"Über Koalitionen können wir am 29.9. am Abend reden"

"Über Koalitionen können wir am 29.9. am Abend reden"

Wiens Altbürgermeister Michael Häupl im Interview von Josef Votzi über den Wahlkampf der SPÖ, sein Rezept gegen Rechtspopulisten, mögliche Koalitionen und wie es sich anfühlt, 70 zu werden.

trend: Herr Häupl, Sie sind als langjähriger Toskana-Urlauber ein Kenner der italienischen Politik: Die Sozialdemokraten schicken gemeinsam mit den Cinque Stelle den Rechtspopulisten Matteo Salvini zurück auf die Oppositionsbank. Ist das der Anfang einer Götterdämmerung bei den Rechtspopulisten?
Michael Häupl: Das würde ich so nicht unterschreiben. Man hat auch relativ oft die Freiheitlichen und Le Pen totgesagt, und sie sind wiedergekommen. Es gibt zwar Anzeichen dafür, dass Quasidiktatoren in einem Selbstreinigungsprozess der Demokratie wieder verschwinden, etwa in türkischen Großstädten wie Ankara und Istanbul. Das gleiche Phänomen gibt es auch in einigen Bezirksstädten in Ungarn. Aber die Phase des Aufschwungs des Rechtspopulismus ist noch nicht vorbei. Aber ich hoffe, dass die Sozialdemokraten so wie in Skandinavien diesen Prozess beschleunigen.

In Skandinavien lehnen diese jede Zusammenarbeit weiterhin ab.
Häupl: Ja. Und das geht nur mit einer klaren Sprache. Es allen Seiten recht zu machen, funktioniert nicht. Aber wenn es auch in der Sozialdemokratie Leute gibt, die sagen, es wäre besser, wenn ein Mann an der Spitze der SPÖ wäre, dann weiß man, dass wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben. Ich bilde mir ein, dass wir das im urbanen Milieu halbwegs so hingekriegt haben, aber am Land ist da vieles noch anders.

Die FPÖ ist dabei, bei Wahlen trotz Ibiza weiterhin um die 20 Prozent der Stimmen zu kriegen. Warum?
Häupl: Ich glaube nicht, dass das rationale Gründe hat. Dafür ist mein Respekt vor der Vernunft zu groß. Es ist die Emotion des Sich-vernachlässigt-Fühlens. Das sind die Leute, die meinen, dass die Sozialdemokraten sie nicht mehr so lieben wie früher. "Die hurchen ma net zua" heißt aber oft, die teilen meine Meinung nicht. Da muss man sich eben an der Budel im Wirtshaus hinstellen und erst einmal zuhorchen. Und dann aber nicht jedem Einzelnen nach dem Mund reden, sondern ohne erhobenen Zeigefinger seine Meinung sagen. Dort finden mindestens so wichtige Diskussionen wie im Internet statt.


Die Phase des Aufschwungs des Rechtspopulismus ist noch nicht vorbei.

In Sachen "Social-Media-Gastwirtschaftsbudel" lässt die Sozialdemokratie in Österreich aus?
Häupl: Da haben wir noch Arbeitsbedarf. Ich unterschätze Social Media nicht. Aber wir dürfen dabei nicht das persönliche Gespräch vernachlässigen, zumal sich das dann auch via Freunde und Familie noch multipliziert.

Heuer fällt erstmals das Kanzlerduell aus. Die jahrzehntelang auf den Ballhausplatz abonnierte Kanzlerpartei SPÖ mischt mangels Wählermasse nicht mit. Wie sehr schmerzt Sie das?
Häupl: Ich glaube, dass die SPÖ in diesem Wahlkampf nur eine Position einnehmen kann: Es darf keine Regierung gegen die Sozialdemokratie zustande kommen. Das ist ein Minimalanspruch, den sie haben muss, schon allein aus der Interessenvertretung ihrer Wähler heraus.

Die SPÖ propagiert aber immer noch entgegen allen Umfragen, es ginge um Platz eins. Aber derzeit kann es für die SPÖ nur mit Türkis den Weg zurück in eine Regierung geben, die mögliche Alternative Rot-Grün-Neos scheidet rechnerisch aus.
Häupl: Ich bin pensionierter Bürgermeister und kein Prophet. Jetzt entscheidet einmal der Wähler. Wenn es eine Mehrheit von Schwarz-Blau gibt, dann machen sie das wieder miteinander. Dann wird halt der Kickl Klubobmann. Wir sollten daher noch deutlicher sagen: Wer eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau will, muss SPÖ wählen, um andere Bündnisse möglich zu machen.


Wer eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau will, muss SPÖ wählen.

Wenn diese Rechnung nicht aufgeht, soll die SPÖ über eine Regierung Kurz-Rendi nachdenken?
Häupl: Diese Frage wird sich dann nicht stellen, weil Kurz dann mit Hofer weitermacht. In der SPÖ gibt es dann einen anderen Nachdenkprozess ...

... wer Rendis Job übernimmt?
Häupl: Nein, dann muss man wie bei einem guten Fußballverein mit Geduld einen weiteren Aufbau machen. Das ist halt ein mühseliger Prozess, aber Pamela Rendi-Wagner macht das nicht nur schon ganz gut. Momentan habe ich den Eindruck, sie wird von Tag zu Tag noch besser. Außerdem ist sie nicht nur wahnsinnig fleißig, sondern hat auch eine gute Art. Ich kann nur hoffen, dass sie das auch noch bis zum Wahltag durchhält.

Einige ehemalige Parteigranden von Rot und Schwarz versuchen bereits, hinter den Kulissen die Weichen für eine Neuauflage einer Koalition von SPÖ und ÖVP zu stellen. Sie auch?
Häupl: Ob das momentan hilfreich ist, weiß ich nicht. Ich nehme es wahr, aber beteilige mich jedenfalls nicht daran. Über Koalitionen können wir gerne reden, aber am 29.9. am Abend. Wenn sich eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau ausgeht, haben wir mehr Möglichkeiten, zu reden.

Das hört sich an wie Pfeifen im finsteren Wald, dieses Szenario gibt keine Umfrage her.
Häupl: Ich bin nicht so umfragefixiert. Denn wenn ich alle Umfragen in meiner Zeit geglaubt hätte, wäre ich schon jahrelang nicht mehr im Rathaus gesessen.


Wenn ich alle Umfragen in meiner Zeit geglaubt hätte, wäre ich schon jahrelang nicht mehr im Rathaus gesessen.

Rechnen Sie bei der Wien-Wahl 2020 mit einem neuerlichen Antreten von Strache?
Häupl: (Lacht.) Ich würde es meinem Freund Michael Ludwig fast wünschen. Aber im Ernst: Ich weiß nicht, was in Strache wirklich vorgeht. Dazu kenne ich ihn zu wenig, denn er ist in der Wiener Politik immer nur kurz vor Wahlen aufgetaucht. Mein wirklicher intellektueller Widerpart war Jörg Haider. Der war noch satisfaktionsfähig, um das in der Sprache dieser Leute zu sagen.

Als Politiker a. D. hat man die Freiheit, keine falschen Rücksichten mehr nehmen zu müssen. Gibt es in Ihren 40 Jahren in der Politik irgendetwas, was Sie gern anders gemacht hätten?
Häupl: Natürlich habe ich auch Fehler gemacht, aber Gott sei Dank nur kleine. Viel zu viel haben wir beispielsweise nachgegeben bei einer offensiven Argumentation der Notwendigkeit der Migration, aber auch der Integration. Das haben Renate Brauner und Sonja Wehsely zwar sehr gut gemacht, aber zu wenig kommuniziert. Das war auch nicht so leicht, denn in der Öffentlichkeit gab es dafür nicht viel Sympathie.

Wer Sie näher kennt, weiß, dass Sie nicht nur der Fiaker sind, als der Sie sich geben, sondern ein neugieriger Intellektueller. Wie viel Inszenierung und Selbstverleugnung stecken im öffentlichen Häupl-Bild?
Häupl: Ich habe den Fiaker nicht gespielt. Das ist ein Teil meines Seins. Ich war immer recht stolz darauf, vor einer Betriebsversammlung von Bauarbeitern genauso reden zu können, wie in einer Uni-Diskussion zu bestehen. Ich habe einmal gesagt: Ich habe viele Facetten, ich bin ein Brillant. Das klang entsetzlich überheblich, ich würde das daher heute nicht wiederholen.


Natürlich habe ich auch Fehler gemacht, aber Gott sei Dank nur kleine.

Eine schillernde Figur, passt aber auch nicht so recht.
Häupl: Das klingt wieder abwertend. Ich würde daher sagen: nicht der Mann ohne Eigenschaften, sondern ein Mann mit vielen Eigenschaften.

Sie feiern dieser Tage einen runden Geburtstag. Immer öfter heißt es, "70 ist das neue 50". Fühlt sich der 70er auch für Sie so an?
Häupl: Fühlen tue ich mich nicht wie 70. Ein bissel macht es mich aber nachdenklich, wenn ich dieser Tage jüngere Freunde wie Rudi Hundstorfer mit zu Grabe tragen muss. Ich passe schon mehr auf mich auf als früher. Ich habe vernünftigerweise schon vor 30 Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ich mache jetzt wirklich regelmäßig Sport. Ich mache Physiotherapie, um beim Kreuz gar nicht etwas aufkommen zu lassen. Ich gehe einmal im Jahr zur Gesundenuntersuchung, alle drei Jahre zur Darmbeschau. Und das alles, weil ich 113 Jahre alt werden will, um mit meiner Frau ihren 100. Geburtstag zu feiern.


Zur Person

Michael Häupl wurde am 14. September 70. Er war mit 23 Jahren, sechs Monaten und 16 Tagen Amtszeit längstdienender Wiener Bürgermeister.



Linktipp: Wahltagebuch 2019


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Josef Votzi , 64, schreibt für den trend das "Wahltagebuch 2019". Er ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier".


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