Pflegefall Österreich

450.000 Österreicher brauchen Pflege. Sie fallen in ein ineffizientes System, dessen Kosten ständig steigen. Und das ohne die Angehörigen längst zusammenbrechen würde.

Pflegefall Österreich

Lange kam Maria Paschinger in ihrer 50-Quadratmeter-Gemeindewohnung alleine zurecht. Zunächst brauchte die heute 88-Jährige nur Hilfe im Haushalt. Dann kam zum körperlichen Verfall auch die Vergesslichkeit. Und damit die Stimmungsschwankungen. "Manchmal sagt sie mir am Ende eines Nachmittags, an dem ich eingekauft, gekocht und mit ihr Karten gespielt habe, dass sie morgen nicht mehr aufwachen will. Das sind die schmerzhaften Momente", sagt ihr Sohn Anton.

Fünf, sechs Mal pro Woche kommt Anton Paschinger zu Besuch. Drei Mal täglich wird die Mutter zusätzlich von mobilen Pflegern der Caritas versorgt. Sie übernehmen die Körperpflege, etwaige Wundversorgung, messen den Blutdruck und geben Medikamente aus. "Der Arbeitseinsatz der Pflegerinnen ist enorm", sagt der Sohn, "aber dafür ist die psychische Belastung für sie wohl nicht so hoch. Wir ergänzen uns gut."

Rund 450.000 Menschen sind derzeit auf Pflege angewiesen. Knapp 4,5 Milliarden Euro lässt sich der Staat deren Betreuung aktuell kosten. Deutlich mehr als fünf Milliarden werden es in zehn Jahren sein (siehe Grafik). Die Finanzierung der Pflege ist nur bis Ende 2016 gesichert. Und trotz ständig steigender Kosten fehlen nachhaltige Finanzierungsmodelle oder visionäre Strategien. Man setzt offenbar auf die Gratisarbeit der Angehörigen. Ein riskanter Weg.

Anton Paschinger steht repräsentativ für die wichtigste Säule des österreichischen Betreuungsmodells. Jeder zweite pflegebedürftige Mensch wird hierzulande ausschließlich von Angehörigen betreut. Weitere 30 Prozent werden zu Hause von mobilen Diensten versorgt - meist mit Unterstützung der Verwandtschaft.

Bei der Anerkennung ihrer Dienste fristen Angehörige ein Hausfrauenschicksal. "Die Pflegedienstleistungen innerhalb der Familie werden budgetär nicht berücksichtigt", sagt Thomas Url, Experte am Wirtschaftsforschungsinstitut (WiFo):"Wir Ökonomen würden diese Leistung natürlich einpreisen." 2006 hat das WiFo genau das getan. Und kam auf Pflegedienste im Gegenwert von 2,6 Milliarden Euro, die jährlich von Angehörigen kostenlos geleistet werden.

Mit ihrer Überforderung bleiben die privaten Helfer dann alleine. "Wir müssen die Angehörigen oft mitbetreuen", sagt Marion Chihungi, Leiterin der Caritas-Sozialstation für mobile Pflege in Wien-Wieden. Zeit dafür gebe es aber kaum: "Der Betreuungsanspruch wird in Stunden eingeteilt und richtet sich nach der Höhe der Pflegegeldstufe. Er ist streng getaktet. Zusätzliche Gespräche sind im Ablauf nicht eingeplant."

In stationären Einrichtungen - Pflegeheime, Geriatriezentren - werden nur 16 Prozent der Pflegebedürftigen versorgt. Diese Art der Pflege ist gleichzeitig am teuersten: Gut 1,2 Milliarden Euro flossen 2013 in den stationären Bereich - mehr als doppelt so viel wie in die mobile Pflege (510 Millionen). Dazu kommen die Pflegegelder an die Betroffenen: 2,5 Milliarden Euro werden heuer ausgezahlt. 1,3 Milliarden Euro machten 2012 die Selbstbehalte aus. Zwar wird beispielsweise ein Großteil der Pension einbehalten, aber sie decken nicht einmal ein Viertel der Gesamtkosten. Für drei Viertel muss der Steuerzahler aufkommen.

Demographie und Geldverschwendung. Warum die Ausgaben für Pflege ständig steigen, liegt zum einen am demografischen Wandel. Aktuell sind 1,5 Millionen Österreicher über 65 Jahre alt. In zehn Jahren werden es 1,9 Millionen sein. Und laut OECD-Daten nehmen 22 Prozent der über 65-Jährigen monetäre oder institutionelle Pflegeleistungen in ist der Pflegebedarf in dieser Altersgruppe höher als in Österreich.




Zum anderen versickern Steuergelder im System. Denn die Finanzierung der Pflege ist - wie so vieles hierzulande eine Streuobstwiese. Das Pflegegeld für die Betroffenen wird vom Bund ausgezahlt, die Dienstleistungen, also die Pfleger, von den Ländern übernommen. Unterstützt werden sie dabei wiederum vom Bund, der jährlich bis 2016 rund 350 Millionen Euro über einen Pflegfonds zuschießt.

Damit die Länder Geld aus diesem Fonds lukrieren können, müssen seit dem Vorjahr mindestens 50 Prozent der Bedürftigen Zugang zu stationären oder mobilen Diensten haben. Einige Länder erfüllen die Quote nicht. Doch das wäre noch das Geringste: "Die Vorgaben zur Qualität der Betreuung und zur weiteren Detailplanung in den Ländern fehlen. Es wird keine Unterscheidung zwischen einer Versorgung durch mobile Dienste in geringem Ausmaß oder durch einen Heimplatz um mehrere Tausend Euro getroffen", heißt es in einem Rechnungshof-Bericht vom Februar. Die Folge sind "Effizienzverluste" in den Gebietskörperschaften und eine "gänzlich fehlende Planungslogistik".



"Jedes Land hat sich sein eigenes System gebastelt", meint Alexander Bodmann, Generalsekretär der Caritas. Das mache die Einhaltung einheitlicher Standards nicht eben leichter.

Die Caritas ist der größte private Anbieter für mobile Pflege in Österreich. Jeder vierte Bedürftige wird von Mitarbeitern der katholischen Organisation zu Hause versorgt. Und darauf setzt auch die Regierung. "Mehr mobil, weniger stationär", lautet die Strategie von Sozialminister Rudolf Hundstorfer zur Kostendämpfung.



Die Logik dahinter klingt zwingend. Eine Pflegestunde kostet rund 40 Euro, der Heimaufenthalt im Schnitt rund 4.000 Euro im Monat. Der "Social Return on Investment" - der Faktoren wie Arbeitsplätze und Soft Facts wie Selbstbestimmung berücksichtigt - liegt einer WU-Studie zufolge bei 1 zu 3,7. Pro investiertem Euro würden demnach knapp vier Euro zurückfließen.

Allerdings: Die Lösung aller Probleme ist die mobile Betreuung mitnichten. Diese Dienste sind für Mitarbeiter belastender als die Arbeit im Heim. Kunden und Dienstpläne ändern sich ständig, weite Wege müssen zurückgelegt werden. Rund 80 Prozent der mobilen Pflegekräfte arbeiten deshalb in Teilzeit. Die Fluktuation ist entsprechend hoch, oftmals zu Lasten der Betroffenen.

Zudem ist die mobile Betreuung nicht immer das adäquate Mittel. Ältere Menschen vereinsamen oft in ihren Wohnungen. Manche Betroffene sind zu gebrechlich, um zu Hause versorgt zu werden. Generell ist die mobile Pflege mit rund drei Stunden täglich gedeckelt. Danach kommen nur noch Tageszentren oder Heimaufenthalte, es fehlen Zwischenschritte. Anstatt also die Strukturen zu verändern und das System effizienter zu gestalten, lässt die Politik dort viel Geld liegen, das an anderer Stelle eingespart werden muss - eben beim Leistungsspektrum.

Weiterwurschteln. Denn trotz ständig steigender Aufwände ist die Steuerungslogik des Pflegesystems "weniger am individuellen Bedarf als an der Geringhaltung der öffentlichen Ausgaben interessiert". Zu diesem Schluss kommt ein aktueller Arbeitsbericht der Wiener Arbeiterkammer. Ebendort geht man davon aus, dass Kostensteigerungen für Pflege wegen der überalternden Gesellschaft nicht zu vermeiden sind. Und führt als Best-Practice-Beispiele Schweden und die Niederlande an.

Die öffentlichen Ausgaben für Pflege machen in beiden Staaten rund 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus -in Relation mehr als doppelt so viel wie in Österreich (1,6 Prozent). Allerdings sind auch die Angebote differenzierter, umfassen ein größeres Leistungsangebot und locken besser entlohntes und im Schnitt auch höher qualifiziertes Personal an. Die Niederlande wiederum generieren Einnahmen über eine allgemeine Pflichtversicherung. Schweden finanziert sämtliche Pflegeleistungen ausschließlich über Steuern. Im Gegensatz zu Österreich gibt es dort auch keine Selbstbehalte und kaum Vollzeitpflege durch Angehörige. Österreich wird zusätzliche Mittel für Pflege anderswo in der Verwaltung einsparen müssen. Für die notwendigen Reformen wäre ebenfalls Schweden ein Vorbild.

Politisch hat eine Pflichtversicherung hierzulande keine Zukunft. "Die Lohnquote hat eine andere Dynamik als die Beitragsentwicklung in der Pflege, wir müssten ständig nachjustieren", sagt Martin Staudinger, Pflegeexperte im Sozialministerium. Die vorhandenen Mittel will man aber künftig zielgerichteter verteilen. Staudinger verweist auf die jüngste Reform, bei der vormals mehr als 300 Prüfstellen für die Auszahlung von Pflegegeld auf fünf reduziert wurden. Und ja, es wäre gut, wenn die Länder ihre Systeme harmonisieren würden.

Dort wird aber munter weitergewurschtelt.

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