"Macht ist nicht böse“

"Macht ist nicht böse“

FORMAT: Sie wurden bereits als geflügelter Duracell-Hase karikiert. Wie passt dieses Bild in langatmige Plenarsitzungen?

Mathias Strolz: Gut. Ich habe aber ein freundlicheres Bild. Wir sind hochenergetisch, das ist Teil unserer DNA und dafür haben die Leute uns gewählt. Wenn dazu gehört, dass wir zwölf Stunden am Stück im Plenum sitzen, soll es so sein. Zum Glück gibt es dort Internet, wir sind ja nicht abgeschnitten von der Welt. Das ist schon wichtig, denn wenn du länger als zehn Stunden dort sitzt, bekommst du einen depressiven Anfall.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien?

Strolz: Mit SPÖ und ÖVP bisher bescheiden. Das hat aber damit zu tun, dass sie mit sich beschäftigt sind und keine Energie für uns haben. Am engsten sind wir mit den Grünen in Kontakt. Mit Strache gab es auch ein Gespräch. Auch mit ihm wollen wir zusammenarbeiten, wo es geht.

Tschechiens Ex-Außenminister Karl Schwarzenberg meinte jüngst, Neos seien die neuen Bürgerlichen, die ÖVP müsse sich Sorgen machen. Hat er Recht?

Strolz: Relativ gesehen haben die Grünen mehr an Neos verloren als die ÖVP. Deshalb sind sie auch noch in der Trauerarbeit und in Abwehrhaltung. Wir sind im Wettbewerb, das heißt nicht, das wir nicht enger zusammenarbeiten können.

Sie fischen im bürgerlichen Lager. Warum wandern so viele Junge zu den Neos ab?

Strolz: Weil sie das Gefühl haben, nicht mehr anknüpfen zu können an einer ÖVP, die sich im Abwehrkampf gegen die Postmoderne befindet. Aber auch die SPÖ ist nicht mehr fähig, den Wandel der Zeit strukturell aufzunehmen. Den Wiener Bürgermeister habe ich gefragt: "Herr Häupl, haben Sie noch die Arbeiterlieder der SPÖ Wien im Ohr? Sie handeln von Freiheit und Zuversicht. Hier werden wir Sie attackieren. Wenn ich an die SPÖ Wien denke, denke ich nicht an Zukunft, sondern an eine Stadt im Würgegriff einer Partei.“

Und was hat er darauf gesagt?

Strolz: Er hat es mit einemPokerface zur Kenntnis genommen.

Ein Angriffsplan gegen die SPÖ für die Wien-Wahl 2015 ?

Strolz: Ich glaube, dass wir neben der ÖVP und den Grünen auch von der SPÖ massiv Stimmen holen können.

Über den Arbeiterkampf?

Strolz: Über ein Lebensgefühl, das wir verkörpern. Welches Lebensgefühl verkörpert die SPÖ Wien? Good Vibrations fallen mir da nicht ein.

Der Arbeiter hat vielleicht andere Sorgen?

Strolz: Wir sind nicht mehr im ausgehenden 19. Jahrhundert. Den klassischen Arbeiter gibt es nicht mehr. Der hat heute genauso ein iPad und ist im Internet zuhause. Natürlich werden wir in diesen Schichten nie die Nummer eins. Aber die Gesellschaftsbilder verschwimmen. Ein Ein-Personen-Unternehmer, der heute grün-affin ist, kann sich auch als Arbeiter begreifen, in seinem eigenen Bergwerk.

Sie strecken die Hand nach den grünen Kernwählern aus und erwarten gleichzeitig, dass die Partei mit Neos kooperiert?

Strolz: Macht ist nicht böse, Markt ist nicht böse. Konkurrenz und Kooperation sind keine Gegensätze. Wenn die Grünen diese drei Grundsätze lernen, haben Neos keine Chance mehr. Aber ich kann ihnen das getrost ausrichten, weil es eine unendlich lange Reise wird, bis die Grünen diese Grundsätze verinnerlichen.

Das klingt jetzt beinahe neoliberal?

Strolz: Wir sind nicht neoliberal. Das ist natürlich aufgelegt, weil wir Neos heißen und liberal sind …

Aber die Jungen Liberalen sind auch Neos?

Strolz: Das ist unser libertärer Rand und der tut auch ab und zu weh. Aber das ist auch die Aufgabe einer Jugendbewegung. Die JuLis müssen auch wissen, dass sie in manchen Punkten nicht die Mehrheit haben, und übers Ziel hinausschießen können.

Werden sie sonst zurückgepfiffen?

Strolz: Nein, wir führen inhaltliche Diskussionen, zunächst intern, bevor wir sie extern kommunizieren.

Das klingt schon nach etablierter Partei.

Strolz: Das klingt nach tragfähiger Organisation. Es wäre schlechter Stil, wenn ich meinen Kollegen Dinge über die Zeitungen ausrichte. Und alle unsere Versammlungen sind ja öffentlich. Sie können dort hinkommen. Bei den Vorwahlen der Kandidaten zur EU-Wahl wird es außerdem Live-Streams geben.

Die geplante Fusion von Neos und LiF verläuft nicht reibungslos, hört man?

Strolz: Dass das LiF als stolze 20-jährige Marke nicht einfach sagen kann, wir integrieren uns, ist mir klar. Und dass sich die Neos als Bürgerbewegung nicht immer leicht tun mit einer starren Organisationskultur, ist auch klar. Aber ich finde, man soll nicht lange warten und rasch fusionieren.

Auf die Gefahr, dass die Partei zerbröselt?

Strolz: Man muss sich vorher zusammenraufen, damit die Partei nicht nachher zerbricht. Und das haben wir getan. Wir haben schon im Vorfeld 150.000 Arbeitsstunden ins gemeinsame Programm investiert. Die Unterschiede innerhalb der beiden Parteien, Neos und LiF, sind mittlerweile größer als zwischen den Parteien. Wir haben einen Spannungsbogen und den halten wir aus.

Man könnte auch böse sagen, das LiF bringt das Geld und Neos die Wähler?

Strolz: Überhaupt nicht. Das Crowdfunding wurde von Neos getragen. Wir haben 1,2 Millionen Euro an Spenden gesammelt.

Ohne Verdoppelung von LiF-Mäzen Haselsteiner wäre es wohl eng geworden?

Strolz: Da sind wir immer noch bei einer 50-50-Logik. Wir haben so vieles gemeinsam, etwa in Europafragen, obwohl die LiF-Leute ein wenig gesetzter sind. Wir sind wirklich zusammengewachsen. Es gibt so viele gemeinsame Anliegen, wir werden das im EU-Wahlkampf beweisen.

Noch-LiF-Vorsitzende Angelika Mlinar wird bei den Europa-Wahlen im Mai voraussichtlich Spitzenkandidatin sein. Würde ihr Abgang nach Brüssel schmerzen?

Strolz: Wir verstehen Europapolitik als Innenpolitik. Nur unter dieser Bedingung lassen wir Angelika nach Brüssel ziehen. Ich möchte auch, dass sie im Neos-Vorstand bleibt. Ich halte es für möglich, dass wir uns während ihrer Brüssel-Zeit gleich oft sehen wie jetzt. Wir merken auch, dass uns das gut tut. Ich bin ihr Zweitmann, sage ich immer lachend.

Noch einmal zurück zum Duracell-Hasen: Sie wirken, mit Verlaub, immer wie aufgezogen. Wie halten Sie das aus?

Strolz: Ich weiß, dass ich meinen inneren Ort gut pflegen muss, der ist der Quell dieser Energie. Ich merke auch, dass ich mir mehr Freiraum schaffen muss. Ich habe mit meiner Frau vereinbart, dass ich mir zwei Abende die Woche frei halte. Es wird besser, ich bin zuversichtlich.

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