Lichtgestalten dringend gesucht

Lichtgestalten dringend gesucht

Angelika Kramer: "Heute wissen wir: Tsipras hat leider auch nicht das Zeug zur Leitfigur."

Franklin D. Roosevelt hat gezeigt, wie große Reformen gelingen: Mit klaren Ansagen, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Aber wer soll die Welt heute retten?

Das US-Infoportal "Business Insider“ hat es sich zur Gewohnheit gemacht, täglich die zehn wichtigsten Ereignisse weltweit aufzulisten. So weiß der Leser rasch und knapp, was auf ihn zukommen könnte, und kann sich entsprechend darauf einstellen. Bestens informiert kann man dann an sein Tagwerk gehen. Doch Anfang dieser Woche wollte sich der Alltag nach Lektüre der zehn Topereignisse nicht so recht einfinden: Bankenschließungen in Griechenland, Islamisten in Frankreich, Terror an tunesischen Stränden, Beinahe-Pleite von Puerto Rico - ja, nicht nur die Griechen schaffen das -, Polizeigewalt in Istanbul und zum Drüberstreuen noch die Explosion der unbemannten Raumfähre SpaceX. Da schmeckt das Frühstückskipferl gleich nicht mehr. Tut sich denn nirgendwo auf der Welt irgendetwas Positives, irgendetwas, das der Menschheit wieder Hoffnung gibt?

Nun könnte man natürlich der Meinung unseres Bundeskanzlers Werner Faymann, artikuliert in der letzten Pressestunde, folgen und die Schuld an dieser Häufung schlechter Nachrichten bei den Medien suchen. Medien würden sich eben nicht für "Good News“ interessieren, bemängelte der zuletzt medial oft Gescholtene. Das ist wohl zu einfach. Tatsächlich scheint sich die globale Misere aktuell nicht nur über alle Kontinente, sondern auch über sämtliche Lebensbereiche zu ziehen - Armut, Arbeitslosigkeit, Terror, Flüchtlingsströme, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Und irgendwie scheint niemand passende Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

Der kürzlich erschienene "World Happiness Report“ der UNO, der - wenig verwunderlich - starke Einbußen in der Lebensqualität von Griechen, Italienern, Spaniern und Portugiesen ortet, kommt zum Schluss, dass nicht nur steigende Arbeitslosigkeit und wachsende Armut das subjektive Glücksempfinden rapide habe schrumpfen lassen. Vielmehr haben die Krisenländer das Gefühl, sie hätten niemanden, auf den sie sich in der schweren Zeit verlassen könnten. Ihnen und der gesamten Welt fehlt eine Persönlichkeit, der sie trauen können.

Wenig verwunderlich also, wenn die Österreicher in einer kürzlich durchgeführten Umfrage Conchita Wurst, Andreas Gabalier und Marcel Koller deutlich mehr Glaubwürdigkeit attestieren als so manchem Regierenden. Man mag von diesen sehr unterschiedlichen Personen halten was man will, aber eines ist ihnen gemeinsam: Sie finden für ihre Bereiche präzise Antworten. Sei es Andreas Gabalier für die Handhabung der Bundeshymne, sei es Conchitas Toleranzpredigten oder auch Kollers beständige Arbeit an einem Team, das vor ein paar Jahren nicht einmal wusste, wie man "Tor“ buchstabiert. Sie alle liefern in ihren Verantwortungsbereichen Antworten, sind präzise, und ihr Wirken scheint nicht bloß auf wenige Monate angelegt zu sein.

Nun hat es vor Kurzem noch so ausgesehen, als könnte auch in der europäischen Politik einmal einer daherkommen, der neue Antworten auf gravierende Probleme geben kann. Der einen neuen, unkonventionelleren Weg aus der Wirtschaftskrise aufzeigen könnte. Alexis Tsipras schien den Menschen zuzuhören, gab ihnen eine Perspektive und lieferte erfrischende Alternativen zum leidigen Sparkurs. Heute wissen wir: Tsipras hat leider auch nicht das Zeug zur Leitfigur. In einer so schwierigen Situation den Ball einfach der griechischen Bevölkerung - per Volksbefragung - zuzuspielen, zeugt nicht von Führungsqualitäten, und seine Antworten erwiesen sich leider als kurzsichtig und unehrlich. Der Bevölkerung weiszumachen, EU-Hilfen seien ohne Sparprogramm durchzusetzen, ist entweder verlogen oder unrealistisch. Beides für einen maßgeblichen Politiker keine idealen Attribute.

Es waren die einfachen, leicht verständlichen und gleichzeitig harten Worte, mit denen US-Präsident Franklin D. Roosevelt in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre die Bürger auf große Reformen einschwor. Und es war Roosevelts Glaubwürdigkeit und sein Weitblick, die schließlich zum Erfolg führten und ihn zum beliebtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten machten. Freilich braucht es auch eine tolerante, reformwillige Bevölkerung, die den Politikern den ein oder anderen Fehler verzeiht und Querdenkern - wie vor einigen Jahren Bill Clinton oder Gerhard Schröder - genügend Raum lässt.

Schwierige Zeiten brauchen also klare Antworten und glaubwürdige Leitfiguren. Doch solche Persönlichkeiten - sorry, Angie, aber punkto klare Antworten ist noch viel Luft nach oben - scheinen der Welt momentan zu fehlen.

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