Flüchtlinge: Jetzt kommt Bewegung rein

An den Bahnhöfen kann man derzeit beobachten, wie Just-in-time-Hilfe funktioniert: unbürokratisch, effizient und menschlich.

Flüchtlinge: Jetzt kommt Bewegung rein

Es könnte sein, dass jetzt gerade Tage sind, die später in die Geschichtsbücher Eingang finden. Weil vieles in Bewegung kommt und offensichtlich ist, dass die bisherigen Regeln und Strukturen nicht mehr passen. Ungarn, das unberechenbar eigene Wege geht, öffnete am Montag kurzerhand die Grenzen nach Westen für die Flüchtlinge. 1989 erlaubte es DDR-Bürgern Fahrten nach Österreich. 2015 wurden Syrer und anderen Schutzsuchende nicht an der Zugfahrt Richtung Westen gehindert.

Über 3.600 Menschen machten daher an einem heißen Spätsommerabend unfreiwillig am Wiener Westbahnhof Station. Es roch streng, doch das war egal. Man kann in einer solchen Situation durch ein bisschen Unbedachtheit oder zu viel Bürokratie die ganze Lage massiv verschlimmern. Aber ÖBB und Polizei zeigten sich in dem Chaos, das dieser unvermittelte Ansturm mit sich zog, von ihrer sympathischen Seite. Ein aufgelassener Gepäckabladeraum wurde für die Erstversorgung zur Verfügung gestellt, weitere Räume folgten. Supermärkte wurden von Helfern beinahe leergekauft, ganze Ladungen wurden verschenkt. In Blogs, über soziale Medien und auf den Displays am Bahnhof informierten die ÖBB, was in dieser "besonderen Situation“ noch benötigt wird, und dankte allen, die halfen.

Die ÖBB und alle Helfer machten es gut. In Windeseile entstanden an den Bahnhöfen Flüchtlings-Unterstützungs-Stellen. Es ist faszinierend, wie Just-in-time-Hilfe funktioniert: Linz braucht noch Männersocken, schreibt einer, und schon versteht das ein anderer als Auftrag.

Österreich hat Traiskirchen. Österreich hat Gemeinden, die nicht wollen, dass Asylanten hier untergebracht werden. Österreich hat nicht den Überblick, wo genau sich die minderjährigen Flüchtlinge aufhalten, die hierher gekommen sind. Österreich hat Politiker, die über Zäune nachdenken. Österreich hat den Lastwagen mit den 71 Toten auf der A4. Und seit dieser Woche hat Österreich auch die Bahnhöfe als Symbol, wie Zivilgesellschaft funktionieren kann. Ein bisschen Bewegung ist also schon drin.

Kommentar aus FORMAT-Ausgabe Nr. 36/2015
zum Inhaltsverzeichnis ab Freitag, 4. September in FORMAT Nr. 36/2015
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