AK-Chefökonom Marterbauer: "Absurder Kapitalismus“

Markus Marterbauer, Chefökonom der AK Wien, über den Megabestseller seines französischen Kollegen Thomas Piketty und Vermögenssteuern in Österreich.

AK-Chefökonom Marterbauer: "Absurder Kapitalismus“

Format: Herr Marterbauer, hat Thomas Piketty in seinem Bestseller "Capital in the Twenty-First Century“ mit der Formel r > g - die Renditen aus Vermögen sind größer als das Wirtschaftswachstum - tatsächlich einen neuen Hauptsatz des Kapitalismus formuliert?

Markus Marterbauer: Schon. Dieses erste Grundgesetz - die Summe der Vermögenseinkommen, r, steigt schneller als alle sonstigen Einkommen, g - basiert auf empirischen Daten aus vielen Jahrhunderten. Das ist die große Stärke des Buches.

Allerdings: keine Regel ohne Ausnahmen.

Nur in der Periode von etwa 1914 bis in die 70er-Jahre war die Verteilungsentwicklung wegen zweier Weltkriege, der großen Depression und Eingriffen des Wohlfahrtsstaates in Form von hohen Einkommens-und Vermögenssteuern egalitärer. Ab den 80er-Jahren verschärft sich die Vermögenskonzentration abermals in Richtung der Situation Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals belief sich das akkumulierte Vermögen auf das Sechs- bis Siebenfache der Wirtschaftsleistung. Heute sind wir wieder beim Vier- bis Fünffachen.

Warum ist das eigentlich ein Problem?

Weil sich die Vermögen immer mehr in den Händen einiger weniger befinden, des berühmten obersten, reichsten Prozents der Bevölkerung. Piketty beschreibt die Gesellschaft um die Jahrhundertwende als "Patrimonial Capitalism“, in der Erben entscheidend war. Die wichtigste Frage für junge Männer etwa war nicht ihre Ausbildung und die daraus resultierenden Verdienstmöglichkeiten, sondern: Wen heirate ich, und welches Erbe bringt diese Frau mit? Piketty zitiert da sehr ausführlich aus der damaligen Literatur - von Balzac bis Austen. Und dorthin bewegen wir uns wieder?

Genau. Eine Gesellschaft, in der das Erben und nicht mehr die Leistung, wie es eigentlich in einer Marktwirtschaft der Fall sein sollte, die größte Rolle spielt, ist nicht mehr meritokratisch, sondern inheritokratisch. Das ist eine Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie, da der Einfluss dieser kleinen Gruppe viel zu groß ist.

Wenn also nicht äußere Eingriffe - Kriege, politische Umverteilung - in diese Entwicklung eingreifen, stellt sich der Kapitalismus, dessen Wesen ja Leistungswettbewerb ist, damit eigentlich selbst in Frage?

Das kann man sagen, er führt sich selbst ad absurdum. In Folge dieser Entwicklung wird auch das Wirtschaftswachstum immer schwächer, weil eben Leistung, Innovation und Wettbewerb nicht mehr belohnt werden oder im Vordergrund stehen. Man muss deswegen sowohl aus wirtschaftlichen als auch sozialen Gründen dagegenhalten.

Also mit viel höheren Einkommens- und Vermögenssteuern, und das weltweit, wie Piketty vorschlägt?

Er beschreibt seinen Traum als eine Art ‚nützliche Utopie“ und fordert eine globale Vermögenssteuer auf absurd hohe Reichtümer. Die erste Million, egal ob in Dollar oder Euro, wäre davon befreit. Für Vermögen zwischen einer und fünf Millionen schlägt er einen Steuersatz von einem Prozent vor, für alles darüber zwei Prozent, ab einer Milliarde fünf bis zehn Prozent. Sein Argument: Die enorm hohen Vermögensbestände müssen verringert werden. Solange sie nicht kleiner werden, kommt man aus diesem wirtschaftlichen, sozialen und demokratiepolitischen Problem nicht heraus. Und für ganz hohe Einkommen hält er auch Spitzensteuersätze bis zu 80 Prozent für vertretbar.

In Österreich, das im Piketty-Buch nur ein einziges Mal - im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis auf Seite 522 - erwähnt wird, sind zwar die Vermögen sehr ungleich verteilt …

… unser BIP liegt derzeit bei etwa 330 Milliarden Euro. Das gesamte Privatvermögen laut Studien der Uni Linz, bestätigt durch die EZB, liegt bei etwa 1.250 Milliarden, ist also etwa viermal so hoch. Und das oberste, reichste Prozent der Haushalte besitzt laut dieser Untersuchung 37 Prozent, laut EZB bis zu 41 Prozent.

Doch der allgemeine Wohlstand ist doch im OECD-Vergleich kaum wo gerechter verteilt als in Österreich.

Tatsächlich sind bei den Einkommen dank der Umverteilung des Sozialstaates nur die skandinavischen Länder egalitärer als wir. Aber: Im obersten einem Prozent aller Haushalte machen die Kapitalrenditen - Dividenden, Mieten, Zinserträge - ein Drittel ihrer gesamten Einkommen aus, bei den restlichen 95 Prozent indes nur ein, zwei Prozent. Deswegen wird auch die Einkommensverteilung zunehmend von der Vermögenskonzentration beeinflusst und ungleicher.

Welche Vermögenssteuern fordert die Arbeiterkammer daher konkret?

Um die Steuerbelastung von Arbeit zu reduzieren, wollen wir ab einem Freibetrag von einer Million Euro Vermögen, womit 95 Prozent der Haushalte ausgenommen wären, eine moderate progressive Besteuerung von 0,3 bis 0,7 Prozent. Daraus erwarten wir ein Aufkommen von rund 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro.

Das reicht aber noch nicht für eine Gegenfinanzierung der Senkung des Eingangssteuersatzes von 36,5 auf 25 Prozent, die etwa vier bis fünf Milliarden Euro weniger Einnahmen bedeuten würde.

Deswegen wollen wir auch eine Erbschafts- und Schenkungssteuer, von der wir 500 bis 600 Millionen Aufkommen pro Jahr erwarten. Der Rest muss in anderen Bereichen gespart werden.

Eine Kapitalflucht aus Österreich fürchten sie nicht?

Mögliche Ausweicheffekte sind in unseren Berechnungen berücksichtigt.

Markus Marterbauer. 49, ist Chefökonom der Arbeiterkammer Wien und gilt als einer der führenden Experten Österreichs für Einkommens- und Budgetpolitik. Der frühere Konjunkturreferent des Wifo wurde in Uppsala, Schweden, geboren und fungiert auch als Mitglied des Staatsschuldenausschusses und als Universitätslektor.

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