Yanis Varoufakis und James Dean: Das Lächeln des Spielers

Yanis Varoufakis und James Dean: Das Lächeln des Spielers

Rudolf Taschner ist Professor an der TU Wien und Bestsellerautor. Er versucht u. a. mit math.space, der breiten Öffentlichkeit Mathematik zugänglich zu machen.

Spieltheorie und Politik: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Umwälzungen in Europa für alle beteiligten Staaten - schwache wie starke - vorteilhaft enden?

Yanis Varoufakis lächelt maliziös. Selbst nach seinem Abgang als Kurzzeit-Finanzminister eines als insolvent einzustufenden Landes strahlt er Insolenz (Anm.: Anmaßung, Frechheit) aus. Denn er ist ein profunder Kenner der Spieltheorie. Sein politisches Handeln betrachtet er wie das Ziehen von Spielfiguren auf einem Brett. Ihm gegenüber sieht er einen Spielpartner, dessen Strategie er zu erraten versucht und dem er danach die ihm den größten Nutzen verheißende Vorgehensweise entgegensetzt.

Er habe, so munkelt man, mit seinen Verhandlungspartnern in der EU und im IWF "Chicken“ gespielt. "Chicken“ heißt in der Sprache der Halbwüchsigen "Feigling“. Wenn man "Chicken“ spielt, will man dem anderen zeigen, dass man ein tollkühner Kerl ist. Kenner des Kultfilms der 50er-Jahre "… denn sie wissen nicht, was sie tun“, der dazu beitrug, dass James Dean zum Ausnahmestar wurde, wissen, worum es sich dabei handelt: Zwei Halbstarke klauen sich schäbige Autos und fahren in der Nacht auf einer entlegenen Landstraße mit überhöhter Geschwindigkeit gegeneinander. Wer von ihnen als Erster rechts ausweicht, ist das Chicken, das Hühnchen, der Hasenfuß. Und der andere, der mutig genug ist, weiterzufahren, ist der Lion, der Löwe, der Held.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, so fragte sich Varoufakis, dass Christine Lagarde oder Jeroen Dijsselbloem "ausweichen“ werden, wenn er ihnen dreist "entgegenfährt“, will sagen, unverfroren erklärt, dass Griechenland von seinem Kurs, die Angebote der Euro-Gruppe abzulehnen, nicht abweicht? So hoch, das dürfte er vermutet haben, dass es sich für ihn auszahlt, stur den Löwen zu spielen. Jedenfalls so lange, bis am 5. Juli eine deutliche Mehrheit der Griechen mit "Nein“ auf dieses Angebot reagierte. Damit hatte er das Chicken-Spiel gewonnen. Mokant kündigte er am Tag danach seinen Rücktritt mit der fadenscheinigen Begründung an, Mitglieder der Eurogruppe wollten ihn nicht mehr sehen; er werde weiteren Verhandlungen nicht im Wege stehen.

Chicken ist nicht das einzige Spiel, das Spieltheoretiker seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts untersuchen. Zu Beginn, als diese Theorie von dem aus Österreich emigrierten Ökonomen Oskar Morgenstern und dem aus Budapest gebürtigen und in Princeton wirkenden mathematischen Tausendsassa John von Neumann ersonnen wurde, betrachtete man bloß Nullsummenspiele: Bei ihnen verliert der eine Spielpartner das, was der andere gewinnt. Darum zielt man auf die maximale Schädigung des Partners. Aber auch beim "Chicken“-Spiel, das kein Nullsummenspiel ist, will der auf den Löwen setzende Spieler dem Gegner schaden, ihn zum Hasenfuß degradieren, wenn nicht sogar einen noch größeren Unbill zufügen.

Es war ein junges mathematisches Genie, John Nash, bekannt aus dem Film "A Beautiful Mind“, der über Nullsummenspiele oder "Chicken“ hinausgehend eine Fülle weiterer Spiele zu analysieren verstand. Auch solche, die den Spielpartnern Züge zu setzen erlauben, bei denen sie gemeinsam profitieren. Während Militärs vorrangig Nullsummenspiele betrachten, da sie an der Schädigung des Gegners interessiert sind, richten Ökonomen ihre Aufmerksamkeit auf die nach Nash erdachten Spiele, die allen Beteiligten Vorteile bieten - vorausgesetzt, die Spieler setzen auf die richtige Strategie.

Erlauben die derzeitigen wirtschaftlichen Gegebenheiten den potenten Euro-Staaten, sich mit Ländern wie Griechenland nicht auf das "Chicken“-Spiel, sondern auf ein beiderseits vorteilhaftes Spiel einzulassen? Abgesehen davon stellt sich die noch dringendere Frage: Gestatten die über Europa hereinbrechenden epochalen demografischen Umwälzungen solche Bedingungen? Man darf bezweifeln, dass sie von gewissenhaften und mutigen Politikern geschaffen werden. Aber ohne ein für alle Beteiligte gewinnversprechendes Szenario rettet selbst die geschliffenste Spieltheorie nicht aus dem Ungemach.

Zumal Spiele nur bedingt die Wirklichkeit modellieren: Spiele haben einen Anfang, ein Ende, folgen festen Regeln und können wiederholt werden. Im wahren Leben liegen die Dinge anders.

Was besagt das Lächeln des Spielers? Kaschiert er die Niederlage? Ist es Schadenfreude? Oder freut man sich mit ihm, weil das Spiel beim Gewinn des einen auch dem anderen Erfolg bringt? Am 20. November wird Yanis Varoufakis beim Real Estate Leaders Summit in Kitzbühel über die Griechenlandkrise sprechen und wieder in die Kameras lächeln.

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