Sebastian Kurz – Kann er auch Minister?

Sebastian Kurz – Kann er auch Minister?

Der Hype um Sebastian Kurz bringt sogar sonst wenig wahrgenommene Personen ins Rampenlicht. Während der Außenminister mit seinem Antrittsbesuch beim deutschen Amtskollegen Steinmeier oder beim Außenministerrat in Brüssel erste Gehversuche machte, interessierte heimische Medien auch das: warum die medial bislang völlig unterbelichtete EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton - "die ja seine Mutter sein könnte“ - während eines Treffens die Hand von Kurz tätschelte.

Die ersten Tests zur Trittsicherheit auf dem diplomatischen Parkett hat er gemeistert. Bisheriger Höhepunkt war die Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende. Kurz war dort zwar nur Zaungast des weltpolitischen Schlagabtauschs zwischen dem russischen und dem amerikanischen Außenminister über die Situation in der Ukraine. Aber er traf Oppositionsführer Vitali Klitschko. Und formulierte den Wunsch, Deutschland solle sich gemeinsam mit Österreich stärker in der Welt engagieren. Schüttelte viele Hände. Konnte verkünden, dass weitere UN-Gespräche mit Iran über das Ende der Sanktionen in Wien stattfinden werden.

Zuvor hatte Kurz auch seine erste Krise bewältigt. Eine junge Wienerin, die in Dubai eine Vergewaltigung angezeigt hatte und plötzlich selbst von einer Anklage bedroht war, konnte von einem österreichischen Diplomatenteam außer Landes gebracht werden - unter wachsendem öffentlichem Druck: Eine Unterstützergruppe, die Kurz auf Facebook aufgefordert hatte, sich für die Freilassung der Frau einzusetzen, war binnen Tagen auf 260.000 Mitglieder angewachsen. "Seit Kreisky hat kein Politiker mehr so gute Beliebtheitswerte gehabt“, jubelte die Zeitung "Österreich“ prompt.

Fachwissen schadet nicht, muss aber nicht sein

Ist der 27-jährige Jungpolitiker für sein Alter nur erstaunlich routiniert oder ist er wirklich gut? Diese Frage taucht aktuell in vielen Politdiskussionen auf. FORMAT befragte Experten , die ihm - bei unterschiedlicher Betrachtungsweise - vor allem eines attestieren: echtes politisches Talent. Für ein Resümee ist es noch zu früh. Aber es sieht danach aus, als könne er in einem für ihn thematisch fremden Ressort rasch Fuß fassen. Warum das so ist, liegt wohl an einem Bündel an Eigenschaften, die das Politikmagazin "Cicero“ unlängst unter folgender Aussage subsumierte: Fachwissen schadet nicht, muss aber nicht sein.

Ein Spitzenpolitiker fokussiert seine Arbeit in der Öffentlichkeit auf wenige wichtige Themen, die er nachvollziehbar vertritt. Für Details sind Sektionschefs und Referenten zuständig. Im Fall von Kurz ist das große Thema der Westbalkan, dem er sich verstärkt widmen will. Neu ist das nicht. "Die Interessen österreichischer Außenpolitik wurden lange vor Kurz identifiziert“, sagt der frühere UN-Beauftragte und Generalsekretär des Außenamtes, Albert Rohan, trocken. Aber: "Man kann Kurz daran messen, dass er sich hundertprozentig für diese Interessen einsetzt.“

Es ist vor allem der persönliche Einsatz, den Kurz nach dem Motto "tue Gutes und rede darüber“ nach außen demonstriert. Und wenn es in Geschichten auch menschelt, wie im Fall der Rettungsaktion für das "Dubai-Opfer“, sind ihm Schlagzeilen sicher. Die Rückholung demonstrierte auch eine effektive, weil proaktive Krisen-PR. Es war zwar riskant, die Entsendung des Krisenteams öffentlich zu machen, während die Verhandlungen noch liefen. Doch die Aktion glückte. Und damit auch der Eindruck, das Außenamt habe die Fäden in der Hand gehabt.

Bei heiklen Causae bleibt Kurz unverbindlich. Zur Ukraine fordert er ein einheitliches Vorgehen der EU, ohne konkret zu werden. Von Deutschland wünscht er sich stärkeres Engagement in der Welt - nachdem Bundespräsident Gauck dasselbe geäußert hatte. Es gebe noch keinen Termin, antwortet Kurz auf die Frage, wann er der ausgesprochenen Einladung seines iranischen Amtskollegen nach Teheran folgen werde. Langweiliger Diplomatensprech eben. Kennenlernen wollen ihn trotzdem alle, den jüngsten amtierenden Außenminister der Welt. Im Februar absolviert Kurz seinen Antrittsbesuch in Serbien - auch wegen des menschlichen Aspekts. Viele (Neo-)Österreicher haben dort ihre Wurzeln. Die nächste Schlagzeile ist ihm sicher.

Experten zu Sebastian Kurz

Regina Jankowitsch, Politikberaterin & Coach

Er zeigt Interesse

Zugegeben: Aus Sicht des Coaches sprach wenig dafür, das sensible Amt des Außenministers anzunehmen. Denn wenn sich fehlende Qualifikation und inhaltliche Erfahrung auch in einer ganzen Legislaturperiode nicht aufholen lassen, dann soll man es lieber nicht tun - wenn man ein Mindestmaß an Selbstkritik und Demut vor dieser Funktion, unserer Visitenkarte in der Welt, hat. Sebastian Kurz hat jedenfalls in dieser Situation auf das für ihn einzig Mögliche gesetzt: Er zeigt Interesse für das Ressort, Respekt für Berufsdiplomaten und kommuniziert aktiv. Das ist gut und angesichts der Geringschätzung seines Vorgängers für Österreichs Außenpolitik eine Verbesserung, für die wir alle grundsätzlich dankbar sein können. Ob das reicht? Professionelles Coaching hätte drei Ansatzpunkte: Ihm erstens Erdung und Korrektiv zu sein, um den Medienliebling vor ungebremster Euphorie zu schützen. Ihn zweitens als externer Sparringpartner im Prozess der Entwicklung einer klaren außenpolitischen Rolle für Österreich zu unterstützen. Und Kurz auch bei Rückschlägen zu ermutigen, wenn ihn große Kaliber auf dem Weltparkett nicht ernst nehmen oder die Regierungsspitze wieder einmal Angst vor Gestaltungswillen hat.

Felix Gottwald, Olympiasieger & Autor

Vorsicht vor Haltungsschäden

Ob im Sport oder in der Politik: Jeder fängt irgendwann als hoffnungsvolles Talent an! Das ist die Zeit, in der die Motivation aus der Begeisterung für eine Sache entsteht und in der man im System noch einfach so mitläuft. Die ersten Erfolge sind immer das Resultat von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und jugendlicher Leichtigkeit. Das passiert im Sport zum Glück immer wieder - Alaba, Hirscher, zuletzt Skispringer Thomas Diethart -, in der Politik selten bis nie. Hier lernt die Öffentlichkeit "Talente“ ja erst kennen, wenn diese ihre eigene Individualität zugunsten der Parteikultur weitgehend aufgegeben haben. Sebastian Kurz ist da eine Ausnahme, er hat noch diesen Anfängergeist und darf trotzdem im Nationalteam mitspielen. Mit den ersten Erfolgen - das ist überall gleich - kommt auch die wichtigste Bewährungsprobe: der Umgang mit der öffentlichen Erwartungshaltung. Wer es nicht schafft, dazu eine gesunde innere Distanz zu wahren, für den werden die Erwartungen der anderen zum Erwartungsdruck. Aber Erwartungshaltung erzeugt Haltungsschäden! Der Sport zeigt: Langfristig erfolgreich sind die, die sich immer die Unabhängigkeit für ihren eigenen Weg innerhalb ihres Systems bewahren.

Erhard Busek, Vizekanzler und ÖVP-CHef a. D.

Risiko der Selbstgefährdung

Die imponierende Laufbahn von Sebastian Kurz ist hinreichend kommentiert. Persönlich bin ich der Meinung, dass das Außenamt für ihn und für uns eine große Chance ist - wenn er sich nicht selbst gefährdet. Im Integrationsbereich hatte er Erfolg und auch einiges bewirkt, in der Außenpolitik steht das verständlicherweise noch aus. Von meinen Gesprächspartnern in den Nachbarländern wird er als höflich und offen beschrieben, wobei einige angenommen haben, dass er aufgrund seiner Laufbahn arrogant sein müsse. Das ist er nicht! Er hört zu und will verstehen. Es ist schön, wenn er Österreich in der EU neu positionieren will, sich im "Westbalkan“ engagiert und für ein stärkeres Engagement von Deutschland in Verbindung mit unserem Land eintritt. Hier und bei anderen Themen fehlen aber noch Inhalte! Sicher ist es dafür noch zu früh, nur wird er bald daran gemessen werden. Das ist nicht nur die Frage einer schöpferischen Fantasie, sondern auch des notwendigen Talents, Mitstreiter zu gewinnen, finanzielle Mittel zu erobern und der bislang kaum existenten Außenpolitik unseres Landes ein Profil zu geben. Hoffentlich lässt er sich nicht selber durch Schlagzeilen, Interviews und schöne Fotos mit Gesprächspartnern beeindrucken.

Martin Engelberg, Psychoanalytiker

Kein Besserwisser

Woran man erkennt, dass Sebastian Kurz politisches Talent hat? Aus Sicht der Psychoanalyse sind das: erstens eine stabile soziale und emotionale Intelligenz. Kurz hat bewiesen, dass er auf Menschen zugehen kann, bereit ist, zuzuhören, Informationen und Ratschläge aufzunehmen. Er hat die Demut, nicht alles besser wissen zu müssen, und erobert sich damit Unterstützung und Sympathie seiner Mitarbeiter und wichtiger Persönlichkeiten. Damit kann er in Sachfragen brillieren, ohne vielleicht a priori das Wissen, die Erfahrung und das Netzwerk zu besitzen, die für das Außenamt erforderlich erscheinen. Zweitens hat Kurz bereits als Staatssekretär ein großes Maß an Kreativität an den Tag gelegt. Aus der erfolgreichen Erledigung seiner Arbeit Befriedigung zu beziehen und nicht ständig auf Beifall angewiesen zu sein, ist ein drittes Kriterium, das er erfüllt. Kurz beweist Mut, Ziele und Überzeugungen deutlich zu formulieren. Seine Sprache ist erfrischend normal, er verliert sich nicht in Floskeln wie viele bereits deformierte Berufskollegen. Schließlich scheint er auch über charakterliche Integrität zu verfügen. Sich diese zu erhalten, wird die größte Herausforderung für ihn werden und darüber entscheiden, ob und wann er zu noch größeren Aufgaben berufen wird.

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