Nach dem Mord an Jo Cox: Brexit-Debatten stehen still

Nach dem Mord an der Brexit-Gegnerin Jo Cox unterbrechen Politiker ihren Wahlkampf rund um den Verbleib Großbritanniens in der EU. Politische Motive werden nicht ausgeschlossen, Analysten zufolge haben die Brexit-Gegner durch die Tat Rückenwind erhalten.

Nach dem Mord an Jo Cox: Brexit-Debatten stehen still

Eine Woche vor dem Referendum über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU ist eine britische Abgeordnete der Labour-Partei angegriffen und tödlich verletzt worden. Das teilte die Polizei am Donnerstag mit. Die 41 Jahre alte Jo Cox hatte sich für einen Verbleib ihres Landes in der EU stark gemacht.

Beide Lager setzten nach Bekanntwerden der Tat den Wahlkampf für die Volksabstimmung am 23. Juni für den Rest des Tages aus. Führende Politiker zeigten sich entsetzt über die Bluttat, deren Hintergründe zunächst unklar waren.

Jo Cox wurde um die Mittagszeit im Zentrum der kleinen Stadt Birstall in ihrem nordenglischen Wahlkreis mit einer Schusswaffe und einem Messer attackiert. Medienberichten zufolge beobachteten Augenzeugen, wie ein Mann mehrere Schüsse auf die Politikerin abfeuerte und anschließend mit einem Messer auf sie einstach. Auch ein 77-jähriger Mann wurde angegriffen, er wurde nur leicht verletzt.

Kurz nach der Tat wurde ein 52-jähriger Mann festgenommen, die Polizei geht davon aus, dass es sich dabei um den Täter handelt. Von weiteren Tätern sei nicht auszugehen, teilte eine Polizeisprecherin mit.

Cameron sagt Termine ab

Premierminister David Cameron sagte seine für den Abend geplanten Wahlkampftermine in Gibraltar ab. "Der Tod von Jo Cox ist eine Tragödie, sie war eine pflichtbewusste und sozial engagierte Abgeordnete. Meine Gedanken sind bei ihrem Ehemann Brendan und ihren beiden kleinen Kindern", schrieb er auf Twitter.

Der Ex-Bürgermeister von London und Brexit-Befürworter Boris Johnson schrieb: "Ich bin traurig und schockiert, von Jo Cox' Tod zu hören". Auch Labour-Chef Jeremy Corbyn brachte seine Bestürzung per Twitter zum Ausdruck: "Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie - und gewiss das ganze Land - werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein."

"Gemeinsam gegen den Hass kämpfen"

Der Ehemann der Politikerin, Brendan Cox, betonte in einem Statement: "Sie hätte sich jetzt vor allem zwei Dinge gewünscht. Erstens, dass unsere geliebten Kinder viel Liebe erfahren, und zweitens, dass wir uns alle zusammentun, um gegen den Hass zu kämpfen, der sie getötet hat. Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion, er ist giftig."

Auch der österreichische Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zitierte in einer auf Facebook veröffentlichten Reaktion das "klare, starke Statement" von Cox' Ehemann: "Hass hat keine Überzeugung, Ethnie oder Religion, er ist giftig." Kern zeigte sich "tief erschüttert und betroffen" und sprach der Familie der Getöteten sein Mitgefühl aus.

SPÖ-Klubchef Andreas Schieder erklärte in einer Aussendung: "Die heutige Gewalttat gegen die Labour-Abgeordnete Jo Cox macht fassungslos, wütend und zutiefst betroffen". Die europäische Sozialdemokratie habe "eine liebenswerte Kollegin, eine talentierte Politikerin und eine unermüdliche Kämpferin für soziale Gerechtigkeit und Frieden verloren".

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich betroffen über den tödlichen Angriff auf eine britische Labour-Abgeordnete gezeigt. "Das ist ein tragischer Vorfall", sagte Merkel am Donnerstag in Berlin. Die Tat sei furchtbar für die Angehörigen und müsse dringend aufgeklärt werden.

ÖVP-Generalsekretär Peter McDonald erklärte am Donnerstag in einer Aussendung: "Dieses feige Verbrechen lässt nicht nur die große Familie der europäischen Konservativen fassungslos innehalten. Für jede engagierte politische Persönlichkeit ist es ein schwerer Schlag, wenn eine Kollegin oder ein Kollege so grundlos und brutal aus dem Leben gerissen wird".

Politischer Hintergrund für den Mord?

Der Bruder des Festgenommenen berichtete am Donnerstagabend gegenüber der Zeitung "Daily Telegraph" von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes. "Es fällt mit schwer zu glauben, was passiert ist", sagte Scott Mair der Zeitung. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch." Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen, sagte Mair. In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meistens für sich geblieben sei.

Laut Medienberichten könnte es aber einen politischen Hintergrund für die Tat geben. Demnach sollen Augenzeugen berichtet haben, der Angreifer habe "Britain First" ("Großbritannien an erster Stelle") gerufen.

Der britische Fernsehsender BBC veröffentlichte Bilder, die zeigen, wie Beamte einen weißen Mann mit schütterem Haar überwältigten. Die Polizei erklärte, bei dem Festgenommenen seien Waffen sichergestellt worden, darunter eine Schusswaffe. Es werde von einem Einzeltäter ausgegangen, es laufe keine Fahndung.

"Britain First" ist der Name einer rechtsgerichteten Gruppe, die sich im Internet als eine Art Bürgerwehr und "patriotische Partei" beschreibt. Sie distanzierte sich aber entschieden von dem Angriff, den sie als "absolut widerlich" bezeichnete. Sie betonte, "Britain First" sei auch ein in der Brexit-Debatte üblicher Slogan von den Befürwortern eines EU-Austritts.

Cox hat vor ihrem Tod Drohungen erhalten. Die Labour-Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie "bösartige Mitteilungen" erhalten habe, erklärten die Sicherheitsbehörden am Freitag. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Bei ihm handle es sich allerdings nicht um den 52-Jährigen, der am Donnerstag in Gewahrsam genommen worden sei. Die Polizei ergriff diesen Mann in der Nähe des Tatorts, an dem Cox kurz zuvor getötet worden war

Rechtspopulisten wehren sich gegen Gerüchte

Die beiden Führungsfiguren der europäischen Rechtspopulisten, Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Marine Le Pen (Front National) haben keine Freude mit den Spekulationen über die Hintergründe des Mordes an der britischen Brexit-Gegnerin Jo Cox. Dies sei "nicht sehr dezent", sagte Le Pen am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien. Strache bezeichnete es als "unredlich", zu spekulieren.

Le Pen und Strache verurteilten den Mord und zollten den Angehörigen ihr Beileid. "Es ist ein unglaubliches Drama, das in England passiert ist", sagte der FPÖ-Chef. "Es ist unredlich, von unserer Seite irgendeinen Hintergrund zu beleuchten", so Strache, der dann aber selbst auf Medienberichte verwies, wonach die Labour-Politikerin möglicherweise in einen "Streit unter Männern" geraten sei. "Wir lehnen jeden Extremismus ab", sagte Strache, und erwähnte dabei auch Drohungen gegen seine Person und die Verletzung eines Demonstranten bei der Identitären-Demo in der Vorwoche in Wien.

"Ich erachte es nicht als sehr dezent, dieses dramatische Ereignis zu verwenden, so wie es manche tun, um Ideen zu verbreiten und Lagerarbeit zu leisten", betonte Le Pen. "Ich warne vor einer Agitation." Man müsse schauen, ob der Mörder "Herr aller Sinne war".

Strache und Le Pen hatten zuvor in einer Pressekonferenz mit rechtspopulistischen Politikern aus vier weiteren EU-Staaten ihre Linie für eine Umgestaltung der Europäischen Union vorgestellt. Le Pen forderte dabei, dass auch andere Mitgliedsstaaten Austrittsreferenden abhalten sollen. Strache machte sich für eine Umgestaltung der EU von innen stark, um einen "Suizid" der Union zu verhindern. Zum Brexit-Referendum betonten beide, es handle sich um eine souveräne Entscheidung der Briten.

Rückenwind für EU-Anhänger

Einige Analysten gingen unmittelbar nach der Tat davon aus, dass die EU-Anhänger nun Rückenwind bekommen könnten. Zumindest schwand an den Finanzmärkten prompt die Furcht vor den Folgen eines Brexit: Die britische Währung erholte sich, nachdem sie zuvor noch an Boden verloren hatte.

In New York drehten die US-Börsenbarometer in der Nacht im Handelsverlauf ins Plus. Der ATX lag am Freitag um 1,66 Prozent im Plus bei 2126,07 Punkten, der Dax 30 stieg am Vormittag um 1,29 Prozent auf 9673,98 Punkte. Der britische FTSE 100 stieg bis Mittag um 1,17 Prozent auf 6020,32 Punkte. Zuvor hatte die Sorge um einen Brexit an den Börsen in den vergangenen Tagen für Verluste gesorgt.

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