Österreicher im CERN-Forschungszentrum: "Austrittspläne waren ein absoluter Schock"

In Genf stößt die Diskussion über den Sinn der Mitgliedschaft auf Unverständnis.

Die unscheinbare Montagehalle verrät noch nicht, dass sich unter dem französischen Acker, auf dem sie steht, höchst Spektakuläres abspielt. Wenn man dann aber 100 Meter tiefer den „Compact Muon Solenoid“ (CMS) ­erblickt, der als „Urknallmaschine“ weltweite Berühmtheit erlangt hat, läuft ­einem ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken. Das 12.500 Tonnen schwere Monstrum ist wahrscheinlich die kom­plexeste Apparatur, die je gebaut wurde. Was man sich von ihr erwartet? Bahnbrechende Erkenntnisse über den Ursprung von Masse, die fundamentalen physikalischen Kräfte und die Entdeckung neuer Formen von Materie und neuer Dimen­sionen außerhalb der Raumzeit.

Mangelnde Strahlkraft?
Auch für Wissenschaftsminister Hahn sind die wissenschaftlichen Leistungen am CERN „unbestritten“. Trotzdem würde er das Geld lieber in kleinere, aber „zukunftsträchtigere“ internationale Projekte stecken, die Europas „Strahlkraft gegenüber den USA und Asien“ verstärken und die „Sichtbarkeit“ Österreichs erhöhen. Mangelnde Strahlkraft, so argumentieren die heimischen CERN-Wissenschaftler, könne man der europäischen Kernforschungsorganisation nun wirklich nicht vorwerfen. „Das Wort ‚Teilchenbeschleu­niger‘ war 2008 auf google.at das am schnellsten wachsende Suchwort“, betont Martin Aleksa, der seit 12 Jahren am CERN arbeitet. CMS ist nur eines von sechs Experimenten am neu errichteten, 27 km langen Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider), der Teilchenkol­lisionen mit bisher unerreichter Energie erzeugt. Die ganze Welt – in­klusive USA und Asien – ist gespannter ­Beobachter. Eines der größten Ziele der Experimente ist der Nachweis des so genannten Higgs-Teilchens, das nach der Standard-Theorie die Voraussetzung für Entstehung von ­Materie ist.

185 Österreicher im Genfer Zentrum
19 heimische Physiker und neun Studenten arbeiten am CMS mit. Claudia Wulz vom Institut für Hochenergiephysik (HEPHY) ist seit den ersten Planungen 1990 dabei. Die Nachricht von den Ausstiegsplänen des Ministers war für sie ein Schock – und ist es teil­weise noch. „Ich habe es gar nicht glauben können. Jetzt, wo wir knapp vor dem Ziel stehen, sollten wir aufhören? Eine unglaubliche Verschwendung von Steuermitteln!“ Das HEPHY hat für den Teilchendetektor unentbehrliche Kom­ponenten entwickelt. Auch den Vorwurf mangelnder Sichtbarkeit wollen die Forscher nicht gelten lassen. Gemessen am Budgetanteil von zwei Prozent sei Österreich gerade in leitenden Positionen überproportional vertreten. Insgesamt 185 Österreicher ­arbeiten am CERN. Zwei der sechs LHC-Experimente und ein Nicht-LHC-Projekt werden von heimischen Wissenschaftlern geführt. Ranghöchste Österreicherin ist Felicitas Pauss ( im Bild ). Als Generalsekretärin ist sie quasi Außenministerin der Organisation. Die Austrittspläne waren auch für sie ein ­„absoluter Schock. Initiativen zur Ver­besserung der österreichischen Position schön und gut, aber ein Austritt ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit.“

Technologietransfer und Imagegewinn
Unter dem zuletzt schwächelnden Rückfluss an heimische Firmen, den Hahn beklagt, leiden laut ­Michael Scherz von der Außenwirtschaft Österreich (AWO) alle Länder. „Der LHC-Ring ist fertig, jetzt fallen hauptsächlich nur mehr Wartungsarbeiten an.“ Seit 1994 haben heimische Firmen Liefe­rungen im Wert von 75 Millionen Euro getätigt, darunter Porr, Geoconsult, Kapsch, der burgenländische Prozesssteuerungsspezialist ETM, der Vorarlberger Vakuumtechniker MKT Tschann und Buntmetall Amstetten. Außerdem sind alle CERN-Mitarbeiter bei der Uniqa krankenversichert, Umsatz: 40 Millionen Euro. Aber nur auf Auftragsvolumen zu schauen sei „kurzfristig gedacht“, meint CERN-Chef Rolf-Dieter Heuer. Das größere Potenzial für österreichische Firmen liege im Imagegewinn als CERN-Lieferant und im Know-how-Rückfluss. Scherz betont, dass Umsätze bei Kooperationen im Hochtechno­logiebereich aufgrund von Folgeaufträgen generell mit dem Faktor drei bewertet ­werden müssten.

Paradebeispiel MedAustron
Paradebeispiel für den Tech­no­­logietransfer nach Österreich ist für Scherz MedAustron. In Kooperation mit dem CERN entsteht in Wr. Neustadt ein Teilchenbeschleuniger für Strahlentherapie, mit dem bisher unbehandelbare Tumore (immerhin 18 Prozent) geheilt werden können. Heuer unterstreicht auch das Potenzial für den Wis­senschaftlernachwuchs und lobt das seit Jahren „hervorragende Doktorandenprogramm“ Österreichs: „Kein anderes Land hat im Verhältnis so viele Doktoratsstudenten am CERN. Deutschland und Spanien versuchen das jetzt zu kopieren.“ Nutznießer sind neben Physikern auch Informatiker, Elektroniker, Maschinenbauer und weitere Disziplinen. Die Österreicher haben auch die höchste Akzeptanzrate bei anschließenden Bewerbungen. Ein Beispiel dafür ist Verena Kain, Beschleunigerphysikerin aus dem Waldviertel. Nach ihrer Dissertation über den LHC-Ring wurde sie vom Fleck weg engagiert. Die Diskussion über den Ausstieg war für sie „völlig unverständlich. CERN ist nicht nur für Teilchenphysiker ein Gewinn. Und die Maschine wird uns garantiert in irgendeiner Weise die Augen öffnen.“

Von Alexander Hackl, Genf

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