Migranten mit scharf! Eine Reportage aus der Redaktion des Stadtmagazins biber

Zuwanderer. Wer ist schuld, wenn Integration nicht klappt? Migranten oder Österreicher? FORMAT ging dieser Frage im hippen Stadtmagazin „biber“ nach, das von jungen Migranten gemacht wird.

"Ich bin Österreicherin“, sagt Olja. Klar, sie ist zwar während des Jugoslawien-Krieges nach Österreich geflüchtet. Sie hat aber mittlerweile den österreichischen Pass. Heute hippelt die 20-Jährige auf ihrem Bürostuhl in der „biber“- Redaktion herum. Die Frage „Bist du Migrantin?“ ist also gar nicht so einfach zu beantworten. Olja redet wie wild drauflos: „Viele wissen gar nicht, dass ich Jugo oder Tschusch bin.“ Jugo ist für die rothaarige Physik- und Germanistikstudentin kein Schimpfwort, sondern eine Abkürzung, die Süden bedeutet. Und Tschusch nennt sie sich mit einer gehörigen Portion Ironie, wenn sie mit befreundeten „Tschuschen“ spricht.

Noch schwieriger wird es bei der Integrationsdebatte. Die hat schließlich der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan mit seinem ganz und gar undiplomatischen „Presse“-Interview ausgelöst. Nicht die Türken, die Österreicher legen keinen Wert auf Integration. FORMAT fragte sich, hat er Recht? Oder doch die zahlreichen Kritiker, die sein Interview auf den Plan rief? Und ging zum Wiener Stadtmagazin „biber“, wo junge Leute mit Migrationshintergrund arbeiten – auf der Suche nach den gut Integrierten und auf der Suche nach der Antwort.

Was ist „biber“?

Olja gibt eine Antwort: „biber“ ist kein Migrantenmagazin. Sie macht seit drei Monaten ein Praktikum bei einem Wiener Stadtmagazin im MuseumsQuartier. „Nach dem ausländischen Pass fragt dich hier keiner.“ Und das, obwohl der Großteil der Redakteure und freien Mitarbeiter in Simon Kravagnas Monatsmagazin zumindest mal einen solchen gehabt haben. „Gute Leute werden immer genommen. Wenn du ein guter Leut bist, kannst du kommen“, reimt die quirlige Lady. Und dann bringt es Olja auf den Punkt: „Bei ‚biber‘ sind Leute mit scharf!“ Soll heißen: Sie haben Eltern, die im Ausland geboren wurden, deshalb zusätzliche Sprachkenntnisse und Erfahrungen. Sie sind junge Leute, die Geschichten authentisch erzählen wollen und das mit Witz und Ironie machen – egal ob mit Uni-Abschluss oder auch ohne perfekte deutsche Schreibe, dafür mit Multikulti-Slang: „Guckst du auf Internetseite, siehst du mehr.“ Zum Beispiel, dass „biber“ im Serbokroatischen und Türkischen nicht das putzige Tierchen beschreibt, sondern „Pfeffer“ oder „scharf“ bedeutet.

Problemkinder

Die emotionsgeladene Abrechnung des Botschafters mit der Integrationspolitik richtete sich weniger an die Zuwanderer, vielmehr ging Tezcan mit den Einheimischen scharf ins Gericht: „Wenn ihr keine Ausländer hier wollt, dann jagt sie doch fort.“ Und die Politik bekam ordentlich ihr Fett ab: Die FPÖ sowieso, bei der SPÖ ortete er Angst vor dem Gegenüber. Der ÖVP-Innenministerin Maria Fekter sprach er die liberale Geisteshaltung ab, und Außenminister Michael Spindelegger habe ihm nicht einmal einen Antrittsbesuch gewährt. Die Betroffenen waren „empört“, landauf, landab wurde die mangelnde Integration von Ausländern, insbesondere der Türken, beklagt. Und die „Kronen Zeitung“ forderte überhaupt: „Türkei-Botschafter muss sofort weg!“

In der „biber“-Redaktion sieht man das anders: Das Problem mit der Integration wird nicht nur unter den Zuwanderern, sondern auch bei manchen Österreichern gesehen. In den pinken Redaktionsräumen regen sowohl Tezcans Ansichten als auch die österreichische Integrationspolitik auf.

Leise Politik

So ärgerte sich Tezcan zum Beispiel über die SPÖ-Zurückhaltung, wenn Migranten öffentlich verbal attackiert werden: „Wissen Sie, was mir Sozialdemokraten hier gesagt haben? – ‚Wenn wir etwas dazu sagen, bekommt Strache mehr Stimmen.‘ Das ist unglaublich.“ Genauso sieht das auch Amar Rajkovic. Er ist von Beginn an Redakteur bei „biber“ – heute ist er einer der fünf Angestellten im Redaktionsteam von Chefredakteur Simon Kravagna. Im aktuellen Heft schrieb er die Coverstory „Fette Karren, alle starren“ – und versucht sich an einer Erklärung, warum der männliche Zuwanderer-Nachwuchs auf den großen Mercedes, Audi oder BMW abfährt. Ursprünglich kommt Amar aus Bosnien-Herzegowina, lebt aber seit 17 Jahren in Wien: „Meiner Erfahrung nach klappt das Zusammenleben von Zuwanderern und Einheimischen meistens.“ Nur in einem von zehn Fällen gebe es Probleme. Aber nicht nur die FPÖ, sondern die Politik generell stürzt sich genau darauf – in vielen Fällen ohne sie zu lösen. Und selbst wenn, wird quasi verschämt im Hintergrund gearbeitet, so wie in der SPÖ meistens.

Selbst die Grünen sehen zwar in der Zuwanderung was Positives, sie verallgemeinern dafür die Fremdenfeindlichkeit der Österreicher. Mit solchen Pauschalurteilen – Zuwanderer sind entweder nur gut oder böse – kann Amar nichts anfangen. Die Wahrheit ist komplizierter, liegt irgendwo dazwischen.

Türke ist nicht gleich Türke

Die freie Mitarbeiterin Linda Say versucht das mal zu erklären. Sie hat türkische Eltern, geboren und aufgewachsen ist sie allerdings in Österreich. Mit ihrem Glauben nimmt sie es nicht so streng, Kopftuch trägt sie keines. Der Botschafter sagt zwar, dass die Massenmedien schuld am Islam-Image seien, weil sie ihn seit dem Anschlag vom 11. September „als schlecht und terroristisch darstellen“. Linda kennt da aber auch einen kleinen Teil unter den türkischen Zuwanderern, bei dem die Fundamentalismus-Kritik durchaus anzubringen ist: „Der Botschafter weiß wie ich, dass es muslimische Verbände gibt, die behaupten, die wahre Religion zu verbreiten. Diese Leute sind nicht ungefährlich, und man kann Österreicher verstehen, die vor solchen Menschen warnen. Das hat der Botschafter nicht angesprochen.“ Für solche Diskussionen, wo Zeit für Differenzierung bleibt, ist aber in der aufgeregten Medien-Hysterie kein Platz.

Ihren „biber“-Kollegen Erkan Yildrin nervt die Debatte „Türken gegen Österreicher“ überhaupt. Er ist nicht nur „der“ Türke, warum auch? „Da gehst du hier in den Kindergarten, machst Gymnasium, HTL und Bundesheer, hast einen bunt gemischten Freundeskreis und stehst voll im Berufsleben. Und kaum sagt der türkische Botschafter was, fragt dich wieder jeder: Was sagst du dazu?“ Damit wird der junge Informatiker aber immer wieder auf seine Herkunft reduziert. Dabei will er „einfach wie jeder andere auch nach dem Charakter beurteilt werden“. Er sagt: „Leute, lasst uns endlich in Ruhe, wir haben türkische Wurzeln, aber wir leben ganz normal hier in Österreich wie ihr auch.“

Klar, auch die „biber“-Leute wünschen sich, dass Österreicher deutlich gegen Rassismus eintreten. Sie wollen aber nicht das Multikulti-Paradebeispiel geben. „Mir war es als jungem Burschen einfach schnell peinlich, nur ‚Jugo‘ zu sprechen. So habe ich rasch Deutsch gelernt.“ Das sei eine Frage der inneren Einstellung und wohl auch eine der Erziehung, mutmaßt Darko. Dass es auch anders geht, zeigt ihm sein Freundeskreis: Typen mit 400-PS-Boliden, die in einem Zehn- Quadratmeter-Kämmerchen bei den Eltern wohnen.

Welcome to Vienna

In der Redaktionssitzung lümmeln sie alle schließlich mit Simon Kravagna im losen Sitzkreis herum. Erkan erzählt von seinen Recherche-Ergebnissen, Kravagna fragt nach, wann Texte fertig sind. Dann geht es noch um die Redaktionskamera, die einer aus der Runde braucht. Bis auf die rosa Wände, Kisten mit alten „biber“-Magazinen und die Aufschrift „Besenkammerl“ neben pinken Aufklebern ist es hier so wie in anderen kleinen Redaktionen. Melissa ist neu in der Runde. Sie stellt sich vor, kommt aus Bosnien. Sie findet „biber“ super, könnte sich vorstellen, auch mal was zu schreiben, und erntet ein allgemeines Hallo der Runde.

Hier wird klar: Die zweite Migrantengeneration wünscht sich einfach, dass sie jemand willkommen heißt, sich für das Potenzial, das in den Migrantenkindern steckt, interessiert. Auch deshalb sind manche beim „biber“-Stadtmagazin. Ivana Martinovic zum Beispiel. Sie ist bosnische Kroatin und seit der „biber“- Nullnummer Redakteurin: „In keinem anderen Medium wird dir so wie hier das Gefühl vermittelt, dass du und deine Themen interessant für die Medien sind.“

Chancengleichheit

Ivana schätzt die Chance, die ihr das Stadtmagazin gab, will auch in Zukunft als Redakteurin arbeiten. Nach drei Jahren unterstützt sie auch Neulinge bei ihren ersten journalistischen Schritten. Als Ausländerin ist Ivana aber nicht nur in, sondern auch außerhalb der Redaktion nie diskriminiert oder auch nur anders behandelt worden. Sie weiß aber: „Dunkelhäutige habe es in diesem Land viel schwerer. Sie werden zum Beispiel öfter von der Polizei kontrolliert, bei mir erkennt keiner, woher ich komme.“

Die Türken-Debatte ist für Ivana eine leidige: „Nicht alle Österreicher hassen Türken, und nicht alle Türken denken so wie der Botschafter.“ Die 28-Jährige versucht überhaupt mehr zu differenzieren, zu verstehen, worum es den Leuten hinter ihren hitzigen Argumenten wirklich geht: „Hinter den ausländerfeindlichen Aussagen stehen oft einzelne Erlebnisse, die zum Hass auf eine ganze Volksgruppe geführt haben.“ Einige suchen Sündenböcke für ihre Probleme, andere hätten die Erklärungsmuster in ihrer Kindheit anerzogen bekommen. Für Ivana ist klar: „Man muss einfach nachhaken, wenn jemand ein Problem mit einem Österreicher oder einem Ausländer hat.“ Das klingt nach: Durchs Reden kommen die Leut z’samm. Und durchs „biber“-Lesen lernt man die zweite Generation besser verstehen.

– Martina Madner, Markus Pühringer

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