"Ihr seids so fantasielos!“
"Und ihr seids feig!“

"Ihr seids so fantasielos!“
"Und ihr seids feig!“

"Faktum ist: Die Grünen haben 25 Jahre lang in der Oppositionsrolle pubertiert. Und diesen Fehler wollen wir nicht machen." - Matthias Strolz, Vorsitzender Neos. "Nicht so wehleidig. Ich habe mich nur gegen deine Selbstüberschätzung verwahrt." - Eva Glawischnig, Grüne Bundessprecherin.

Sie sprechen junge, urbane Wähler an, haben thematische Überschneidungen und gemeinsame ideologische Gegner. Doch Matthias Strolz tut sich leichter. Seine Neos brechen in grüne Hochburgen ein, schafften bei der Nationalratswahl in manchen Wiener Bezirken aus dem Stand 15 Prozent - und liegen in landesweiten Umfragen knapp vor den Grünen. Bundessprecherin Eva Glawischnig sucht noch eine Strategie gegen die neue Konkurrenz. Im FORMAT-Gespräch liegen die Nerven teilweise blank.

Format: Aus aktuellem Anlass: Würden Sie die Hypo in die Pleite schicken?

Eva Glawischnig : Nur in geordnete Insolvenz. Allerdings nicht erst jetzt, sondern schon vor Jahren, weil durch die Verschleppung jeder Lösung noch mehr Schaden für den Steuerzahler entstanden ist.

Matthias Strolz : Ich kann eine Insolvenz nicht beurteilen. Wir bekommen ja keine Informationen. Mein Vorwurf an die Regierung ist, dass sie vier Jahre lang weggeschaut hat. Es wird sich 2016 kein Nulldefizit ausgehen und keine Steuerreform 2017.

Glawischnig : Das wäre sich ohne Hypo auch nicht ausgegangen.

Strolz : Damit ist alles verwirkt, was diese Regierung bei Antritt versprochen hat.

Peter Pilz meint, die Grünen müssen sich entscheiden, ob sie künftig Keil oder Beiwagerl der Regierung sein wollen. Ist diese Koalition für Sie generell noch paktfähig?

Glawischnig : Die Grünen sind in fünf Landesregierungen vertreten, da ist Fundamentalopposition keine Variante. Wir sind in einer Gestaltungsrolle. Aber bei dieser Regierung wird’s schwierig.

Die Neos müssen nicht umsetzen und können in die Fundamentalopposition gehen. Ist das leichter?

Strolz : Wir machen keine Opposition der Opposition willen. Von unserer gemeinsamen DNA her sind wir Anpacker und Umsetzer …

Glawischnig : ... Ihr habt eine gemeinsame DNA, wirklich? So etwas haben wir nicht.

Strolz : Die haben wir, natürlich. Und das unterscheidet uns von den Grünen. Bei euch gibt es ganz viele und ich zähle Eva Glawischnig nicht dazu, die eine unglaubliche Freude an der Opposition haben. Faktum ist, diese Partei hat 25 Jahre lang pubertiert. Und diesen Fehler wollen wir nicht machen. Wir lernen von den Grünen und verknüpfen Idealismus mit Professionalität. Hätte es die Neos nicht gegeben, würde es das Thema Gewinnfreibetrag und GmbH light nicht geben. Es wären auch die westlichen ÖVP-Bundesländer nicht ausgeschert, wären nicht die Neos da mit ihrem Anpressdruck in Sachen Bildung.

Glawischnig : Warum diese platten Grün-Klischees? Bleiben wir bei der Sachpolitik, ja! Gerade in der Bildungsfrage werden in Salzburg und Tirol Modellregionen für eine gemeinsame Schule geschaffen. Das sind Kinder der schwarz-grünen Regierungszusammenarbeit. Wenn das in deiner Vorstellungswelt ein Erfolg der Neos ist … von mir aus.

Strolz : Du glaubst nicht, dass sich in der ÖVP derzeit wegen uns viel bewegt, dass der Druck aus dem Wirtschaftsbund Neos geschuldet ist?

Glawischnig : Möglicherweise. Ich weiß aber genau, was wir verhandelt haben.

Strolz : Aber lass uns doch auch den Erfolg. Zuerst habt ihr uns ignoriert, dann habt ihr den Schmutzkübel ausgepackt. Und jetzt tut ihr euch schwer zu akzeptieren, dass wir als Minipartei auch mitbestimmen können.

Glawischnig : Nicht so wehleidig. Ich habe mich nur gegen eine gewisse Selbstüberschätzung verwahrt.

Ist es nicht so, dass die Grünen im Bund gegen die Neos derzeit alt aussehen?

Glawischnig : Ich weiß nicht, was es bedeuten soll: alt aussehen. Können Sie mir das näher erklären?

Die Neos sind neu auf der politischen Bühne. Dagegen ist schwer anzukommen?

Glawischnig : Ich bin jedenfalls sehr entspannt, weil mir eine Partei wie die Neos zehn Mal lieber ist als das BZÖ. Ich finde es so wohltuend, dass man sich auf sachlicher Ebene begegnen kann. Deshalb reagiere ich allergisch auf platte Klischees.

Wie lange kann man Flügel heben, Herr Strolz. Der Glanz des Neuen wird verblassen?

Strolz : Dann werden wir uns personell verbreitern. Wir sind ja ohne Promis gestartet. Und jetzt haben wir mit meinem Gesicht einmal ein bekanntes. So wie es aussieht, wird Angelika Mlinar Spitzenkandidatin für die Europawahl. Und Beate Meinl-Reisinger ist eine echte Naturgewalt und wird Wien ordentlich aufmischen. Der Erfolg wird weiter Personen an die Bühnenkante bringen.

Die Neos sind in grüne Hochburgen eingebrochen und sprechen auch junge, urbane Wählergruppen an, nicht nur in Wien. Gibt es kein Rezept dagegen?

Glawischnig : Wir haben bei der Nationalratswahl und allen Landtagswahlen dazugewonnen. Wer einbricht, ist die ÖVP. Ich habe kein Problem mit dem Wachstum der Neos, solange wir auch wachsen.

Wenn man sich die Wählerstromanalysen anschaut, haben die Neos auch aus dem grünen Lager ordentlich Stimmen lukriert.

Glawischnig : Wir haben 12,5 Prozent. Welche Grün-Partei hat das? Der europäische Trend geht im Moment gegen grün-liberale Parteien. Natürlich kann man sagen, es hätten auch 15 Prozent werden können. Die Europawahl ist die nächste Chance, weiter zu wachsen.

Die EU-Wahl ist ein gutes Stichwort. Beide Parteien positionieren sich unter dem Motto: "Europa, ja, aber“. Wie wollen Sie sich für Wähler voneinander abgrenzen?

Strolz : Ich denke schon, dass wir unterschiedliche Akzente haben. Wir sehen die EU tatsächlich als Liebesbeziehung zwischen Österreich und Europa und gehen sicher mit einem emotionaleren Zugang hinein als die Grünen. Wir überschneiden uns beim Datenschutz, der Netzneutralität oder der europäischen Asylpolitik. Ein Traum für meine Kinder wäre, dass wir 2045 in einer Freihandelszone von Los Angeles bis Wladiwostok leben.

Glawischnig : Europa lieben, das ist mir zu wenig. Es geht jetzt darum, um europäische Errungenschaften zu kämpfen, weil es derzeit eher nach rückwärts geht. Wenn man sich die Schweizer Entscheidung anschaut, die Abkehr von der Personen-Freizügigkeit - da reicht Liebe allein nicht aus.

Strolz : Aber die Liebe gibt die Kraft zu kämpfen.

Glawischnig : Pfff!

Strolz : Zu pathetisch?

Glawischnig : Ja, sorry!

Strolz : Du bist zu wenig romantisch!

Glawischnig : Ich bin eine g’standene Kärntnerin und überhaupt nicht romantisch - zumindest bei der Gentechnik oder auch dem Freihandelsabkommen. Es ist nicht meine Vision, wenn zwischen Los Angeles und Wladiwostok Lebensmittel hin und her geschoben werden. Da bin ich für Regionalität.

Strolz : Eines schließt das andere nicht aus.

Glawischnig : Die Europäischen Liberalen sehen das anders.

Strolz : Na, wollt ihr Rollbalken?

Glawischnig: Beim Trinkwasser, bei Lebensmittel oder Finanzmärkten brauche ich keine weitere Liberalisierung.

Soll man die Trinkwasser-Versorgung privatisieren?

Strolz : Man soll darüber diskutieren.

Glawischnig : Die Frage ist für uns ausdiskutiert. Erledigt.

Strolz : Würdest du den Wettbewerb im Strombereich abschaffen?

Glawischnig : Ganz anderes Thema.

Strolz : Wieso? Es geht um natürliche Monopole. Wasser ist auch ein Monopol. Die Quelle als solche würden wir ja nicht privatisieren.

Glawischnig : Wasser ist ein Naturgut, kein Industrieprodukt.

Strolz : Man kann diese Modelle auch beim Wasser andenken.

Glawischnig : Nein danke, ich bin gegen rein profitmaximierende Lösungen in Bereichen der Daseinsvorsorge.


In der Loge. "Du bist zu wenig romantisch“, sagt Strolz. Darauf Glawischnig: "Pfff!“

Noch einmal zurück zur Hypo. Wäre ein gemeinsamer Antrag für einen U-Ausschuss für Sie beide denkbar?

Strolz : Ich würde noch weiter gehen und eine gemeinsame digitale Kampagne machen, mit den Grünen, vielleicht auch dem Team Stronach, wenn ihr die FPÖ nicht dabeihaben wollt. Wärst du dafür?

Glawischnig : Ich glaube, dass die Bevölkerung mittlerweile sehr gut Bescheid weiß über das Hypo-Desaster.

Strolz : Warum können wir das nicht gemeinsam machen? Ich verstehe das nicht!

Glawischnig : Was willst du denn kampagnisieren. Das Bewusstsein, dass mindestens zehn Milliarden Euro weg sind, gibt es schon.

Strolz : Den U-Ausschuss bekommen wir im Parlament nur durch, wenn der öffentliche Druck steigt und wir hier eine parteiübergreifende Initiative machen. Die Bevölkerung würde auch sehen: Diese Parteien sind koalitionsfähig. Wir würden ganz neue Fantasien wecken.

Glawischnig : Bei der Hypo geht mir die Fantasie aus. Möglicherweise fehlt mir nach Jahren in der Politik diese gewisse Romantik. Ich weiß aber: Es braucht weitere Aufklärungsarbeit. Und die ist knochenhart, bis hin zur persönlichen Diffamierung der Aufklärer. Öffentliche Kampagnen helfen da wenig. Das ist harte politische Arbeit.

Strolz : Die Rolle der Grünen ist diesbezüglich unbestritten. Mir geht es darum, dass wir gemeinsame Projekte vorantreiben. Die Hypo bietet sich an. Aber auch die Bildung, wo wir diese elende Fokussierung auf "Gesamtschule, ja oder nein“ beenden könnten. Machen wir doch einen Stakeholder-Dialog zum Thema Autonomie im Schulbereich.

Glawischnig : Ich bin in dieser Frage auch inhaltlich nicht deiner Meinung. Man kann die politische Entscheidung einer gemeinsamen Schule der 10-bis 14-Jährigen nicht an die Direktoren übergeben.

Strolz : Ihr seid so fantasielos. Es schmerzt, dass die Grünen, zynisch gesagt, voller Enthusiasmus in diesen dreißigjährigen Stellungskampf einsteigen.

Glawischnig : Du schwindelst dich um die Entscheidung herum. Du bist zu feig zu sagen, dass du für eine gemeinsame Schule in Österreich bist.

Es wird also weder bei der Hypo noch sonstwo künftig gemeinsame Projekte geben?

Glawischnig : Bei Aufklärungsarbeit ja, bei bunten Luftblasen nein. Ich sehe nicht, was man bei der Hypo noch kampagnisieren könnte, außer dem, was die Bevölkerung ohnehin schon lange weiß.

Strolz : Und ich verstehe nach wie vor nicht, dass wir hier nicht näher zueinander finden.

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