Bundespräsidentenwahl 2016: Rätselraten mit Dame

Bundespräsidentenwahl 2016: Rätselraten mit Dame

Heinz Fischer muss die Hofburg nach zwölf Jahren verlassen, er darf kein drittes Mal antreten.

Vor der Bundespräsidentenwahl 2016 stehen mehr Fragen als Antworten im Raum. Bestätigt ist bisher nur das Antreten von Irmgard Griss. Alle anderen möglichen Kandidaten taktieren, tarnen und täuschen noch. Die Amtszeit von Bundespräsident Heinz Fischer läuft am 8. Juli aus, voraussichtlich am 24. April wird das nächste Staatsoberhaupt gekürt.

Diesmal ist alles anders. Denn bisher hieß es bei Bundespräsidenten-Wahlkämpfen in Österreich immer ziemlich eindimensional: Rot gegen Schwarz - plus chancenloses Beiwerk. Also SPÖ-Kandidat gegen ÖVP-Kandidaten, der Rest war Staffage. 2016 läuft das aller Voraussicht nach anders.

Auch wenn sich bis auf Irmgard Griss alle kolportierten möglichen künftigen Bundespräsidenten mit ihrer fixen Zusage für ein Antreten noch zieren - die Liste der Kandidaten mit echten Chancen dürfte deutlich länger ausfallen als bisher. Und sie ergibt ein Gruppenbild mit Dame.

Wenn nicht eine Partei in letzter Sekunde noch einen Überraschungskandidaten aus dem Hut zaubert, werden wohl neben Griss ins Rennen um die Hofburg gehen: Erwin Pröll für die ÖVP, Rudolf Hundstorfer für die SPÖ und Alexander Van der Bellen für die Grünen. Nur was die Blauen planen, ist noch offen. Strache könne sich vorstellen, so war bisher aus dem rechten Lager immer zu vernehmen, Ex-OGH-Präsidentin Griss zu unterstützen. Aber das wäre eine ungewöhnliche Allianz, denn die eher weltoffene Griss steht inhaltlich den Neos und wirtschaftsaffinen Grünen ungleich näher als dem blauen Rabaukentum mit seinen vielen rechten Rülpsern.

Irmgard Griss: Die frühere OGH-Chefin kommt gut an. Aber wie sie sich als Wahlkämpferin schlagen kann, ist offen.

Gut möglich, dass die FPÖ sich noch umorientiert und den einzigen Parteigänger mit Reputation ins Rennen schickt, den sie hat: Rechnungshof-Präsident Josef Moser. Moser hat Ambitionen bereits vorsichtig erkennen lassen, seine Amtszeit endet kommendes Jahr. Das würde also passen.

Josef Moser: Der einzige Blaue, der so etwas wie Reputation genießt. Würde wollen und könnte nominiert werden, falls die FPÖ auf die Griss-Unterstützung verzichtet.

Knackpunkt Van der Bellen. Aber Dreh- und Angelpunkt aller strategischen Entscheidungen um Antreten oder nicht ist derzeit ungewollt Alexander Van der Bellen. Um seinen Entschluss kreist momentan alles.

Der frühere Universitätsprofessor und ehemalige Parteichef der Grünen genießt in der Bevölkerung über die Lager hinweg Ansehen und wird quer durch alle Bildungs- und Bevölkerungsschichten als zwar distanzierter, aber doch seriöser Übervater interpretiert. Für einen Bundespräsidenten eine ideale Charakter-Melange. Jene zart humoristischen Einsprengsel, die Van der Bellen in seiner aktiven Politzeit immer wieder verbal in den politischen Alltag streute und für die ihn in den Social Media die Follower lieben, sorgen dafür, dass der oft theoretische ankommende Professor nicht zu langweilig wirkt. Und eine Spur Fadesse in Gestus und Habitus steht einem Bundespräsidenten ohnehin gut, hyperaktive Aufreger in der Hofburg wollen die Österreicher nicht.

Alexander van der Bellen: Der grüne Ex-Uniprofessor wäre für viele Österreicher wählbar und für Pröll eine Gefahr. Wird es machen, obwohl er sich pro forma immer noch ziert.

Van der Bellen könnte unter Umständen Erwin Pröll gefährlich werden. Denn der niederösterreichische Landeshauptmann fungiert zwar in der ÖVP als alles entscheidende Größe und ist in seinem Bundesland Sonnenkönig. Ob er in Wien oder im Westen auch so gut ankommt, muss Pröll erst beweisen. Allerdings ist der Radlbrunner der einzig versierte Wahlkämpfer, einer, der weiß, wie Stimmen zu holen sind. Bei einem "Kurier“-Leserforum sagt er denn auch: "Dieser Wahlkampf wäre zu gewinnen.“

Tritt der 69-Jährige nicht an, hätte die ÖVP nur eine seriöse Alternative: den international angesehenen Delegationschef im EU-Parlament, Othmar Karas. In der Partei müssten aber, genau wie bei Pröll, einige über ihren Schatten springen, den mittlerweile zum Weltbürger gereiften Karas zu unterstützen.

Aus St. Pölten ist dieser Tage zum Thema Kandidatur jedenfalls nach wie vor nichts Genaues zu hören. Es gebe nichts Neues zum Thema zu sagen, lässt Pröll ausrichten. Und aus Brüssel kabelt Karas-Sprecher Daniel Köster mit Bedauern nach Wien: kein Kommentar.

Erwin Pröll: Selbst Wegbegleiter seit ewigen Zeiten wissen derzeit nicht verlässlich, ob Pröll um die Hofburg rittert oder doch Landeshauptmann in St. Pölten bleibt.

Es wird bei den Schwarzen mutmaßlich so laufen: Tritt Van der Bellen nicht an, wirft sich Pröll ganz sicher ins Rennen um die Hofburg. Am wahrscheinlichsten aus heutiger Sicht aber ist: Beide treten an. Die ÖVP will ihre Entscheidung beim Jahresauftakt 2016 bekannt geben, voraussichtlich am 10. oder 17. Jänner.

Präsident oder Bürgermeister. Die SPÖ kann das alles zwar erste Reihe fußfrei beobachten, komfortabel ist ihre Position dennoch nicht. Außer Sozialminister Rudolf Hundstorfer gibt es bei den Roten niemand, der ernsthaft infrage käme. "Es existiert keine Liste mit Namen“, sagt SP-Sprecher Matthias Euler-Rolle. Also wird der Sozialminister schon allein aus Parteidisziplin kandidieren müssen.

In einem Duell gegen Pröll und Van der Bellen sehen interne SP-Umfragen Hundstorfer mit eher schlechten Chancen, nicht einmal die Stichwahl könnte sich ausgehen. Der Sozialminister muss sich damit auseinandersetzen, den Wahlkampf eventuell zu verlieren und danach in der Versenkung zu verschwinden, wie das vor ihm den SPÖ-Urgesteinen Rudolf Streicher und Kurt Steyrer passiert ist. Eine Niederlage bei der Präsidentenwahl wäre auch keine Visitenkarte für den Job des Wiener Bürgermeisters, den Hundstorfer nicht verstummen wollenden Gerüchten zufolge durchaus gerne irgendwann hätte.

Rudolf Hundstorfer: Die SPÖ hat außer ihm kaum respektable Kandidaten in der Hinterhand. Aber die Wahlchancen des Sozialministers sind möglicherweise nicht allzu gut.

Die SPÖ wird ihn für die Hofburg kandidieren lassen, ob er will oder nicht - und die Entscheidung am 15. Jänner beim Parteivorstandstreffen bekannt geben.

Bleibt als Fixstarterin Irmgard Griss. Am 17. Dezember gab sie bekannt in einer auf YouTube veröffentlichten Antrittsrede ihre Kandidatur bekannt. Eine Wahlempfehlung für sie dürfte es von den Neos geben, auch wenn dies in der Partei noch umstritten ist. Größtes Griss-Problem ist die Unerfahrenheit beim Wahlkämpfen. Mitte Dezember gab es nur eine einfache Website, auf der man sich als Spender deklarieren oder als Wahlhelfer registrieren konnte.

Ein Wahlkampfbüro in der Wiener Mariahilfer Straße wurde kurz vor Weihnachten. Gestandene Wahlkampfmanager und professionelle Pressesprecher fehlten da noch. Griss hielt vor Weihnachten etwas über 100.000 Euro Spendenaufkommen. Der Großteil davon kam von Cattina Leitner, der Ehefrau von Andritz-Chef Wolfgang Leitner. Sie spendete 100.000 Euro. Griss ist auch gut mit Unternehmern und Industriellen vernetzt, vor allem die aus der Steiermark scheinen zu finanzieller Unterstützung bereit.

Artikel aus FORMAT Nr. 51/2015
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