestaltungswillen benötigen, das ist nicht vergleichbar. Es gibt andere Rezepte, wie etwa die ökosoziale Steuerreform oder den Green New Deal.

Ist die Corona-Krise gut oder schlecht fürs Klima?
Anschober: Es gibt zwei Varianten für die Zeit danach: dass wir im gleichen Stil wie bisher weitermachen und versuchen, das verlorene Wirtschaftswachstum aufzuholen. Wir sollten aber aus der Krise heraus die Strukturen neu aufbauen, mit einem Green New Deal für Europa für den Wiederaufbau. Das schafft Zukunftssicherung, Wohlstand, Jobs.


Arbeitslosigkeit in der aktuellen Dimension ist eine Bedrohung für ganz Europa.

Wie groß ist die Angst, dass die Corona-Krise geht, die enorme Arbeitslosigkeit aber weiterwächst?
Anschober: Ich warne davor, von der Gesundheitskrise in die soziale Krise zu fallen. Wir versuchen deshalb, möglichst viel Unterstützung zu geben. Arbeitslosigkeit in der aktuellen Dimension ist eine Bedrohung für ganz Europa, für unsere freie Gesellschaft. Es wird in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft einen Wiederaufbau - das sage ich bewusst so - geben müssen. Auch mit einem Green New Deal.

Wo aber kommt das Geld dafür her? Braucht es neue Steuern? Vermögenssteuern, so wie Werner Kogler sagt?
Anschober: Wir haben in der Krise gelernt, wieder solidarisch zu sein. Wie diese Solidarität dann konkret ausschaut, ob das in Richtung Erbschaftssteuer oder Solidarabgabe geht, ist zweitrangig. Ich kenne etliche Industrielle, die sagen, es braucht Solidarität zur Finanzierung der Krise, und sehr wohl auch die Solidarität jener, die sehr wohlhabend sind.

Die aktuelle Harmonie in der Koalition könnte angesichts dieser Themen bald in eine existenzielle Koalitionskrise münden
Anschober: Ich sehe es umgekehrt: Wir lernen gerade, wie gut es ist, im Team zusammenzuarbeiten. Wir zeigen Stabilität. Aber natürlich warten Riesenherausforderungen auf uns. Die Probleme sind von Dauer, weil wir ja eine Exportnation sind. Wenn ich etwa nach Italien schaue, kommen mir als Freund des Landes fast die Tränen. Dort geht die Gesundheitskrise ja mit einer extremen wirtschaftlichen und politischen Krise einher. Es geht um die Zukunft Italiens. Die Hälfte der Bevölkerung zweifelt mittlerweile daran, ob die EU-Mitgliedschaft positiv fürs Land ist. Das ist verheerend.


Natürlich ist es das Ziel, wieder zu einem Leben zu kommen, das uns Freude macht.

Da wir heuer kaum nach Italien ans Meer reisen können, bleibt die bange Frage: Werden im Sommer die heimischen Freibäder und Seen offen sein?
Anschober: Die Perspektive ist noch nicht hundertprozentig sicher. Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen. Alles hängt von der Entwicklung der Pandemie ab, und da ist jeder von uns Teil der Lösung.

Aber es ist doch völlig undenkbar, dass man bei 35 Grad im Schatten nicht in die Freibäder darf, da gäb's doch einen Massenaufstand?
Anschober: Das Wort undenkbar gibt es in einer derartigen Krise leider nicht. Wir sind auch nicht in einem schlechten Film, Corona ist Realität. Aber natürlich ist es das Ziel, wieder zu einem Leben zu kommen, das uns Freude macht. Ich träume oft von jenem Tag, an dem wir den Tag danach feiern. An dem wieder eine Band auf einem großen Platz spielt und die Angst vorbei ist. Und wir Phase vier, die Zeit nach der Krise, starten.

Ist für eine wahrscheinliche zweite Corona-Welle geplant, die Zahl der Intensivbetten nochmals aufzustocken?
Anschober: Wir haben derzeit 1.000 freie Intensivbetten, das ist sensationell. Da beneiden uns viele. Es gibt kaum ein Land, das so gut Vorsorge getroffen hat. Wir könnten zusätzlich auch noch Aufwachräume umfunktionieren. Und wir haben 20.000 Betten für mildere Verläufe vorbereitet. Es gibt sogar schon Kritik, dass die Vorsorge zu groß ist. Aber ich bin lieber auf der sicheren Seite.


Ich hoffe, wir können dem Vertrauen gerecht werden.

Sie haben in allen Umfragen enorme Vertrauenswerte in der Bevölkerung. Können Sie das zwischendurch genießen?
Anschober: Gut tut und Kraft gibt mir, wenn mir im Zug oder in der Straßenbahn Leute nachrufen: "Super, weiter so." Das ist schon etwas Besonderes und in aller Demut: Ich hoffe, wir können dem großen Vertrauen auch gerecht werden.

Sie gehen zur Entspannung gern mit dem Hund spazieren, machen täglich Qigong. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann schaut zurzeit gerne alte Filme, von denen man weiß, wie sie ausgehen. Welchen Film würden Sie jetzt gern sehen?
Anschober: Ich bin eher ein "Tatort"-Fan und habe zur Entspannung auch abends wieder zu lesen begonnen, ich lese gerne Krimis. Da kann ich die Welt rundherum gut vergessen. Letzten Sonntag habe ich sogar wieder einmal eine Pasta gekocht. Die war ganz okay!

Können Sie über Corona-Witze lachen?
Anschober: Ehrlich gesagt: Nein. Ich kenne auch keine.


Zur Person

Rudolf Anschober, geb. 1960, war von Jänner 2020 bis zu seinem Rücktritt am 13. April 2021 Minister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Neben Bundeskanzler Kurz wurde der pragmatische Grünpolitiker zum prägenden Gesicht der Corona-Krise geworden. Über sein Ministerium laufen alle wesentlichen Entscheidungen. Vor seiner Zeit als Minister war er (ab 2003) Mitglied der oberösterreichischen Landesregierung, saß schon ab 1990 für die Grünen im Nationalrat.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 16/2020 vom 17. April 2020 entnommen.


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