Rürup: "Pensionssystem nicht finanzierbar, erst mit 67 in Pension“

Rürup: "Pensionssystem nicht finanzierbar, erst mit 67 in Pension“
Rürup: "Pensionssystem nicht finanzierbar, erst mit 67 in Pension“

Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup

Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup und der Wirtschaftsmathematiker und Pensionsexperte Ulrich Schuh von "Eco Austria" halten das österreichische Pensionssystem auf Dauer für nicht finanzierbar. Im Rahmen der Wirtschaftsgespräche in Alpbach fordern sie eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters auf 67 Jahre und raten zu weiteren Schritten. Sozialminister Rudolf Hundstorfer widerspricht: "Das Pensionsfinanzierungssystem steht auf soliden Beinen. Angst ist überflüssig."

Das Pensionssystem könnte noch mehr aus den Fugen geraten, als es ohnehin schon der Fall ist. Hauptgrund und größter Kostenfaktor im kaum mehr finanzierbaren System ist sie ständig steigende Lebenserwartung. So lag das Durchschnittsalter laut Berechnungen Instituts für Wirtschaftsmathematik im Jahr 1970 für Männer bei 66 Jahren, bei Frauen bei 77. Im Jahr 2010 betrug das Durchschnittsalter für Frauen bereits 83 Jahre. Männer werden im Schnitt knapp 78 Jahre alt. In den vergangenen zehn Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen damit um eineinhalb Jahre und die der Männer um zweieinhalb Jahre gestiegen.

„Wir leben sechs Stunden pro Tag oder zwei bis drei Monate im Jahr länger als unsere Vorfahren", so die Demografie-Expertin und Wirtschaftsmathematikerin Alexa Fürnkranz-Prskawetz anlässlich einer Diskussionsrunde beim Forum Alpbach. Das ist für jeden einzelnen zwar eine gute Nachricht, doch „das Pensionssystem wird dadurch stark belastet. Die gestiegene Lebenserwartung ist ein enormer Kostentreiber“, so Pensionsexperte und Vorsitzenden des Kuratoriums des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Bert Rürup. Seine Conclusio: Das Pensionsantrittsalter müsse weiter angehoben werden.

Immer mehr Pensionisten

Gleichzeitig wird alleine der Geburtenstatistik zufolge ohne eine entsprechende Zuwanderung die Menge der Nettozahler in das Pensionssystem immer kleiner. Jede Österreicherin bringt im Schnitt 1,46 Kinder zur Welt. Statistisch gesehen entspricht das einer "Nettoreproduktionsrate" von 0,71, was einer. Für die Statistiker ein Alarmzeichen: Der Mittelwert liegt deutlich unter dem "Bestanderhaltungsniveau“ von 2 Kindern pro Frau. Gemessen an der „Nettoreproduktionsrate“ wird sich die heute im Reproduktionsalter befindliche Generation zahlenmäßig zu 71 reproduzieren, also um fast ein Drittel weniger Nachkommen hervorbringen.

Unter dem Strich bedeutet das, dass auch die Zahl der Pensionisten im Land ständig steigt. Im Jahr 1990 waren, wie Fürnkranz-Prskawetz errechnet hat, noch 14,9 Prozent aller Frauen und Männer in Österreich im aktuell für nach 1963 geborene Frauen geltenden Regelpensionsalter von 65 Jahren oder älter. 2014 waren es bereits 18,4 Prozent und 2030 werden es voraussichtlich 23,6 Prozent sein.

Weitere aktuelle Probleme, die die Lücke zwischen Ausgaben und Einnahmen im Pensionssystem in Österreich verschärfen: Die Wirtschaft stagniert und das Produktivitätswachstum pro Kopf sinkt. Noch ein Grund, weshalb beim Wirtschaftsforscher Ulrich Schuh, dem wissenschaftlichen Vorstand und Mitarbeiter von EcoAustria, die Alarmglocken läuten: Das Geld für das Pensionssystem wird seit langem für pensionsfremde Zwecke wie die Geschlechtergleichstellung oder arbeitsmarktpolitische Maßnahmen eingesetzt.

Pensionssystem nicht zukunftsfähig

Das österreichische Pensionssystem hält Rürup daher für nicht zukunftsfähig. „Entscheidend ist die Nachhaltigkeit des Pensionssystems. Das ist es in Österreich derzeit nicht.“ Ein Pensionssystem müsse auf Dauer finanziert sein. In Österreich sei das Pensionssystem dagegen ein reines Schuldenmodell: „Es kommt de facto ständig zu einer Abdeckung eines Defizits, das von Steuereinnahmen wieder gedeckt wird."

Ein Drittel der Pensionen werden in Österreich aus Steuereinnahmen finanziert. Diese Transferleistungen sind innerhalb der verschiedenen Gruppen recht unterschiedlich aufgeteilt. So muss der Staat bei ASVG-Pensionisten 20 Prozent der Rente zuschießen, bei SV-Versicherten sind es 49 Prozent und bei Bauern derzeit 80 Prozent. Künftig wird der Anteil der Zuschüsse bei den Bauern sogar auf 90 Prozent steigen, da die Zahl der einzahlenden Bauern weiter abnimmt.

EcoAustria-Vorstand Schuh beklagt, dass die Umverteilung bei den Pensionen viel zu wenig thematisiert wird und nennt die Kosten: Jährlich fließen 48 Milliarden Euro, 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung, in die Finanzierung der Pensionen. Seinen Berechnungen zufolge erhält ein Pensionist bis zu seinem Lebensende teilweise rund 420.000 Euro an staatlichen Zuschüssen. Diese Daten seien auch deshalb wichtig, da sich nach Berechnungen des Wirtschaftsprofessors die Finanzierung des Pensionssystems auf die Dauer nicht ausgeht. Schuh: „Die Ausgaben sind wesentlich größer als die Einnahmen."


Pensionsantrittsalter der Frauen anpassen, alles andere ist Diskriminierung

Damit dieser Teufelskreis durchbrochen werden kann müsse, so Rürup, als ein wichtiger Teil der Lösung das Pensionsantrittsalter der gestiegenen Lebenserwartung angepasst werden. Rürup: "Die bisherige Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters in Österreich ist zwar nett, entscheidend ist aber die Anhebung des gesetzlichen Antrittsalters." Er plädiert daher für eine Rente mit 67: „Das würde den Kostenfaktor durch den Zugewinn der Lebenserwartung von zwei Jahren eliminieren.“ Gleichzeitig soll das Pensionsantrittsalter der Frauen dem der Männer angeglichen werden. „Alles andere ist Diskriminierung", befindet Rürup, "das mindert die Karrierechancen und verhindert höhere Pensionen für Frauen."

Die Sorge, dass sich durch längere Lebensarbeitszeiten das Arbeitsplatz-Angebot verknappen könne, ist unbegründet. Wirtschaftsforscher Schuh befindet das für einen Irrglauben: „Dafür gibt es keinen empirischen Beleg. Arbeitslosigkeit hat vielmehr andere Gründe wie etwa eine verfehlte Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik." Rürup schlägt in die gleiche Kerbe: In Deutschland ist die Anhebung des Pensionsalters bereits erfolgt. Diese hat nicht zu den vorher befürchteten Folgen geführt. Ein behaupteter Anstieg der Arbeitslosigkeit ist empirisch falsch.“

Schuh sprach sich zudem für einen erschwerten Zugang zur Frühpension, einer Erhöhung des faktischen Pensionsantrittsalters ohne statische Schönrechnerei sowie eine raschere Anhebung auch des Frauenpensionsalters aus: "Die bisher von der Politik in Österreich gesetzten Maßnahmen sind nicht ausreichend, um das Pensionssystem nachhaltig zu stabilisieren."

Flexible Finanzierung

Pensionsexperte Rürup fordert von den heimischen Politikern zudem, Pensionsanpassungen nicht wie bisher nur von der Höhe der Inflationsrate abhängig zu machen. Es solle ein fixes, mit mehreren Parametern ausgestattetes Regelwerk eingeführt werden, an dem die Pensionen bemessen werden. Dem aktuellen System, bei dem die Pensionen flexibel angepasst werden, kann Rürup wenig abgewinnen. „Mit diesen situationsspezifischen Ad-hoc-Entscheidungen fördert man nur den Primat der Politik, gibt den Menschen aber keine Planungssicherheit.“ So hätten ältere Menschen, wenn sie bereits in Pension sind, wenig Möglichkeiten, sinkenden oder stagnierenden Renten gegenzusteuern.


Das Pensionssystem steht auf soliden Beinen

Seitens der Politik will man davon jedoch nichts wissen. Sozialminister Rudolf Hundstorfer sieht das aktuelle System als vorteilhafter. „Das bietet uns die Möglichkeit, jedes Jahr aufs Neue zu entscheiden, ob wir die Pensionen anheben können oder nicht,“, argumentiert er. "Es war und ist politischer Wille, unser System so finanzieren." Rürups Bedenken zur Finanzierbarkeit des österreichischen Pensionssystemn wischt er ebenfalls vom Tisch: "Das Pensionsfinanzierungssystem steht auf soliden Beinen. Angst ist überflüssig."

Auch dass bei der Höhe der Pensionen die Lebenserwartung mit einbezogen wird - wofür Rürup plädiert - trifft auf politischen Widerstand. „Ein junger Mensch kann nicht abschätzen, wie hoch seine Lebenserwartung ist und wann er in Pension gehen wird können. Dadurch geht die Planungssicherheit verloren", macht ÖGB-Präsident Erich Foglar kein Hehl daraus, dass eine eine Orientierung an der demographischen Entwicklung für keine gute Idee hält.

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