Durchschnitts-Zeugnis

trend Chefredakteur Andreas Lampl

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Eine Zentralmatura ohne abermalige Peinlichkeiten zu organisieren, ist alleine noch keine Bildungsrevolution, die das Land weiterbringt.

Die erste verpflichtende Zentralmatura in Österreich ging diese Woche ohne weitere Peinlichkeiten über die Bühne. Eingedenk der haarsträubenden Pannenserie, die das Bildungsministerium und sein dafür zuständiges Institut Bifie zuvor hinlegten, ist schon das fast eine Leistung. Wenigstens wurde eine prinzipiell sinnvolle Neuerung im Schulwesen davor bewahrt, aufgrund von Inkompetenz wieder in den Schubladen der Bürokraten zu verschwinden.

Einheitliche Bildungsstandards für Schüler und Instrumente, die auch die Arbeit der Lehrer bewertbar machen, sind nämlich prinzipiell sinnvoll.

Die Vorgeschichte bei den Testläufen verdient dennoch eine Erinnerung: Schülerdaten auf einen öffentlich zugänglichen rumänischen Server ausgelagert! Prüfungsaufgaben nur teilweise übermittelt! EDV-Probleme beim Herunterladen! Bewertungskriterien kurzfristig verändert! Text mit versteckten NS-Bezügen in den Aufgaben zur Deutsch-Matura!

Die schlechte Vorbereitung sagt viel über die Leistungsfähigkeit des heimischen Bildungssystems aus. Wer die offensichtliche Achtlosigkeit, die dieses Projekt begleitete, vergleicht mit der Akribie, mit der seit Jahren über zwei Stunden mehr Unterrichtszeit für Lehrer debattiert wird, der versteht, worum es in der Bildungspolitik wirklich geht. Und warum die Einführung einer zentralen Abschlussprüfung bis ins Jahr 2015 gedauert hat.

Leider ist zu befürchten, dass die Zentralmatura, obwohl besser als der alte Modus, auch in Zukunft ein lauwarmer und folglich wenig effektiver Kompromiss bleiben wird. Ein typisch österreichisches Reförmchen der beiden Regierungsparteien, das nicht einmal auf halbem Weg stecken bleibt.

Die schwarz dominierte Lehrergewerkschaft hält sich nun zwar zurück, nachdem sie anfangs lautstark gegen die Zentralmatura gewettert hat, weil ihr alles, was irgendwie zur Beurteilung von Lehrern führen könnte, grundsätzlich suspekt ist. Gejammert wird vor allem dort, wo die zur Standortbestimmung durchgeführten Zentral-Schularbeiten besonders schlecht ausgefallen sind. Offenbar dämmert es manchen Pädagogen, dass die Frage nach dem Warum von Leistungsdefiziten ganzer Klassen auch an sie gestellt werden könnte.

Ein Fall im eigenen Bekanntenkreis ergab katastrophale Ergebnisse bei der Generalprobe für Mathematik, wohl nicht zufällig bei einem Lehrer, dessen mangelndes Engagement von den Eltern und sogar von Schülern seit Längerem kritisiert wird.

Ohne Konsequenzen freilich. Und das ist der Punkt. Das Bildungsniveau in Schulen vergleichbar zu machen, hat nur Sinn, wenn bei auffälligen Abweichungen auch weitere Schritte folgen. Die Ursache muss nicht beim Lehrer liegen, nicht so selten tut sie es aber. Das Dienstrecht sieht allerdings kaum Sanktionierungsmöglichkeiten vor. Ganz zu schweigen davon, dass die Gewerkschaft mangelnde Qualifikation als Kündigungsgrund (wie in den meisten Berufen) oder auch nur leistungsabhängigen Gehaltsbestandteilen zustimmen würde. Folglich steht auch die ÖVP auf der Bremse, Lehrer wenigstens einem Hauch von Wettbewerb auszusetzen.

Solange sie ihren eigenen Leitspruch -"Gestalten statt Bewahren“ - bei Bildungsfragen ins Gegenteil verkehrt, werden der ÖVP Parteitagsdiskussionen über ein Mehrheitswahlrecht oder Reisen des Außenministers ins Silicon Valley nicht das ersehnte Image des Innovationsführers einbringen.

Aber: Die Warnung des bürgerlichen Lagers vor einer Nivellierung nach unten ist ebenfalls nicht einfach vom Tisch zu wischen. Womit wir beim Part der SPÖ wären, die der Zentralmatura ihr parteipolitisches Etikett verpasst hat und daher Interesse an einem möglichst positiven Ergebnis hat. Die recht einhellige Einschätzung, dass die Österreich-Premiere heuer eher leicht ausgefallen ist, mag als Indiz gelten. Und dass Politiker die Qualität des Bildungssystems allemal ihren eigenen Zielen unterordnen, werden nur die Naivsten bezweifeln. Dieser Verdacht ließe sich nur ausräumen, würde man allgemein verbindliche Bildungsstandards festschreiben und transparent kommunizieren - ohne dadurch Individualität, Kreativität und Entdeckergeist der Schüler zu hemmen. Davon sind wir weit entfernt.

Vor allem gehört es quasi zum genetischen Code der SPÖ, sich am Durchschnitt zu orientieren. Schüler und Lehrer haben den Eindruck gewonnen, der Modus der Zentralmatura samt Benotungssystem sei darauf ausgelegt, dass möglichst viele durchschnittlich abschneiden. Kein gutes Zeugnis.

Weil Durchschnitt ist zu wenig - sowohl in Bezug auf die Schüler (SPÖ!) als auch auf die Lehrer (ÖVP!).

Artikel aus FORMAT Nr. 20/2015
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