Ein Solitär unter den Weltpolitikern

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt hat die Weltpolitik über Jahrzehnte mitbestimmt. Ein persönlicher Nachruf von einem sozialdemokratischen Freund und Weggefährten.

Ein Solitär unter den Weltpolitikern

Nachruf auf Helmut Schmidt.

Vor einigen Jahren, bei einem der nicht seltenen Wien-Besuche von Helmut Schmidt, besuchte ich ihn wie gewöhnlich kurz nach seiner Ankunft in seinem Hotel. Er war damals in depressiver Stimmung und meinte, es erginge ihm wie einstmals Beethoven.

Helmut Schmidt, ein hervorragender Pianist und Orgelspieler, litt an einer zunehmenden Hörbeeinträchtigung, die ihn sehr belastete. Bei dieser Begegnung fragte er mich nach meinem Alter - uns trennten 20 Jahre - und meinte: "Werde nicht so alt!" Seine Lebenszeit sollte kurz vor seinem 97. Geburtstag enden.

Bei diesem Besuch erzählte mir einer der Sicherheitsbegleiter, dass der Altkanzler zuvor auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel die letzte Ruhestätte von Kardinal König im Stephansdom besucht und eine Blume auf dessen Sarkophag gelegt habe. Ein Ausdruck der besonderen Wertschätzung und Verbundenheit des nach außen hin kühlen, disziplinierten und pflichtbewussten Hanseaten gegenüber einem außergewöhnlichen Mann der Kirche.

Wie sehr beide einander geschätzt haben, konnte ich beobachten, als Helmut Schmidt und Kardinal König Gäste bei uns zu Hause waren, und zwar am Vorabend der von Beppo Mauhart initiierten Veranstaltung "500 Jahre Tabak in Europa". Helmut Schmidt hat sich, wie er einmal meinte, mit Rauchen und Arbeit fit gehalten.

Am Weltgeschehen und der Entwicklung der Weltwirtschaft nahm er Zeit seines Lebens regen Anteil. Diese Themen standen auch im Zentrum seines Gastvortrags, den er Ende der 1970er-Jahre auf einem der SPÖ-Parteitage hielt und in dem er Österreichs wirtschaftliche Erfolge und die Rolle des damaligen österreichischen Finanzministers hervorhob. Unsere Bekanntschaft, aus der sich eine langjährige freundschaftliche Beziehung entwickelte, begann in den währungspolitisch turbulenten Jahren, die von der ersten Erdölkrise im Herbst 1973 ausgelöst wurden und in eine Weltwirtschaftskrise mit hoher Inflation mündeten.

Helmut Schmidt war mit den damaligen Wirtschaftsturbulenzen als deutscher Doppelminister für Finanzen und Wirtschaft und in der Nachfolge von Willy Brandt als Bundeskanzler konfrontiert. In seine Kanzlerschaft fiel auch der Terror der Roten Armee Fraktion, die er mit der Maxime konterte, dass sich der Staat nicht erpressen lassen dürfe. Tief betroffen war er von der Ermordung der RAF-Geisel Hanns Martin Schleyer nach der Befreiung der Geiseln des Flugzeuges "Landshut" in Anwesenheit von Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski.

Mit der Familie Schleyer kam es erst viel später zur Aussöhnung. Aufgrund seiner fundierten Überzeugung schuf Helmut Schmidt ungeachtet gravierender Auseinandersetzungen mit dem damaligen US-Präsidenten Carter und Widerständen aus der eignen Partei die Voraussetzung für die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses und der Stationierung von Pershing-Mittelstreckenraketen als Antwort auf die massive Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen SS 20.

Nachdem Helmut Schmidt von der FDP gestürzt worden war, setzte Helmut Kohl die von Schmidt verfolgte sicherheitspolitische Linie fort und erreichte deren Umsetzung. Die damit verbundene strategische Nachteiligkeit für die Sowjetunion war nicht zuletzt einer der Gründe für das Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums und das Ende der Sowjetunion.

Helmut Schmidt hat die Weltpolitik unter anderem mit seiner maßgeblichen Mitwirkung an der 1975 ins Leben gerufenen Einrichtung eines Weltwirtschaftsgipfels, die heutige G7, mitbestimmt. Mit der Währungsschlange in Europa hat er die Grundlage für die spätere Eurozone gelegt.

Kurz nachdem Wladimir Putin Präsident Russlands geworden war, meinte Helmut Schmidt mir gegenüber bei einem Besuch in seinem deutschen Büro in der "Zeit" unter anderem, dass dieser ein zweiter Peter der Große werden wolle, was nicht ganz so leicht werden würde.

Dennoch ist er noch vor einem Jahr von Putin zu einem langen Gespräch nach Russland eingeladen worden. So wie in früheren Jahren oftmals von Deng Xiaoping nach China oder von Lee Kuan Yew nach Singapur - jeweils ganz ohne große Öffentlichkeit, nur zum Gedankenaustausch über die Zukunft der Welt.

Mit dem Ableben von Helmut Schmidt hat Deutschland einen Solitär unter den Politikern, Europa einen entschlossenen Europäer, die Geopolitik einen verständnisvollen, strategisch denkenden Weltbürger und Österreich einen Freund verloren.

Ich verneige mich in immerwährender Freundschaft mit großem Respekt!

Zum Autor

Hannes Androsch. Den Unternehmer und früheren österreichischen Finanzminister verband mit Helmut Schmidt eine langjährige Freundschaft.

Den Nachruf lesen Sie im FORMAT Ausgabe 46/2015.
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