Bye-bye, 2014!

Bye-bye, 2014!

Warum ist Werner Faymann noch nicht das Grinsen vergangen, Conchita Wurst ein Lichtblick und Frank Stronach ein One-Hit-Wonder? Peter Hörmanseder und Robert Stachel von der Satiregruppe maschek ziehen eine ungewöhnliche Bilanz 2014.

FORMAT: Sie haben 2014 das Politpuppenspiel "Bye-Bye, Österreich“ verfasst und für "Willkommen Österreich“ wöchentlich die politischen Highlights kommentiert. Was bleibt vom Jahr 2014?

Peter Hörmanseder: Eines der bestimmenden Österreichthemen war sicher der Songcontest und der Sieg von Conchita Wurst. Von heute auf morgen war Conchita plötzlich in aller Munde. Es ist aber nicht leicht, über jemanden, den man gut findet, Satire zu machen. Als aber aus den Erdlöchern die ganzen Lemuren gekrochen kamen und die Figur vereinnahmt haben, hatten wir Material, mit dem man arbeiten kann. Die großartigen Nebenfiguren im Windschatten von Conchita waren das eigentlich spannende.

FORMAT: Conchita als Highlight des politischen Jahres?

Hörmanseder: Eigentlich schon. Dass jemand, der eine harte Zeit hinter sich hat und Identitätsprobleme so offensiv thematisiert, so viel Zustimmung bekommt, ist ein großartiges Ereignis. Und wichtiger als der hundertste ÖVP-Obmann-Wechsel.

Robert Stachel: Als Gegenpol zu Conchita Wurst gibt es natürlich den Andreas Gabalier, der sich in diesem Jahr auf eine Art politisch ins Spiel gebracht hat, dass auch wir nicht mehr an ihm vorbei konnten - mit dem störrischen Beharren auf dem alten Text der Bundeshymne. Er hat kein Hehl daraus gemacht, dass es sich für ihn um einen Protest handelt. Das ist schon bezeichnend. 2014 ist also ein Jahr, in dem auf der großen Weltkarte wie auf der kleinen Österreichkarte die Reaktionäre mit Rebellentum begonnen haben.

FORMAT: Ist das wirklich Rebellentum?

Stachel: Ein Rebellentum, das nichts mehr mit progressiven Verbesserungsideen oder einem enttäuschten Gerechtigkeitsempfinden zu tun hat, sondern mit Sehnsuchtsideen an eine vermeintlich bessere, vergangene Zeit. Gabalier ist in Österreich die popkulturelle Speerspitze dieser Fraktion, verbunden mit HC Strache als politischem Zwillingsbruder in derselben Idee. Wobei ich persönlich gar nicht weiß, wen ich schlimmer finde.

FORMAT: Was sind die Folgen dieser Entwicklung?

Stachel: Es stellt sich die Frage, ob wir die Demokratie als Staatsideal noch über die nächsten Generationen retten können. Den Putin finden auch bei uns insgeheim viele Leute toll, und Viktor Orbán beweist uns gerade, dass man auch mitten in der EU unwidersprochen die Demokratie abbauen darf. Es gibt zunehmend junge Leute, die autokratischen Ideen eher nachhängen als den demokratischen.

FORMAT: Der Ruf nach dem starken Mann?

Stachel: Der Ruf nach jemandem, der alles für uns regelt. Das kommt aus der Sattheit einer Generation heraus, die nicht einmal durch Überlieferung mitbekommen hat, wie sehr um Freiheit einst gekämpft werden hat müssen und wofür es sich lohnt, politisch einzustehen. Ich fürchte, dass wir da gerade ein bisschen den Blick auf die grundsätzlichen Dinge verlieren.

FORMAT: Ist "situationselastisch“ ein gutes Wort, um 2014 zu beschreiben?

Hörmanseder: Ein perfektes Wort, so wie die anlassgegebene Gesetzgebung. Die Politik überlegt nicht mehr, welche Visionen es gibt, sondern, wie man vorgehen kann, um gut davonzukommen. Sei es in der Presse oder bei der nächsten Wahl.

FORMAT: Schüssel, Gusenbauer, Faymann - zu jeder Kanzler-Periode hat maschek eine eigene Politpuppenshow kreiert. Was hat sich seit Schüssel klimatisch in der Politik verändert?

Hörmanseder: Mit Schüssel hat eine hemmungslose Ausbeutung des Staates durch eine in der Politik tätige Minderheit begonnen. Unter Gusenbauer gab es dann permanentes Hickhack, weil man miteinander so gar nicht konnte. Eigentlich war da abgrundtiefer Hass. Die gespielte Harmonie der Großparteien der 90er-Jahre ist gefallen.

FORMAT: Mit "Django“ Mitterlehner kam 2014 ein neuer Vizekanzler aufs politische Parkett …

Hörmanseder: Mitterlehner als Vizekanzler thematisiert gewisse Sachen neu, macht aber nichts anderes als davor. Aber man hat halt wieder einen Neuen, den man sich als Satiriker erarbeiten muss. Wenn sich einer schon Django nennt, übernimmt man das und versucht, ihn natürlich kleiner zu machen, als er glaubt, dass er ist. Weil das natürlich lachhaft ist, dass ein oberösterreichischer Apparatschik ausgerechnet der Django ist. Lächerlicher geht ja nicht.

FORMAT: Die "Presse“ schrieb über Faymanns erste Reaktion nach der Wahlschlappe als SPÖ-Vorsitzender, sie klingt, "als wäre sie von maschek getextet.“ Will man das als Satiriker?

Stachel: Ich höre das ja oft. Der große Unterschied zu Mitterlehner ist, dass man bei Faymann sofort diese Art, zu reden, parat hat. Schon als Faymann Wiener Stadtrat war, haben wir gehofft, dass er ein größeres Amt bekommt. Das ist ja die Perversion, dass man als Satiriker beginnt, Politiker nach der äußeren Form zu beurteilen, so wie das manche Leute ja auch an der Wahlurne machen, wenn etwa einer besonders fesch ist. Bloß ist für uns ein Politiker dann interessant, wenn er markante unvorteilhafte Merkmale aufweist wie eben Faymanns Stimme, Klugs Tic bei der Aussprache der Silben oder Gusenbauers bäriger Gesamtauftritt.

FORMAT: Der Wunsch vom Aufstieg Faymanns ging ja in Erfüllung …

Stachel: Als Faymann Bundeskanzler wurde, war das für mich ein doppelter Schlag. Erstens habe ich den Gusenbauer wirklich gerne gespielt, und zweitens war bei der Ernennung von Faymann zum SPÖ-Chef und Kanzler klar, wohin die Reise geht: dass er für eine völlig falsche sozialdemokratische Politik steht. Eine der Systemerhaltung und Verwaltung des Stillstands. Mir liegt die SPÖ nicht besonders am Herzen, aber ich finde es schon wichtig, dass es eine linke, eine solidarische SPÖ gibt, die ideologische Kontrapunkte setzt zu einer kapitalistischen Ordnung. Sie sollte sich um ihre Klientel kümmern, sonst wählt die Klientel eben andere Leute, die sich vorgeblich für sie einsetzen. Und es in der Realität noch weniger tun.

FORMAT: Positioniert sich die ÖVP da um so viel besser?

Stachel: Mitterlehner sehe ich als sehr konsequente Rückbesinnung auf die Funktion einer konservativen Partei. An dem kann ich, von außen betrachtet, nichts Negatives finden. Er steht für das, was die ÖVP sein will und sein soll. Michael Spindelegger ist genau dafür nicht gestanden. Er war für uns in seiner etwas tolpatschigen Harmlosigkeit zwar gut parodierbar, aber für die ÖVP eine Fehlentscheidung, die man erkannt hat. Ich dachte ja, sie werden Sebastian Kurz installieren und damit voll die Neos anfahren und wirklich einen Neustart beginnen.

FORMAT: Sind Figuren wie Strolz und Stronach ein Glücksfall für Satiriker?

Hörmanseder: Strolz ist in jedem Fall ein Glücksfall, weil der eine lustige Stimme und zudem eine sehr einfach zu parodierende politische Realität hat.

Stachel: Unser Strolz-Clip auf YouTube war ein großer Überraschungserfolg. Strolz in seiner sich so ernst nehmenden Schamfreiheit wird für uns noch eine große Figur. Ich wünsche mir, dass demnächst eine Regierungsbeteiligung der Neos rausschaut.

Hörmanseder: Stronach hingegen bietet überhaupt nichts. Ein One-Hit-Wonder. Eigentlich ausschließlich eine Nervensäge.

Stachel: Stronach ist auch die einzige Figur, die nicht parodierbar ist, also selbst schräger ist als die eigene Karikatur. Ich finde aber, man kann ihn dennoch nicht nur als Kasperl abtun wie den Lugner, weil der Mann wie ein Elefant durch den politischen Porzellanladen gelaufen ist und auch wahnsinnig viel kaputtgemacht hat. Ohne ihn wäre die große Koalition endlich Geschichte.

FORMAT: Wenn Politik immer mehr wirkt, als wäre sie Kabarett, was bleibt da noch für den Satiriker zu tun?

Hörmanseder: Unsere Mission ist eine aufklärerische Tätigkeit. 95 Prozent der Menschen leben ihren Trott. Was wir machen, ist, den Leuten zu sagen: Schaut genauer hin, hört genauer zu. Vieles ist Inszenierung um Aufmerksamkeit, alias die Stimme zu bekommen. Ob man sich nun Django nennt oder als reicher Onkel aus Kanada einfliegt. Wir können nicht wirklich viel verändern, aber vielleicht mit dem "Drüberlachen“ einen Denkprozess in Gang setzen.

FORMAT: Wie weit geht man dafür? Es gibt Fälle, wo es nur Gerüchte und Vermutungen gibt.

Stachel: Ich denke, dass politische Satiriker nur Themen auf die Agenda setzen, aber keine Meinung machen können. Das interessiert auch schlichtweg niemanden. Was absolut nicht unsere Aufgabe ist, ist Whistleblowing. Unsere Arbeit fußt auf der Bekanntheit von Fakten und Gesichtern. Man kann nur etwas karikieren, dessen Basis dem Publikum bekannt ist.

FORMAT: Ihr habt mehrfach betont, dass ihr eher politische Menschen als Politiker im Publikum bevorzugt …

Stachel: Mich befremden Politiker im Publikum sehr. Mir graut vor diesem Villacher-Fasching-Effekt. Ich gehe persönlich auch nicht aufs Kanzlerfest. Ich halte das für gefährlich und das Land zu klein, als dass man diesen Hofnarrenstatus unbeschadet ein Leben lang führen kann. Man sollte eine gesunde Distanz zum politischen Establishment halten, sowohl als Journalist wie auch als Satiriker. Dass das in Österreich nicht immer allen leichtfällt, ist eine andere Sache.

Hörmanseder: Ich finde, man kann auch aufs Kanzlerfest gehen. Man kann auch dabei sein als Beobachter und muss nicht Teil des Ganzen sein. Man versteht dann umso besser, wie einfach politische Folklore tickt.

FORMAT: Zur Vorbereitung des traditionellen maschek-Jahresrückblicks habt ihr auch die Willkommen-Österreich-Clips von heuer gesichtet. Fließt davon viel ins Programm ein?

Hörmanseder: Von den Geschichten, die wir für "Willkommen Österreich“ gemacht haben, eignet sich nur manches für den Jahresrückblick, weil vieles oft nur ein "Glimpse of the Moment“ war. Wir haben etwa vor der EU-Wahl Zitate von den Kandidaten verwendet, wo man jetzt den Witz gar nicht mehr nachvollziehen kann.

FORMAT: Ist also die EU gar kein Thema mehr?

Stachel: Seit zehn Jahren war Juncker für uns die Figur, um das nicht kommunizierbare Europagefühl mit einem möglichst faden Beamten darzustellen, und jetzt ist er Kommissionspräsident. So etwas ernüchtert. Momentan merke ich an mir selber, dass ich mir immer schwerer tue, in diesem Kosmos Themen zu finden, die mich interessieren und die aussagekräftig sind.

FORMAT: Was bleibt denn dann überhaupt für einen Jahresrückblick?

Hörmanseder: Die Olympischen Spiele, der Umgang mit Homosexualität und das Einschleimen österreichischer Medien und Politiker Richtung Putin.

Stachel: Auch die Ukraine spielt eine Rolle in unserem Programm, Angela Merkel ist sehr prominent vertreten, weil sie als die Mutti von Europa gesehen wird, und Ungarn kommt vor.

FORMAT: Und Österreich?

Hörmanseder: In Österreich hat es zwar einige Wechsel gegeben, aber große Veränderungen ergaben sich dadurch nicht. Da bleibt von 2014 wenig. Wir thematisieren den Wechsel von Spindelegger zu Mitterlehner, dann kommen noch das Formel-1-Rennen in Österreich vor und die Hymne und das Thema Schneearmut.

Stachel: Und Ostermayer will einen Film über Faymann drehen, und Mikl-Leitner durchkreuzt diese Pläne immer wieder mit unlauteren Mitteln.

Hörmanseder: Natürlich vergessen wir auch nicht auf die Fußball-WM …

Stachel: Ein ganz ein großes Ärgernis war "So gehen die Gauchos“. Da stellt sich mir eine grundsätzliche Frage: Wollen wir das ernstnehmen und solche machistischen Unterwerfungsrituale an der Wurzel problematisieren, oder wollen wir darin nur einen Bubenspaß sehen, über den aufzuregen es nicht lohnt?

FORMAT: Wer war Eure Lieblingsfigur 2014, wer die größte Herausforderung?

Stachel: Eine Lieblingsfigur ist mittlerweile Faymann geworden, aber Herausforderung ist er keine. Erwin Pröll bleibt für mich als Figur interessant, denn es ist immer wieder herausfordernd, ihn als diesen polternden Fürsten der Provinz zu spielen. Ich komme ja aus Niederösterreich und habe bei jedem Besuch den Eindruck, die Zeit ist dort seit den 80er-Jahren wirklich stehen geblieben.

Hörmanseder: Meine Lieblingsfigur ist seit Kurzem der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Außerdem wäre es ein großes Ziel, dass wir uns alle stärker als Europäer fühlen.

Stachel: Ich glaube, das Ziel ist obsolet. Wir werden wahrscheinlich dem Zerfall der EU zuschauen müssen, auch wenn ich das sehr bedauere.

maschek. Kennengelernt haben sich die drei Mannen der Satiregruppe - Peter Hörmanseder, 44, Robert Stachel, 42, und Ulrich Salamun,43 (lebt mittlerweile großteils in Nicaragua) - beim Studium in Wien. Was als Blödelei zur Nationalratswahl 1999 begann, nämlich, TV-Bildern durch Livesynchronisation eine völlig andere Bedeutung zu geben, ging als neue Form der Satire in Serie. maschek sind fixer Bestandteil der ORF-Show "Willkommen Österreich“ und haben gemeinsam mit Gerhard Haderer, dem Praterkasperl und dem Rabenhoftheater eine Politpuppenshow kreiert.

Artikel aus FORMAT Nr. 51/52 2014
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