„Obama hat die Wahl noch nicht gewonnen“: Interview mit Bestsellerautor Frederic Morton

Frederic Morton über die Finanzkrise und den US-Wahlkampf

FORMAT: Herr Morton, das auf Ihrem Bestseller „Die Rothschilds“ basierende Musical lief zwei Jahre erfolgreich am Broadway. Ende Februar 2009 hat nun im Wiener Raimund Theater das Musical „Rudolf“ Premiere, nach Ihrem Roman „The Last Waltz“. In den USA arbeiten Sie gerade an Ihrem neuen Buch „Das Ende des amerikanischen Mythos“.
Was meinen Sie damit?
Morton: Der amerikanische Mythos ist ursprünglich religiös begründet, hat sich inzwischen aber säkularisiert. Er besteht in einem radikalen, puritanisch interpretierten Individualismus: Jeder Tüchtige kann aus sich etwas machen, ganz nach oben aufsteigen. Er muss nur alle Probleme durchstehen, ehe er in eine Art Himmel kommt.
FORMAT: Wird dieser amerikanische Urglaube nicht durch die jetzige Finanzkrise kräftig erschüttert?
Morton: Wie ich meine, nicht in großem, ausreichendem Maße. Denn zu diesem Glauben gehören eben auch Katastrophen, die man durchstehen muss. Aber viele Amerikaner sagen jetzt immerhin, dass Manager und Regierende grundlegende Fehler gemacht haben, die zur Finanz- und Bankenkrise geführt haben. Selbst Konservativen ist klar, dass die Regierung viel früher und regulierender hätte eingreifen müssen. Obama wirbt in einem Werbespot mit sieben verschiedenen Reden McCains, in denen er in den vergangenen fünf Jahren jedes Mal die Deregulierung als Grundlage gesunden Wirtschaftens gepriesen hat.

"Schreckt Wähler mit Hautfarbe und Intellektualität"
FORMAT: Die Krise erhöht doch Obamas Chancen.
Morton: Ja, entscheidend. Es ist möglich, dass wir uns wieder in Richtung der sozialstaatlichen New-Deal-Politik Roosevelts entwickeln, mit der durch staatsinterventionistische Konjunkturprogramme auf die Massenarbeitslosigkeit reagiert wurde. Die Mehrheit der Amerikaner will „change“, den Wechsel. Aber gewonnen hat Obama die Wahl noch nicht.
FORMAT: Weil er dunkelhäutig ist?
Morton: Ja, obwohl er ja ein sehr heller Dunkler ist, heller etwa als die jetzige Außenministerin Condoleezza Rice. Aber eigentlich müsste er von seiner Attraktivität her weiter vor McCain liegen, auch wegen seiner jugendlicheren, sportlichen Erscheinung. Wahrscheinlich schreckt er einige Wähler nicht nur mit Hautfarbe, sondern auch mit Intellektualität.
FORMAT: Ist er zu gescheit für den Mittleren Westen oder die Südstaaten?
Morton: Seine Gegner versuchen jedenfalls, ihn als Mitglied der Ostküstenelite darzustellen, obwohl er ja in Hawaii aufgewachsen ist und erst viel später nach Chicago ging. Bei Clinton ist das nicht gelungen: Der war ja auch hochintellektuell, hat das aber mit seinem Südstaatenakzent verborgen. Clinton war extrem charmant, das hat Obama noch nicht so drauf, er ist eher ein charismatischer Prediger. Für den durchschnittlichen Joe Sixpack gilt es ja schon als anrührig, dass Obama Brokkoli mag, das Synonym für gesunde Ernährung. Und es ist typisch, dass auch arme Leute Obama kritisieren, weil er vorgeschlagen hat, dass Leute mit mehr als 250.000 Dollar im Jahr künftig mehr Steuern zahlen, um für den Mittelstand Steuern senken zu können. Viele glauben, dass sie auch noch einmal so reich werden können.

"Zwangsoptimismus nicht komplett erschüttert"
FORMAT: Wie stark ist das Gefühl, dass es nicht um irgendeine Finanzkrise geht, sondern um die schwerste Wirtschaftskrise seit den Dreißigerjahren?
Morton: Viele Leute jammern, dass sie nur mehr von einem Tag auf den anderen leben und nicht längerfristig planen können. Aber der amerikanische Zwangsoptimismus ist noch nicht komplett erschüttert.
FORMAT: Was kann Obama ändern?
Morton: Trotz der engen Finanzen einiges, wenn es auch demokratische Mehrheiten im Kongress gibt. Ich bin optimistisch, weil er in Chicago bewiesen hat, dass er nicht nur sozial redet, sondern auch handelt. Aber es gilt auch diesen skeptischen Satz zu berücksichtigen, den ein Armer einst dem reichen Philanthropen Nathan Rothschild entgegengeschleudert hat: „Sie glauben, dass Sie die Macht verändern können. Aber Sie werden sehen, dass die Macht Sie verändert.“

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