Ein Pensionssystem für alle Generationen

Ein Pensionssystem für alle Generationen

Christian Keuschnigg

Essay von Christian Keuschnigg, Leiter des neuen Wirtschaftspolitischen Zentrums WPZ in Wien und Professor an der Universität St. Gallen: Die derzeitige Vermischung zwischen Versicherungssystem und Umverteilung bei Pensionszahlungen ist intransparent, unfair und nicht zukunftssicher.

Eines der schönsten Geschenke der modernen Medizin ist ein längeres Leben in besserer Gesundheit. Wir bleiben fit bis ins hohe Alter. Bis zum Jahr 2060 soll die Lebenserwartung der Neugeborenen bei Frauen um 6,4 und bei Männern um 8,2 Jahre steigen. Frauen werden dann im Durchschnitt 90,6 Jahre und Männer 87,3 Jahre alt. Die höhere Lebenserwartung hat jedoch einen Preis. Was wir in den jungen Erwerbsjahren erwirtschaften, muss für eine längere Lebenszeit ausreichen.

Die Pensionsversicherung finanziert nicht nur den gewohnten Lebensstandard im Alter. Sie ist eben auch eine Versicherung. Bei durchschnittlicher Lebensdauer mag das einbezahlte Beitragskapital ausreichen, um die geplante Pension zu finanzieren. Aber die Versicherten leben halt manchmal länger und manchmal weniger lang. Bei langer Lebenszeit wäre das Pensionsvermögen zu früh aufgebraucht. Eine Versicherung kann das Lebensrisiko ausgleichen und eine angemessene Pension bis ins hohe Alter zahlen.

Nettopensionsvermögen nach Einkommenszehntel, zeigt, dass im Pensionssystem eine systematische Umverteilung von oben nach unten stattfindet. Über die gesamte Lebenszeit berechnet sind im untersten Zehntel die insgesamt bezogenen Pensionen 4,4 Mal so hoch wie die gesamte Beitragsleistung. Nur im obersten Einkommenszehntel wird die Maßzahl leicht negativ, d. h. die Summe der Beiträge übersteigt geringfügig die insgesamt bezogenen Pensionen.

Die Umstellung auf Pensionskonten und die damit ermöglichte Transparenz sind ein Meilenstein der Pensionsreform. Die Versicherten können auf ihrem persönlichen Konto die bisher erworbenen Pensionsansprüche einsehen und nachvollziehen. Das zentrale Problem ist, dass die Pensionszahlungen nur teilweise mit eigenen Beiträgen gedeckt sind. Sie müssen aus allgemeinen Steuermitteln bezuschusst werden. Die gesamten Bundesmittel inklusive Ausgleichszulagen decken etwa 27 Prozent der Gesamtaufwendungen ab. Ein Grund dafür sind die versicherungsfremden Leistungen, die aus Steuermitteln bezahlt werden. Damit bleiben im Pensionssystem Versicherung und Umverteilung vermischt.

Diese Vermischung führt zu intransparenter und teilweise unkontrollierter Umverteilung. Die Umverteilung verläuft von hohen zu niedrigen Pensionseinkommen und verwirklicht ein zentrales Ziel. Allerdings muss die Umverteilung über das Pensionssystem erst aufwendig berechnet werden und ist weder für die Politik noch für die Bürger unmittelbar abrufbar. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob diese Umverteilung mit dem Steuer-Transfer-Mechanismus abgestimmt ist und zu einem gewollten Gesamtresultat führt. Die Nettozahler sind die hohen Pensionseinkommen, die mit progressiv ansteigenden Steuern einen erheblichen Beitrag zur Umverteilung leisten und über das Pensionssystem ein zweites Mal. Diesen zweiten Beitrag gibt es in der Haupterwerbsphase nicht. Werden hier unterschiedliche Maßstäbe für junge und ältere Mitbürger angelegt?

Versicherung und Umverteilung. Der rote Balken hier zeigt für alle Einkommensklassen, wie hoch die Pension wäre, wenn sie vollständig mit eigenen Beiträgen finanziert wäre. Der Differenzbetrag entspricht dem Zuschuss, der von anderen bezahlt wird. Davon entfällt ein kleinerer Teil auf explizite Umverteilung wie beitragsfreie Versicherungszeiten für Kindererziehung oder Militärdienst. Der größte Teil der Beitragslücke entfällt auf implizite Umverteilung.

Lesen Sie den ganzen Essay von Christian Keuschnigg in FORMAT Nr. 48/2015
Zum Inhaltsverzeichnis und Download als ePaper

Österreich

Budget: Nulldefizit ist nicht gleich Nulldefizit

Österreich

Regierung rappelt sich auf - SPÖ und ÖVP vor Einigung

Die Aufgaben von Minister Klug und Staatssekretärin Steßl

Österreich

Die Aufgaben von Minister Klug und Staatssekretärin Steßl

Politik

Arbeitslosigkeit: Schweres Erbe für Neo-Sozialminister Alois Stöger