Politik - nein danke: Riess-Passer, Strasser, Rudas & Co über ihr Managerleben

Politikverdrossenheit auf höchster Ebene: Ex-Politiker erzählen vor der Wahl, warum sie in die Wirtschaft gegangen sind – und nicht wieder zurückwollen.

Politikverdrossenheit ist ein Massenphänomen – und sie macht auch vor denen nicht halt, die sie hauptberuflich betrifft: den Politikern selbst. Während die Parteien händeringend (und erfolglos) um Quereinsteiger aus der Wirtschaft werben, verabschieden sich immer mehr Spitzenpolitiker ebendort hin – und leben gut damit. Zumindest die meisten, zumindest offiziell.

Nicht immer lächeln
Da ist zunächst ein offensichtlicher Vorteil: das Ende eines Lebens als öffentliches Gut. Ernst Strasser (siehe auch Bildergalerie der Ex-Politiker ) schätzt zwar, dass er noch als Minister angesprochen wird und somit nie auf einen Tisch im Restaurant warten muss – aber der Rückzug aus der Öffentlichkeit birgt unerwartet viel Lebensqualität: „Ich nehme selbst Geschmäcker und Gerüche wieder ganz anders wahr. Als Politiker funktioniert man dauernd, muss immer lächeln, immer repräsentieren. Aber niemand findet immer jeden nett. So verliert man den Kontakt zu den Menschen und hat keine Zeit fürs echte Leben.“

Abwesenheit von Kameras
Susanne Riess-Passer genießt vor allem die Abwesenheit von Kameras in ihrem neuen Leben: „Ich muss am Wochenende nicht wahlkämpfen gehen, und die Lokalrunden bleiben mir erspart. Ich muss in der Disco keine Bausparverträge verkaufen“, erklärt die ehemalige Vizekanzlerin, mittlerweile – seit ihrem unsanften Abschied aus der Politik 2002 – Generaldirektorin bei Wüstenrot. In ihrer Zeit als Politikerin war ihr Fitnessprogramm eine öffentliche Debatte wert, Fotos ihrer Schuhe zierten Titelseiten seriöser Tageszeitungen. „Ich bin über jeden Tag glücklich, den ich nicht in der Zeitung vorkomme“, sagt Riess-Passer heute.

Medienhörige Politiker
Andreas Rudas, der als erster Spindoktor der Republik gilt und Viktor Klima mit Zahnpastalächeln und gelben Gummistiefeln durch die Medienlandschaft schickte, sieht diese Medienhörigkeit der Politik heute kritisch: Sie sei ein Grund für die Politikverdrossenheit, weil sie die Authentizität der Politiker zerstöre. Rudas ist heute selbst Medienmanager und leitet die Osteuropa-Geschäfte des WAZ-Konzerns. „Die Politiker überschätzen die Macht der Medien und sind so nicht mehr fähig, Visionen zu formulieren und zu verwirklichen: Anstatt dass der Hund mit dem Schwanz wedelt – also die Politik die Themen vorgibt und die Medien darüber schreiben –, ist es umgekehrt. So wird nur noch Tages- und Klientelpolitik betrieben.“

Machtverlust der Politik
Doch der Politikfrust der Ex-Politiker sitzt tiefer als nur in der persönlichen Lebensqualität: Manch einer derer, die einmal im Zentrum der politischen Macht saßen, zweifelt daran, dass Politik überhaupt noch Macht hat. „Für die großen Fragen, die die Globalisierung mit sich bringt, ist unser politisches System nicht gerüstet“, meint Gerhard Hirschmann, ehemaliger ÖVP-Landesrat und später Kurzzeit-Chef seiner eigenen Liste, der sich nun als Consultant um erneuerbare Energien kümmert – ebenso wie Monika Langthaler, die nach ihrem Abschied aus dem Parlament das Consulting-Unternehmen brainbows aufbaute und damit Konzerne in Fragen der Nachhaltigkeit berät. „Als Oppositionspolitikerin bei den Grünen konnte ich Anträge einbringen, die zu 99 Prozent abgelehnt wurden. Nach zehn Jahren hat mich das maßlos gelangweilt.“

Keine Rechenschaft schuldig
Auch Ferdinand Lacina, ehemaliger SP-Finanzminister und heute in der Bank Austria tätig, ortet einen Machtverlusts in der Politik: „Die Politik gilt seit der Doktrin ‚Weniger Staat – mehr privat‘ als grundsätzlich anrüchig und verdächtig. Ich halte das zwar für falsch – auch in privaten Unternehmen gibt es Intrigen, Doppelgleisigkeiten und Fehlentscheidungen –, aber im Gegensatz zu einem Minister oder einem verstaatlichten Unternehmen ist die Familie Porsche-Piëch der Öffentlichkeit keine Rechenschaft darüber schuldig.“ Lacina meint zwar, dass er als Minister mehr Gestaltungsspielraum gehabt hätte als in einem Unternehmen: „In der Wirtschaft ist man für ein Unternehmen verantwortlich, als Finanzminister hingegen für Strukturreformen. Aber seien wir ehrlich: Kein österreichischer Politiker sitzt wirklich an den Hebeln der Macht.“

Von Martina Madner, Corinna Milborn, Markus Pühringer und Robert Schwab

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