Kommentar von Wolfgang Schüssel: Merkel - die Vertrauenskanzlerin

"Ihr Führungsstil ist bemerkenswert: in Auftreten und Sprache leise, präzise, jeder großen Geste und jedem Pathos abhold", schreibt Wolfgang Schüssel.

Kommentar von Wolfgang Schüssel: Merkel - die Vertrauenskanzlerin

Im letzten Bundestags-Wahlkampf waren auf einem riesigen Wahlplakat am Berliner Hauptbahnhof einfach Angela Merkels Hände in ihrer typischen "Raute"-Haltung zu sehen. Es bedurfte keines Namens und keines Slogans, in irgendeiner Ecke stand ganz klein "CDU". Angela Merkel ist zur unverwechselbaren Marke geworden. Sie überbringt eine einfache Botschaft: In diesen Händen ist man gut aufgehoben.

In fast neun Jahren als Regierungschefin hat Merkel etwas höchst Ungewöhnliches erreicht: die Identifikation mit dem Volk. Im Zeitalter chronischer Politikerverdrossenheit ist das vielleicht die größte Kunst. Sie ist "eine von ihnen" geblieben - vorsichtig, unaufgeregt, bescheiden, skandalfrei, umsichtig, vertrauenswürdig. Die Frage "Kann die das?" stellt sich längst nicht mehr. Heute lauten die Titel internationaler Zeitschriften: "One woman to rule them all" ("Economist") oder "The Angela Enigma - Merkels Magic" ("Time"). 17 Regierungschefs wurden seit Ausbruch der Finanzkrise abgewählt. Umso erstaunlicher ist das ungebrochene Vertrauen, das die deutschen Wähler ihrer Regierungschefin weiterhin entgegenbringen.

"Vertrauen" ist nicht zufällig ein Hauptwort im Vokabular von Angela Merkel. Vertrauen zu Partnern (NSA lässt grüßen), Vertrauen als Kitt internationaler Zusammenarbeit, Vertrauen innerhalb der Koalition. Kühles Kalkül? Was so einfach klingt, ist die tagtäglich hart erkämpfte Währung in menschlichen und politischen Beziehungen. Eine Investition in Vernunft und gelebte Verantwortung. Solches Vertrauen kommt vielfach zurück. Merkel ist keine, die sich um eines billigen Gags willen auf Kosten anderer profiliert.

Nicht von allen Seiten wurde ihr von Anfang an Anerkennung entgegengebracht. Noch vor zwei Jahren titelte ein US Magazin "Why everbody loves to hate Angela Merkel." Politiker sind eben auch gigantische Projektionsflächen. Im Positiven zum Beispiel Barack Obamas Hoffnungs-Kampagne mit der mobilisierenden Aufforderung "Yes, we can". Umso brutaler allerdings dann auch die Kältephase nach dem Abkühlen enttäuschter Erwartungen. Im Negativen wurde Merkel sowohl als übervorsichtige "Königin des Zauderns" wie auch als unbarmherzige "Domina" mit ihrem unnachsichtigen Sparkurs für alle kritisiert. Der Schmähruf "Merkiavelli" und das Hitlerbärtchen auf ihrem Porträt im griechischen Wahlkampf brachten tiefsitzende Ängste zum Ausdruck. Oft sind es schlichte Macho-Reflexe gegenüber einer mächtigen Frau. Zuerst war sie Helmut Kohls "Mädchen", später avancierte sie zur "Mutti". Beides hatte einen heimtückisch abwertenden Unterton. Angela Merkel ist seit einem Jahrzehnt die wohl wichtigste Frau in der globalen Führungsriege, noch dazu inzwischen dreimal gewählt. Nicht alle Männer halten dieses Phänomen beschwerdefrei aus.

Ihr Führungsstil ist jedenfalls bemerkenswert. In Auftreten und Sprache leise, präzise, fast schon minimalistisch, jeder großen Geste und jedem Pathos abhold. Ein Vorbild für sachorientiertes, beharrliches, unbeirrbares Politikmanagement. Oft stellen internationale Delegationen im Gespräch mit ihr nach wenigen Minuten verblüfft fest, dass die deutsche Bundeskanzlerin sich in den persönlichen und inhaltlichen Interna der jeweiligen heimischen Politszene perfekt auskennt. Sie macht verlässlich ihre Hausaufgaben.

Jeder große Kanzler in Deutschland hatte seine historische Bewährungsprobe zu bestehen. Konrad Adenauer den Wiederaufbau und die Westorientierung der Bundesrepublik, Helmut Kohl die Wiedervereinigung, Gerhard Schröder seine Agenda 2010, Angela Merkel das Meistern der Folgen der Finanzkrise. Und das nicht nur in ihrem eigenen Land, sondern für ganz Europa. Die dramatischen Jahre seit 2008 waren tatsächlich ein Ritt über den Bodensee. Die ehernen Regeln des Stabilitätspakts - drei Prozent Defizit und 60 Prozent Staatsverschuldung - waren von der Vorgängerregierung Schröder/ Fischer unter tatkräftiger Mithilfe Frankreichs und Italiens längst relativiert. Der Ruf nach Eurobonds und grenzenloser Geldschöpfung dominierte die politische Diskussion.

Als letztes Bollwerk gegen die völlige Zertrümmerung der Spielregeln lenkten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble die europäische Agenda behutsam auf den einzig möglichen Weg: solidarische Hilfe der Nettozahler an die Krisenstaaten, gebunden an unumgängliche interne Strukturreformen. Beides erreichte gewaltige, ja historische Dimensionen.

Ein Rettungsschirm mit sagenhaften 750 Milliarden Euro wurde aufgespannt, kein einziges Euroland musste den Staatsbankrott anmelden, niemand schied aus der Eurozone aus. Die harte und unpopuläre Sanierungsarbeit in den Krisenländern selbst verdient höchste Achtung, ja: Bewunderung. Griechenland etwa drehte sein Budgetsaldo um zehn Prozent, Spanien und Irland um je acht Prozent, Portugal um sechs Prozent. Natürlich ist die Krise nicht endgültig gebannt. Aber das Verdienst, EU und Eurozone zusammengehalten zu haben, ist vor allem der Bundeskanzlerin zuzuschreiben.

Möglicherweise war es auch das persönliche Erleben des Zusammenbruchs der DDR, das sie dazu bewogen hat, das Auseinanderbrechen der Eurozone um jeden Preis zu verhindern. Wie überhaupt "Zusammenhalten" ein Leitmotiv ihrer politischen Arbeit ist.

Sie kennt - vielleicht besser als andere - den Wert gemeinsamen Handelns. Ihr legendärer Schlachtruf "Fällt der Euro, fällt Europa!" zeigt das tiefe Verständnis Angela Merkels für Europa. Dazu hat sie noch ein geradezu untrügliches Gespür für Praktisches. Den Staatssekretär Joachim Fuchtel beauftragte sie, bilaterale Hilfsangebote und Projekte für Athen umzusetzen. Mit Spanien und Portugal wurden Programme zum Jobaustausch vereinbart, für die Jugend ein Milliardenprogramm von EU und EIB aufgelegt.

Frankreichs Präsident François Hollande brachte es auf den Punkt: "Das Gute an ihr ist, dass sie sich um alle kümmert." Schon bei ihrem ersten Auftritt bei einem EU-Gipfel stach diese Eigenschaft hervor. Der Finanzrahmen der Union für die nächsten sieben Jahre stand auf Messers Schneide. Polens Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz konnte nicht zustimmen, es ging um 100 Millionen Euro.

Niemand wollte nachgeben, der Gesamtrahmen war längst fixiert, Endstation Sackgasse. Da stand plötzlich die "Newcomerin" Angela Merkel auf, ging zu Marcinkiewicz, sprach mit ihm und erklärte dann kurzentschlossen, Deutschland werde zugunsten Polens auf 100 Millionen Euro verzichten.

Niemand sollte jedoch die deutsche Bundeskanzlerin unterschätzen. Kürzlich meinte der scheidende Kommissionspräsident José Manuel Barroso - kein erklärter Liebling Merkels - im Rückblick auf zehn Jahre seiner Amtszeit bedauernd, dass viele Regierungschefs in europäischen Fragen nicht sattelfest, ja nicht einmal inhaltlich interessiert seien. "Mit Abstand am interessiertesten und am besten vorbereitet, auch in Detailfragen, war zweifellos Angela Merkel".

Typisch Frau: in schwierigen Zeiten belastbarer, umsichtiger, nachhaltiger denkend. Um sich durchzusetzen, müssen sie oft ohnehin doppelt so gut sein wie ihre männlichen Kollegen. Die deutsche Energiewende weg von der Atomkraft und hin zu erneuerbaren Energien setzte Angela Merkel gegen erhebliche Widerstände auch in ihrer eigenen Partei durch.

In der Ukrainekrise telefonierte sie zumindest wöchentlich, oft sogar täglich mit Wladimir Putin. Sie weist US-Spione aus, reist häufig nach China, wirbt unverdrossen für Innovation, Forschung, internationalen Freihandel (TTIP) und kümmert sich bei WM-Auftakt und Finale um die deutsche Fußballseele.

In privaten Treffen ist sie eine aufmerksame, humorvolle und spannende Gesprächspartnerin. Sie ist neugierig auf alles, was sich in der Welt von Wissenschaft und Forschung abspielt. Kunst und Kultur sind ihr - wie ihrem kongenialen Partner Achim Sauer - ein echtes "Lebensmittel". In Bayreuth, bei den Salzburger Festspielen, bei Wanderungen in den Bergen tankt sie jene Kraft der Gelassenheit, die so viele Menschen an ihr bewundern. Nach der letzten Bundestagswahl schrieb die "New York Times":"Henry Kissinger famously asked what Europe's phone number is. Well, now he knows. Dial Angela Merkel."

Zu dieser Frau kann man Deutschland, Europa und uns als Nachbarn nur gratulieren.

Ad multos annos, Frau Bundeskanzlerin!

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