Ungleichheit rüttelt an den Grundfesten des Systems

Ungleichheit rüttelt an den Grundfesten des Systems

Gastkommentar - Claus Raidl: "Die Globalisierung wird nicht verschwinden, sondern der Druck auf Unternehmer und Arbeitnehmer wird noch viel stärker."

Gelingt es nicht, soziale Schieflagen zu beseitigen, Unsicherheiten der Bürger zu beseitigen, droht das Wirtschaftssystem als Ganzes zu scheitern.

Ungleichheit spürt jede und jeder - sie teilt die Gesellschaft in Bevorzugte und Benachteiligte. Sie zeigt sich nicht nur am Lohnzettel oder in der Steuererklärung, sondern auch an Universitäten oder in Krankenhäusern. Ungleichheit ist ein mehrdimensionales und komplexes Wesen, das sich nur mit Hilfe unterschiedlicher Indikatoren messen lässt. Besonders der soziale Aspekt unterliegt zu Recht einer heftigen nationalen und internationalen Debatte. Denn Ungleichheit wird zunehmend zum sozialen Problem, das an den Grundfesten unserer Gesellschaft rüttelt und den Glauben an die soziale Marktwirtschaft erschüttern kann.

Wissenschaftliche Studien und Analysen helfen, die kollektive Dimension der Ungleichheit zu verstehen. Autoren von links und rechts dominieren die Bestsellerlisten und bringen frischen Wind, der heuer auch bei den Wirtschaftsgesprächen in Alpbach deutlich zu spüren sein wird. Im Kern dreht sich alles um zwei Fragen: Braucht die Wirtschaft Ungleichheit, um wachsen zu können? Und wie können wir es schaffen, soziale Ungleichheit zu reduzieren? Für mich gibt es zwei Lesarten der Ungleichheit: Im negativen Sinne als Missstand, der Chancen und Ressourcen reduziert, im positiven Sinne als Antrieb für Wandel und Vielfalt. Doch wie viel Ungleichheit verträgt Europa überhaupt?

Dort wo die Ungleichheit zu viel Druck auf einzelne Segmente der Gesellschaft ausübt, beginnt der Konsens eines Wirtschaftsraums, zu bröckeln, Risse entstehen, und der soziale Frieden gerät ernsthaft unter Druck. Driften die Einkommen zu weit auseinander, bedroht das nicht nur die Stabilität einer Wirtschaft, sondern drosselt auch das Wachstum.

Ich bin davon überzeugt, dass eine hohe Ungleichheit nicht nur sozialen, sondern auch volkswirtschaftlichen Schaden mit sich bringt. Glaubt man dem jüngsten Sozialbericht der OECD, dessen Titel, "Why less Inequality benefits all“, schon eine Antwort gibt, so öffnet sich die Kluft zwischen Topverdienern und den Mittellosen in den Industrieländern immer weiter. Anders hierzulande: Laut OECD ist die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in der Alpenrepublik seit 2000 nicht aufgegangen. Beim Gini-Koeffizienten, einem der zentralen OECD Indikatoren, landet Österreich auf Platz zehn unter 30 Ländern. Aber das ist nur eine Facette. Ein anderes Bild ergibt sich beim Vermögen: Beim Anteil der obersten zehn Prozent am Gesamtvermögen liegt Österreich auf Platz 2 - zwei Drittel des gesamten Vermögens liegen hierzulande in den Händen dieser zehn Prozent.

Internationaler Währungsfond und OECD sind sich übrigens einig: Zu hohe Ungleichheit schadet langfristig auch wirtschaftlich, da das Wachstum sinkt. Betrachtet man die Haushaltseinkommen so sieht man, dass Österreich im internationalen Vergleich relativ stark von "oben“ nach "unten“ umverteilt. Die Krise trug ihres dazu bei, den Staatshaushalt unter Druck zu setzen. Die politische Debatte, ob neue Steuern hier ein vernünftiges Instrument darstellen, um für Entlastung zu sorgen, läuft.

Welche Antworten ergeben sich abseits des politischen Hickhacks? Was können Unternehmer selbst anpacken? Auf betrieblicher Ebene geht es in Zukunft darum, Mitarbeiter viel stärker als bisher am Gewinn zu beteiligen, um die Verteilungsfrage zu entschärfen. Warum immer nur den Gewinn an den Faktor Kapital binden? Und an die Politik richte ich erneut den Appell, deutlich mehr in Bildung zu investieren, den Frauen am Arbeitsmarkt den Rücken zu stärken und den Faktor Arbeit deutlich zu entlasten. Die Steuerreform bleibt in diesem Bereich hinter den Erwartungen zurück.

Die Globalisierung wird nicht verschwinden, sondern der Druck auf Unternehmer und Arbeitnehmer wird noch viel stärker werden. Dazu kommt der rasante technische Fortschritt, der die Arbeitswelt auf den Kopf stellen wird. Wir alle wissen nicht, wie sich der Einsatz von Robotern auf die Beschäftigung auswirken wird. Wir wissen auch nicht, ob wir je wieder Vollbeschäftigung in unserer derzeitigen Definition erreichen werden können. Wir müssen zu all diesen Fragen Antworten finden und die Unsicherheit für unsere Mitbürger beseitigen. Gelingt uns das nicht, droht unser Wirtschaftssystem zu scheitern.

Zur Person

Claus Raidl ist Präsident der OeNB und Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach. Die Alpbacher Wirtschaftsgespräche widmen sich von 1. bis 3. September dem Thema "Ungleichheit“.
Anmeldung & Programm: www.alpbach.org/ecn15 .

Gastkommentag aus FORMAT Nr. 29/30 2015
Zum Inhaltsverzeichnis und ePaper-Download

Kommentar

Standpunkte

Klaus Puchleitner: Rechts zerbröselt die EU

Kommentar
trend Chefredakteur Andreas Lampl

Standpunkte

Andreas Lampl: Die Unschuld der Parteien

Kommentar
trend Chefredakteur Andreas Lampl

Standpunkte

Ruhestand mit Vollpension