Michael Friedl: "Noch nie seit der Revolution waren so viele Menschen auf den Straßen"

Österreichs Handelsdelegierter in Teheran, Michael Friedl, über die Lage für Österreicher in Iran.

FORMAT: Ihre Einschätzung der jetzigen Situation?
Michael Friedl: Vor den Wahlen am 12. Juni gab es viele fröhliche Straßenkundgebungen, Tausende Menschen demonstrierten für ihren präferierten Kandidaten. Man nutzte die Gelegenheit auch für Straßenpartys und zum gegenseitigen Kennenlernen in der Islamischen Republik. Seit der Wahl haben massive Kundgebungen begonnen, die nicht immer friedlich endeten. Noch nie waren seit der Revolution so viele Menschen auf den Straßen, die ihrem Unmut Luft machen. Jeden Abend hört man in Teheran Menschen die Fenster öffnen und laut „Allah-u Akbar“ („Gott ist groߓ) rufen, ein Slogan, der auch 1979 gegen den Schah verwendet wurde.

"Als Ausländer neuralgische Punkte meiden"
FORMAT: Wie ist das Leben in diesen Tagen für Ausländer in Teheran?
Friedl: Als Ausländer wird man in Teheran mit besonderer Gastfreundschaft bedacht. Das hat sich auch jetzt nicht geändert. Dennoch sollte man derzeit neuralgische Punkte vermeiden und am besten zuhause bleiben.
FORMAT: Wie gehen die anderen Österreicher mit der Lage um?
Friedl: Die Österreicher hier gehen mit der Situation recht pragmatisch um und schließen ihre Büros einfach früher, damit sie vor den abendlichen Demonstrationen sicher nachhause kommen. Wir informieren uns gegenseitig über Vorkommnisse und eine eventuelle Verschlimmerung der Lage.

"Wichtiger Partner in der Region"
FORMAT: Wie viel Einfluss hat die politische Lage auf die Wirtschaft?
Friedl: Es gibt hier relativ viel Rechtssicherheit und Schutz für ausländisches Investment. Dieses Land war nicht umsonst lange Zeit der wichtigste Partner österreichischer Firmen in der Region und wird es wahrscheinlich wieder einmal sein. Es ist zu früh, um aus den vergangenen Tagen schon neue Schlüsse auf die Unternehmenstätigkeit ziehen zu wollen. Derzeit ist das Tagesgeschäft noch nicht beeinträchtigt. Die nächsten Tage werden entscheidend sein, dann können wir eher abschätzen, wie Wirtschaftspolitik und Handel zwischen Österreich und Iran aussehen werden. Weitere Sanktionen würden den Handel natürlich noch stärker behindern.

"Unsicherheit wirkt sich negativ aus"
FORMAT: Wie beeinflussen denn die Sanktionen österreichische Unternehmen?
Friedl: Bei den UN-Sanktionen und EU-Maßnahmen handelt es sich ja nicht um eine reine Wirtschaftsblockade, sondern sie sind ganz gezielt auf das iranische Nuklearprogramm und damit in Verbindung stehende Organisationen gerichtet. Ich denke, dass über 90 Prozent des österreichischen Außenhandels nicht direkt betroffen sind, aber die indirekten Auswirkungen sowie die Unsicherheit wirken sich negativ aus. Während die meisten EU-Staaten im letzten Jahr starke Steigerungen im Handel mit Iran hatten, musste Österreich ein Minus von drei Prozent im Export verzeichnen. Die indirekten Auswirkungen scheinen da mehr schuld zu sein als die konkreten rechtlichen Rahmenbedingungen durch die Sanktionen.

"Österreich in allen Branchen gut vertreten"
FORMAT: In welchen Branchen sind Österreicher besonders aktiv?
Friedl: Iran hat 72 Mio. Einwohner und die bestentwickelte Industriebasis aller Nationen in Nordafrika und Nahost. Da sind die österreichischen Firmen in allen Branchen gut vertreten. Von Zulieferungen zur Automobilindustrie, die mit jährlich 1,3 Mio. produzierten Kfzs die größte der Region ist, über Verpackungsmaterial, Maschinen, Pharmazeutika, Infrastrukturzulieferungen, Lebenmitteltechnologie. Bis hin zu Energy-Getränken für die zwei Drittel der Bevölkerung, die unter 30 Jahre alt sind.

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