"Niemand hier will die EU": Ein Besuch im Brexit-Land

"Niemand hier will die EU": Ein Besuch im Brexit-Land

Nigel Farage auf Tour: Mewhr als 30 Prozent haben in Castle Point für UKIP gestimmt.

Fast 73 Prozent haben im englischen Castle Point für den Brexit gestimmt. Flüchtlinge waren ein Motiv der Wähler, obwohl 2015 netto nur 81 Migranten in den 86.000 Einwohner zählenden Bezirk gekommen sind. Eine Bestandaufnahme vor Ort.

Vor Sams kleinem Reifengeschäft warten Kunden in der Sonne, aber über den Brexit spricht er trotzdem gern. "Das war genau richtig so", sagt der tätowierte, rotbärtige Engländer, während er einen Autoreifen auf eine Felge zieht. "Brüssel ist total korrupt." London auch, fügt er hinzu, aber Brüssel noch mehr. "Wir sind eine Insel, das ist unsere Stärke. Niemand hier will die EU."

Das sieht Tammy in ihrem Cafe zehn Meter weiter genau so. "Ich habe mein ganzes Leben noch nicht gewählt", sagt die blondierte und blauäugige Mittdreißigerin, "aber im Referendum schon, endlich ging es einmal um was. Wir brauchen niemanden." Dass ohne die EU etwas besser wird, glaubt sie nicht, "aber darum ging es ja auch nicht". Von ihren 500 Kunden sei einer gegen den EU-Austritt, schätzt sie. "Zwei", ruft ihre Kollegin aus der Küche. "Ich kenne zwei."

Epizentrum des Brexit-Bebens

Sam und Tammy leben in Castle Point in der südenglischen Grafschaft Essex, eine gute Zugstunde entfernt von London. Während sich in der Hauptstadt jetzt, nach dem Referendum, junge Leute EU-Fahnen ins Gesicht malen und den Austritt verhindern wollen, sind sie in Castle Point zufrieden. Fast 73 Prozent haben in diesem Bezirk am 23. Juni für den Brexit gestimmt, der dritthöchste Wert in Großbritannien.

Eine Überraschung war das nicht. Bei der Parlamentswahl vergangenes Jahr kam die EU-feindliche UKIP in Castle Point auf mehr als 30 Prozent. Die örtliche Abgeordnete in London, die Konservative Rebecca Harris, war nach der Brexit-Entscheidung der Briten "stolz und begeistert".

"Die Achselhöhle der Welt"

Jeder einzelne Wahlbezirk in Essex hat sich mehrheitlich für den EU-Austritt entschieden. Die Grafschaft hat einen, vorsichtig gesagt, durchwachsenen Ruf. "Essex Girl" ist eine Beleidigung und meint eine junge Frau, die zu viel Selbstbräuner benutzt und nicht allzu viel im Kopf hat. Oscar-Preisträgerin Helen Mirren (70) ist hier aufgewachsen und nannte ihre Heimat einmal "die Achselhöhle der Welt".

Worum geht es den vielen Brexit-Wählern? Susan, die in einem Geschäft namens "Shoe Zone" Gummistiefel für 3,99 Pfund das Paar verkauft, zuckt mit den Schultern. Ihr 20-jähriger Sohn habe gegen den Brexit gestimmt, aber das sei ja seine Sache. Sie sei für "Leave" gewesen: "Ich dachte, es ist einmal Zeit für was anderes." Weitere Gründe fallen ihr nicht ein.

Knackpunkt Flüchtlinge

Dafür hat Jim einen: "Weil ich Brite bin." Der 80-Jährige kommt aus London und erinnert sich, wie er sich vor deutschen Bomben im U-Bahn-Tunnel versteckte, bevor er U-Bahn-Fahrer wurde. "Ob was besser wird, weiß ich nicht, aber wenigstens können wir jetzt selbst entscheiden." Dass nun Boris Johnson und Nigel Farage abgetreten sind, die Köpfe der Brexit-Kampagne, ändere daran gar nichts. Und um Immigration, fügt er ungefragt hinzu, sei es nicht gegangen.

Das wiederum sieht Jack ganz anders, der im Pub sitzt und sich für seine schwere Zunge entschuldigt - er trinke seit ein paar Tagen, er habe seinen Job verloren. "Was Angela Merkel gemacht hat, das hat alle erschreckt", sagte er im Hinblick auf die deutsche Bundeskanzlerin und meint damit die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge. Gegen Deutsche habe er nichts, er habe einmal in Ingolstadt gelebt. Nur das mit den Flüchtlingen, das sei zu viel. Das sagte so ähnlich auch die Abgeordnete Harris im Parlament, eine Weile vor der Volksabstimmung. Einwanderung sei die größte Sorge der Menschen in ihrem Wahlkreis.

81 Migranten auf 86.000 Einwohner

Dem Zensus aus dem Jahr 2011 zufolge sind 96,4 Prozent der Bewohner von Castle Point in Großbritannien geboren, 80 Prozent halten sich für englisch - nicht britisch, wohlgemerkt. Der "Guardian" hat herausgefunden, dass vergangenes Jahr netto 81 Migranten nach Castle Point gekommen sind. Der Bezirk hat etwa 86.000 Einwohner. Die Bevölkerung ist weißer, älter und schlechter ausgebildet als in den meisten anderen Regionen der Insel. Das erhöht statistisch die Wahrscheinlichkeit, EU-feindlich zu sein, wie Wahlforscher bereits 2015 ermittelt hatten.

Es ist tatsächlich gar nicht einfach, an einem Wochentag einen Brexit-Gegner in Castle Point zu finden. "Die sind wahrscheinlich in London zum Arbeiten", sagt das junge Paar am Strand der Themse, die hier in die Nordsee mündet. "Wir waren jedenfalls fürs Gehen." Der EU sei einfach nicht zu trauen.

Einer findet sich dann doch noch. Graham, der auf einer Ölinsel vor Norwegen gearbeitet hat und jetzt in Pension ist, war fürs Bleiben. So richtig begründen kann er das aber auch nicht. "Besser für die Jungen", glaubt er. Aber wahrscheinlich sei es eigentlich egal: "Korrupt sind sie ja sowieso alle."

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