Norbert Darabos – Zurück im War Room

Norbert Darabos – Zurück im War Room

Norbert Darabos empfängt im Büro des Parteivorsitzenden. Bruno Kreisky saß schon in dem Erkerzimmer mit Blick auf das Burgtheater, Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Alfred Gusenbauer auch. Wien 1, Löwelstraße 18, 2. Stock - das war zuletzt die Büroadresse von Günther Kräuter. Dessen Namensschild im Lift der betagten SPÖ-Parteizentrale hat man provisorisch mit jenem des Nachfolgers überklebt.

Er hätte die neue Position gern früher angetreten, meint Darabos. Ein Jahr Vorbereitungszeit wäre schön gewesen. Letztlich sei dann doch alles ein wenig schnell gegangen. Der ehemalige Verteidigungsminister wirkt komplett gewandelt: Er plaudert locker vom Hocker, wirkt aufgeräumt.

Sein Schreibtisch ist das nicht. Aktenstöße und Zeitungen verteilen sich über die Arbeitsfläche. Eingerollte Plakate mit aktuellen Sujets und handschriftlich korrigierte Aussendungen am Konferenztisch daneben belegen, dass der Wahlkampf schon begonnen hat. Der War-Room ist reaktiviert. Und Darabos sitzt wieder an den Schaltknöpfen.

Seit der Burgenländer das Wahlkampf-Management übernommen hat, wird aufs Tempo gedrückt. Den Kanzler schickt er bundesweit auf Tour. Die dazugehörige Webseite ist seit der Vorwoche online, bürgernahe Kanzler-Fotos und eher hölzern formulierte Tourberichte inklusive. Auch personell wurde aufgestockt, zumindest in Form einer Stabstelle Organisation, die Helmut Schuster im Alleingang leitet. Schuster ist Burgenländer wie Darabos und stand ihm schon im Gusenbauer-Wahlkampf 2006 zur Seite. Paul Pöchhacker hat sich Darabos aus dem Verteidigungsressort mitgenommen. Er gilt als Umfragespezialist und berät ihn bei der Strategieentwicklung.

Hierarchien sind klar verteilt, die klassische Doppelspitze in der Löwelstraße ist während des Wahlkampfes ausgehebelt. Darabos gibt die Themen vor, Laura Rudas setzt sie kommunikativ um. "Wir haben klarere Strukturen, die Zusammenarbeit klappt besser und strukturierter“, sagt Rudas. Eine kleine Spitze gegen Amtsvorgänger Günther Kräuter.

Das ist übrigens auch das größte Asset von Darabos, das ihm Freund wie Feind unterstellen: Strukturiertheit. "Während andere in bestimmten Situationen wie aufg’schreckte Hendln herumlaufen, bleibt er ein nüchterner Betrachter der Lage“, meint Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer. Zudem umgibt ihn "der Nimbus des erfolgreichen Wahlkämpfers“, wie es ein ansonsten gar nicht freundlich gesinnter früherer Mitstreiter ausdrückt. "Heimspiel“ heißt das bei Gusenbauer, ganz offiziell: "Man merkt sichtlich, dass er vertrautes Terrain betritt.“

Dirty Campaigning

Darabos will sich auf roten Kernthemen konzentrieren: Arbeit, Bildung, Gesundheit, Soziales und Frauen - und diese später auch zuspitzen: "Wenn man emotionalisiert und Themen herunterbricht, mit Schicksalen verknüpft, dann ist die Politik auch bei den Herzen der Menschen. Ohne Emotion kann man keine Wahl gewinnen.“

Dass das Thema Gerechtigkeit bereits verbraucht ist, hat auch er erkannt.

Die Einbindung der Kernwähler wird zunächst ganz klassisch stattfinden. In Bürgerforen können Interessierte ab Mai am Parteiprogramm mitschreiben, sofern sich deren Themen mit den "sozialdemokratischen Werten“ vertragen. Die Mobilisierung soll später auch breiter im Internet stattfinden. Eigene Kampagnen für die junge Zielgruppe sind geplant, die Parteizentrale lässt sich bereits professionell beraten. Mehr kann noch nicht verraten werden.

Die Gegenseite traut ihm noch weit mehr zu: Berichte über die Sozialwohnung des Vizekanzlers und der hohen EU-Gage von dessen Gattin könnten lanciert sein.

"Ich bin mir sicher, dass die Österreicher diese Form des Dirty Campaigning ablehnen“, meint ÖVP-Amtskollege Johannes Rauch. "Alles Unsinn“, wischt Darabos die Vorwürfe beiseite. Der Schmutzkübel schade nur der Politik und nütze Protestparteien. Persönlich nehme er solche Vorwürfe nicht. Und lässt dann doch durchblicken, dass ihn die Unterstellungen ärgern. "Ich habe ein persönliches E-Mail an den Vizekanzler geschrieben, dass ich damit nichts zu tun habe.“ Bitte solche Unterstellungen tunlichst zu unterlassen, hört man zwischen den Zeilen heraus.

Das Spiel mit verdeckten Karten kann man Darabos an anderer Stelle jedenfalls nicht vorwerfen. Freimütig gibt er zu, dass ihm die Partei das Abgeordnetengehalt aufdoppelt. Dafür trage er ja auch die volle Verantwortung.

Im Alleingang

2006 hat sich Darabos im Wahlkampf noch Unterstützung aus den USA geholt. Clinton-Campaigner Stanley Greenberg war für den Spin zuständig. Diesmal will er die Gegner im Alleingang aufmischen. Den Koalitionspartner stellt er als Reformverhinderer hin, etwa beim forcierten Ausbau der Ganztagsschule. "Die ÖVP kann ja auch nicht daran interessiert sein, nur noch als Partei wahrgenommen zu werden, die Frauen am Herd vertritt.“ Und die FPÖ sei kein Gegner mehr, zumindest kein Hauptgegner. "Die FPÖ hat interne Probleme und mit Frank Stronach einen großen Konkurrenten. Für uns ist das die große Chance, mit unseren Themen zu punkten.“

Emotionalisieren, profilieren, kleinreden

Darabos habe den Zug zum Tor, sagt ein politischer Mitbewerber über den FC-Barcelona-Fan. Und er hat einen guten Draht zu Werner Faymann. Bis zum Herbst will Darabos ihn als Kanzler der Herzen in der Wählergunst etablieren. Gelingt ihm das erfolgreich, ist ihm das Comeback-Ticket in die nächste Bundesregierung so gut wie sicher.

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Kommentar
Heide Schmidt, Juristin und Politikerin (zunächst FPÖ, dann Gründerin des Liberalen Forums LIF).

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