Othmar Karas – von Ybbs nach Brüssel

Es ist schon erstaunlich, wie Distanz manchmal den Horizont weitet. Zwischen Ybbs und Brüssel liegen eben nicht nur tausend Kilometer, sondern weltanschaulich wohl Universen. Da werden schon einmal sonst in parteipolitischem Kleinkram gefangene österreichische Volksvertreter zu europäischen Staatsmännern. Zum Beispiel Othmar Karas.

Wie sein sozialdemokratischer Strassburger Abgeordneten-Kollege Hannes Swoboda, neuerdings Chef der europäischen Sozialdemokraten, gilt allem Anschein auch für ÖVP-Urgestein Karas: Der Abstand zu Wien macht aus politischen Schrebergärtnern Europäer. „Auf EU- Parlamentsebene geht es nicht um einen Salon von Eitelkeiten“, definiert Karas im FORMAT-Gespräch seinen neuen Job als EU-Parlaments-Vizepräsident, „sondern wir sind Sprecher der Bürgerkammer Europas“. Das tönt kaum nach heimischem Politiker – und jedenfalls anders, als im österreichischen Hickhack Abgeordnete ihren Wählerauftrag zwischen Interessen und Rücksichtnahmen zumeist interpretieren.

Finaler Karriereschritt: Vizepräsident des EU-Parlaments

Der frühere ÖVP-Generalsekretär Othmar Karas, auch ehemaliger JVP-Chef und Nationalratsabgeordneter der Volkspartei sowie zwischen 1995 und 1999 auch deren Generalsekretär, setzte Mitte vergangenen Jänner zum vermutlich finalen Karriereschritt an. Und vollzog ihn mit Bravour: Karas wurde mit zum Vizepräsident des EU-Parlaments gewählt und bekleidet nun das höchste Amt, das ein Österreicher auf EU-Ebene jemals innehatte. Bereits in den Jahren davor mutierte er vom durchaus pragmatischen Parteipolitiker zum Individualisten mit Blick fürs europäische Ganze.

„Sie werden mich sicher nicht in diese Falle locken“, antwortet er gerne auf Fragen, wie er denn seinem auf EU-Ebene nur spärlich präsenten ÖVP-Parteichef Michael Spindelegger die Bedeutung eines stärkeren österreichischen Auftretens in Brüssel näherbringe. Karas: „Für mich sind Brüssel und Strassburg österreichische Arbeitsplätze, genauso wie Wien und Ybbs europäische Arbeitsplätze sind – das sind zwei Seiten einer Medaille.“ Für heimische Parteien habe das ebenfalls zu gelten und werde sich als Ansicht schon noch durchsetzen. Karas tritt für ein stärkeres Europa ein, die momentane Struktur der Union geht ihm deutlich zu wenig weit.

Vereinigte Staaten von Europa

„Wir haben die europäische Integration weiterzuentwickeln“, fordert er. Nachsatz: „Sonst sind wir global bald nicht mehr konkurrenzfähig. Politisch ist Europa der zersplittertste Kontinent der Erde, wirtschaftlich gleichzeitig der stärkste. Daher muss die EU einen logischen nächsten Integrationsschritt setzen. Ich will nicht werden wie Amerika, aber wir müssen die Vereinigten Staaten von Europa im Sinne der Zusammenarbeit zumindest denken, die EU zur Sprecherin des Kontinents machen“.

Früher war Karas mehr an lokalen Strategien interessiert. Einen Schnitt in seinem Leben bedeutete sicher der schwere Autounfall vor mehr als 25 Jahren. Neben gesundheitlichen Problemen hatte er auch unschöne Folgen, was das Bild in der Öffentlichkeit betraf: Viel wurde damals über eine Invalidenrente diskutiert, die Karas schließlich spendete. Inzwischen ist das Thema vom Tisch: Auf gut eine halbe Million Euro, so hätte es ihm seine Versicherung ausgerechnet, habe er inzwischen verzichtet, erzählte Karas vor einiger Zeit der Grazer Kleinen Zeitung. „Das ist kein schwarzer Fleck in meinem Leben“, sagte er dem Blatt. Nach eigenen Angaben lebt Karas heute von seinem EU-Abgeordneten-Gehalt, der Vermietung zweier Wohnungen und der Lehrtätigkeit an einer Universität.

Swoboda: 'Karas hat Handschlagqualität'

Über den Niederösterreicher, geboren 1957 in Ybbs an der Donau, hört man auf europäischer Ebene kaum Schlechtes. War Karas früher auch innerhalb der eigenen Partei nicht immer wohlgelitten, so genießt er nun auf europäischer Ebene bei politischen Gegnern Ansehen. „Er besitzt äußerste Handschlagqualität“, sagt etwa Hannes Swoboda, der wie Karas indirekt mit einem Avancement von der Wahl des Deutschen Martin Schultz zum EU-Parlamentspräsidenten profitierte. „Zwar spielt die Weltanschauung eine Rolle, aber wir können mit Karas gut zusammenarbeiten“, lobt Swoboda: „Es hilft, wenn man nicht bei jeder Wahl dem Wähler beweisen muss, dass man besser ist, sondern wenn es ums europäische Ganze geht“.

'Unglaubliches Arbeitspensum'

„Er mag Menschen“, streut Hilfswerk-Geschäftsführer Walter Marschitz seinem Präsidenten Othmar Karas ebenfalls Rosen, „das merkt man an Kleinigkeiten“. So könne es etwa schon vorkommen, das bei einem Hilfswerk-Mitarbeiter das Telefon klingelt und am anderen Ende Karas ist, der Glückwünsche zum Geburtstag ausspricht. „So etwas ist typisch für ihn“, sagt Marschitz, der außerdem Karas´ „außergewöhnliche Beobachtungsgabe“ bewundert. Und dessen Engagement: „Unglaublich, welches Arbeitspensum er geht“.

Prototypischer Familienmensch

Zu kurz kommt dabei oft die Familie. Dabei ist der im konservativen Klima der niederösterreichischen ÖVP sozialisierte Karas eigentlich ein prototypischer Familienmensch. Dementsprechend ist der Pendler zwischen Brüssel, Strassburg und Wien, verheiratet mit Kurt-Waldheim-Tochter Christa und Vater eines Sohnes, nicht gern Reisender. Die Familie habe unter seinen Absenzen sehr zu leiden, bedauert er. Immerhin bekomme der Sohn so ein weltoffeneres Bild auf dem Weg ins Erwachsenenleben vermittelt. Kürzlich erst habe er eine Ferienwoche in Brüssel verbracht und dem Vater über die Schulter geschaut, wie dieser seine Abgeordnetentätigkeit erfülle.

Manchmal bietet aber auch das vergleichsweise kleine österreichische Leben eine Art Abbild von europäischer Dimension. Zum Beispiel, wenn ein deklarierter Europäer wie Karas Opfer einer britischen Rempelei wird. Vor knapp einem Jahr rammte ein britischer Schifahrer beim Schifahren auf der Schmittenhöhe bei Zell am See den europäischen Österreicher und fügte ihm mehrere Wirbelbrüche zu. Wie auch die Europa derzeit mit den britischen Störmanövern zurechtzukommen versucht, überstand der damals noch einfache EU-Abgeordnete die britische Attacke. „Ich hatte wieder einmal einen Schutzengel “, tut Karas den Vorfall ab. In der 20köpfigen Führungsmannschaft des EU-Parlaments (ein Präsident, 14 Vizepräsidenten, fünf sogenannte Quästoren), als deren Mitglied Karas nun firmiert, ist Großbritannien übrigens nicht vertreten.

-Klaus Puchleitner (FORMAT-Online)

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