"Steuerreform trifft Unternehmen hart"

"Steuerreform trifft Unternehmen hart"
"Steuerreform trifft Unternehmen hart"

Der Vortrag des Finanzministeriums an den Ministerrat zur Steuerreform: EY sieht große Belastungen für Unternehmen.

Roland Rief und Ingrid Rattinger, Partner bei der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, nehmen die wichtigsten Änderungen der Steuerreform unter die Lupe. Ihr Tenor: Während jeder Erwerbstätige laut Berechnungen der Regierung durchschnittlich um 1.000 Euro pro Jahr entlastet wird, treffen die Gegenfinanzierungsmaßnahmen Unternehmen und Unternehmer.

Die österreichischen Steuerzahler sollen durch die Steuerreform um 4,9 Milliarden Euro entlastet werden. Im Gegenzug sehen Roland Rief und Ingrid Rattinger, Partner bei der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, masive Belastungen auf Unternehmen und Unternehmer zukommen: Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes sei ein Rückschlag im Standortvergleich, die neue Grunderwerbsbesteuerung bringe Unsicherheiten für Immobilienbesitzer und die Anhebung der ermäßigten Mehrwertsteuersätze könne an Unternehmen hängen bleiben, geben sie zu bedenken. Ihre Meinung zu den wichtigsten Reformen der Regierung.

Spitzensteuersatz wirft Österreich zurück

Obwohl die „Millionärssteuer“ in ihrer ursprünglich angedachten Form nicht durchgesetzt wurde, bedeutet die Anhebung des Spitzensteuersatzes von 50 auf 55 Prozent ab einem Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro eine Mehrbelastung für Top-Verdiener. Dazu EY-Partner Roland Rief: „Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes ist aus budgetärer Sicht vernachlässigbar und hat eher Symbolcharakter. Allerdings wird diese Abgabenbelastung nicht nur Top-Manager, sondern auch Freiberufler, Einzelunternehmen und Personengesellschaften treffen. Ausweichstrategien sind deshalb vorprogrammiert und werden dazu beitragen, dass aus dieser Maßnahme kein nennenswertes Steueraufkommen entstehen wird.“ Große Auswirkungen wird der höhere Spitzensteuersatz nach Einschätzung von Rief nur auf die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Österreich haben: „Österreich wird durch diese Erhöhung ins Spitzenfeld der Hochsteuerländer katapultiert. Dazu kommt noch die Nichtabzugsfähigkeit von Managergehältern über 500.000 Euro auf Seiten des Arbeitgebers. Alles in allem ist das für Österreich ein herber Rückschlag im Standortvergleich, denn international wird vor allem der Spitzensteuersatz verglichen.“

KESt-Erhöhung: Vorzieheffekte erwartet

Ein Hintergrund des neuen Spitzensteuersatzes ist auch die Anhebung der Kapitalertragsteuer für Dividenden und Wertpapiere auf 27,5 Prozent. Die Kapitalertragsteuer ist nämlich verfassungsrechtlich mit der Hälfte des höchsten Einkommensteuersatzes gedeckelt. Diese Erhöhung wird laut Roland Rief schon im aktuellen Jahr erste Auswirkungen zeigen: „Die Anhebung der Kapitalertragsteuer wird zu Vorzieheffekten führen. Das heißt, Gewinnausschüttungen aus Kapitalgesellschaften und Zuwendungen von Privatstiftungen werden bereits in 2015 erfolgen. Darüber hinaus werden angesammelte Wertsteigerungen in Wertpapieren noch in diesem Jahr durch Veräußerung realisiert werden. Weil diese Anhebung der Kapitalertragsteuer auch für alle Aktien und Investmentfondsanteile gilt, wird sie ebenso wie die Einführung der Wertzuwachsbesteuerung in 2011 den Börsenplatz Wien besonders treffen.“ Die Kapitalertragsteuer auf Zinsen aus Bankguthaben und Forderungswertpapieren in Höhe von 25 Prozent soll hingegen beibehalten werden. „Das ist ein verfassungsrechtliches Abenteuer, weil das Endbesteuerungsgesetz 1993 einen einheitlichen Steuersatz verlangt. Es wird sich zeigen, ob diese Unterscheidung vor dem Verfassungsgerichtshof hält“, so Rief weiter.

Grunderwerbsteuer: Unsicherheiten für Immobilienbesitzer

Das einzige Vermögen, das in Österreich bei Erbschaft oder Schenkung derzeit mit einer Steuer belastet wird, ist das inländische Grundvermögen. Ab 1. Jänner 2016 wird die Grunderwerbsteuer mit dem Verkehrswert anstelle des dreifachen Einheitswertes berechnet. Damit das nicht in allen Fällen zu einer Verteuerung führt, werden im Familienverband ermäßigte Steuersätze von 0,5 Prozent bis 150.000 Euro und zwei Prozent bis 300.000 Euro eingezogen. Darüber gilt – ebenso wie für Grundstückserwerbe zwischen nicht verwandten Personen – wie bisher ein Steuersatz von 3,5 Prozent. Roland Rief dazu: „Ob diese Maßnahme zu einer Verteuerung führt und sich daraus Vorzieheffekte ergeben werden, hängt immer vom Verkehrswert der Immobilie und dem Verhältnis zum Einheitswert ab.“ In jedem Fall müssen Schenkungen zwischen denselben Personen zukünftig kompliziert zusammengerechnet werden, damit diese die Ermäßigungsschwellen nicht durch sukzessives Schenken mehrfach ausnützen können. „Deshalb ist es gut möglich, dass auch Schenkungen vor dem Inkrafttreten der Steuerreform in die Zusammenrechnung einbezogen werden“, so Rief.

Flankiert wird diese Änderung von einer Erhöhung der Immobilienertragsteuer (ImmoESt) von 25 auf 30 Prozent. Für den Altbestand – also jene Liegenschaften, die am 1. März 2012 nicht mehr steuerhängig waren – führt dies ab 1. Jänner 2016 zu einer Steuerlast von 4,2 Prozent statt bisher 3,5 Prozent vom Verkaufspreis. Neben der Grunderwerbsteuer müssen Immobilienbesitzer außerdem eine Gerichtsgebühr in der Höhe von 1,1 Prozent für die Grundbucheintragung entrichten, die bei Erbschaft oder Schenkung im Familienverband aber vermutlich weiterhin vom dreifachen Einheitswert bemessen wird. Zusätzlich soll die Abschreibung von Gebäuden verändert werden. EY-Partner Roland Rief abschließend: „Besitzer inländischer Immobilien zählen sicher nicht zu den Gewinnern dieser Steuerreform.“

Mehrwertsteuer-Erhöhungen treffen Unternehmen

Die gute Nachricht in Punkto Mehrwertsteuer: Mit der nur teilweisen Anhebung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von zehn Prozent auf 13 Prozent ist die Erhöhung geringer ausgefallen als erwartet. Durch die höhere Mehrwertsteuer, beispielsweise auf Hotelnächtigungen, Tierfutter, Theater-, Kino- und Museumsbesuche, Pflanzen, Saatgut und den Ab-Hof-Verkauf von Wein, erwartet sich der Staat Einnahmen in der Höhe von rund 250 Millionen Euro. Die schlechte Nachricht betrifft vor allem Unternehmer: Sie schultern nämlich die Hauptlast der Erhöhung. Ingrid Rattinger, Partnerin und Mehrwertsteuerexpertin bei EY, erläutert: „Unternehmen trifft die Anhebung der Mehrwertsteuer hart. Sie müssen sich entscheiden, ob sie in den sauren Apfel beißen und die Kosten selbst tragen oder ob sie diese durch höhere Preise an Konsumenten weitergeben. Allerdings wird das in vielen Branchen nicht möglich sein. Gerade im Kulturbereich, wo viele Einrichtungen jetzt schon auf öffentliche Subventionen angewiesen sind, führen höhere Eintrittspreise sehr wahrscheinlich zu geringeren Besucherzahlen und damit zu einer weiteren Verschärfung des Kostendrucks.“

Dazu komme ein nicht unwesentlicher administrativer Aufwand: „Unternehmen müssen zusätzliche Steuerschlüssel in ihren EDV-Systemen anlegen, um die neuen Steuersätze abzubilden. Dies betrifft nicht nur jene Unternehmer, die die Leistungen anbieten, sondern auch jene, die die Leistungen beziehen, weil auch bei Eingangsrechnungen die neuen Prozentsätze erfasst werden müssen“, so Rattinger. Auch die geplante Registrierkassen- und Belegerteilungspflicht führt zu zusätzlichem Aufwand für die Unternehmer.

Hotellerie droht Chaos

Neben den finanziellen Mehrbelastungen verursacht die Anhebung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes in vielen Bereichen Abgrenzungsprobleme. So muss im Übergangszeitraum genau geprüft werden, welche Leistungen noch dem niedrigeren Steuersatz unterliegen und welche bereits unter den höheren Steuersatz fallen. „Gerade im Hotelgewerbe droht durch die Umstellung ein administratives Chaos. Das liegt daran, dass die Abgrenzung der Mehrwertsteuersätze nach der Steuerreform deutlich komplizierter ist“, so Ingrid Rattinger. Als Beispiel führt die EY-Partnerin Übernachtungen mit Vollpension an: „Derzeit unterliegt die Vollpension zur Gänze dem Steuersatz von zehn Prozent. Künftig muss der Preis aufgeteilt werden in die Nächtigung, die dem 13-prozentigen Steuersatz unterliegt und die Verpflegung, die weiterhin unter den 10-prozentigen Satz fällt. Gerade bei Pauschalpreisen wird das zu Diskussionen mit der Finanzverwaltung führen. Dass diese bei Pauschalen dazu tendiert, möglichst viel dem höheren Satz zuzuordnen, ist aus anderen Bereichen bekannt. Auch die Abgrenzung zwischen der weiterhin mit zehn Prozent besteuerten Wohnungsmiete und Hotelnächtigungen wird in Einzelbereichen wie zum Beispiel bei Appartements für Geschäftsreisende zu Problemen führen.“

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