Politik 0.0 genügt sicher nicht

Hannes Androsch - Industrieller

Ex-Finanzminister Hannes Androsch zu den Versäumnsissen der Politik

Gastkommentar von Hannes Androsch: Österreich ist wie Europa insgesamt nicht ausreichend für die Herausforderungen von Industrie 4.0 und digitaler Revolution gerüstet.

Vor etwa 250 Jahren setzte eine rasante Beschleunigung des technischen Fortschritts mit einer exponentiellen Entwicklung ein. Eine Explosion des Wissens und das "Erfinden des Erfindens" waren Ausgangspunkte für die bislang drei Wellen der industriellen Revolution. Muskelkraft wurde zunehmend durch Maschinenkraft ersetzt, indem vor allem Wärmeenergie in mechanische Energie umgewandelt wurde. Es begann mit der Dampfmaschine, setzte sich mit den vielfältigen Möglichkeiten von Elektrizität und der Verbrennungskraftmaschine fort, brachte durch Transistoren eine zunehmende Automatisierung vieler Tätigkeiten.

Die Auswirkungen brachten ein neues Zeitalter mit sich, das Anthropozän, so genannt, weil die Spezies Mensch die Welt und ihre Biosphäre dominiert. Charakteristisch ist dafür nicht nur der Anstieg der Weltbevölkerung von erstmals einer Milliarde um 1800 auf inzwischen 7,3 Milliarden Menschen, sondern auch grundlegende Veränderungen in der Lebens-und Arbeitswelt samt steigender Lebenserwartung. Breiter Wohlstand und große Wohlfahrt wurde für viele Wirklichkeit.

Den negativen Auswirkungen, vor allem auf die Umwelt, muss durch die sich neu eröffnenden technologischen Entwicklungsmöglichkeiten begegnet werden, um Rohstoffschonung, Energieeffizienz, besseres Wasser-oder Verkehrsmanagement zu erreichen.


Industrie 4.0 führt auch zu Arbeit 4.0

Wir erleben soeben den Beginn der vierten industrielle Welle: die digitale Revolution mit dem Internet aller Dinge; Big Data mit Korrelationsergebnissen durch Algorithmen, durch Sammeln, Vernetzen und Auswerten riesiger Datenmengen in kürzester Zeit auf Basis cyberphysikalischer Systeme; mit Robotisierung und Industrie 4.0. Was noch vor Kurzem Science-Fiction war, wird explosionsartig unseren Alltag bestimmen, unsere Lebensweise beeinflussen und die Arbeitswelt verändern. Industrie 4.0 führt auch zu Arbeit 4.0.

Was Innovation und Software anlangt sind die USA weit voraus. Bei der Hardware ist es China. In der Anwendung sind es Japan und Südkorea. Deutschland und Großbritannien unternehmen große Anstrengungen, aber Europa insgesamt hinkt nach. Das gilt auch für Österreich, wenn man von einzelnen Leuchttürmen absieht. Es bedarf daher großer Anstrengungen für einen Aufholprozess, so z. B. eines europäischen digitalen Binnenmarktes. Dies erfordert entsprechende Rahmenbedingungen und Unterstützung, vor allem im Bildungs- und Forschungsbereich. Als unabdingbare Voraussetzung bedarf es einer entsprechenden digitalen Infrastruktur, d. h. des raschen flächendeckenden Ausbaues eines leistungsfähigen Breitbandnetzes sowie einer WLANisierung unseres Landes und Bereitstellung von ausreichend Cloud Computing.

Keinesfalls darf es zu regulatorisch-bürokratischen Be-und Verhinderungen kommen, also einer Maschinenstürmerei im 21. Jahrhundert gegen Digitalisierung und Robotisierung. Die irrwitzige Idee einer Robotersteuer, ehe wir etwa Pflegeroboter überhaupt noch haben, ist solch ein abschreckendes Beispiel. Gewiss sind rechtlich Verantwortungs-und Haftungsfragen zu klären. Vor allem aber müssen wir alles unternehmen, um den Anschluss an diese Entwicklung zu finden und so eine Deindustrialisierung zu vermeiden. Daher braucht es wohl auch Politik 4.0, weil Politik 0.0 sicher nicht genügt!

Lesen Sie den ganzen Kommentar in der FORMAT-Ausgabe Nr. 33-34/2015
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