Matthias Strolz: "Ich muss den Schmerz spüren"

Der Neos-Parteivorsitzende spricht im Interview über Optimismus, Esoterik, den Wunsch nach einem Neuwahlverbot für die Regierung und Schmerz als politischen Faktor. Strolz will mindestens zehn weitere Jahre in der Politik bleiben und dort "soziale Felder kultivieren".

Matthias Strolz: "Ich muss den Schmerz spüren"

FORMAT: Was ist geblieben von den ersten eineinhalb Jahren der Neos?

Matthias Strolz: Wir haben klargemacht, dass wir eine ernsthafte Erneuerungskraft sind. Noch ist offen, ob wir auch nachhaltigen Nutzen bringen. Als Oppositionspartei kann man Themen mitsetzen , das ist uns gelungen. Aber die Königsdisziplin ist für uns das Regieren.

Für Sie gibt es nur den Zug zum Tor?

Strolz: Nein, wir nehmen, was kommt. Aber wir werden alles in Gang setzen, damit wir bald in Regierungsverantwortung kommen. Persönlich bin ich mit diesen eineinhalb Jahren zufrieden. Ich hatte großen Respekt davor, phasenweise auch Angst, weil es mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Und wahrscheinlich war es wichtig, dass es mir nicht früher passiert ist. Auch ich unterliege einem Reifungsprozess.

Man traute den Neos zunächst alles zu. Dann kamen die Europawahlen.

Strolz: Ich bin froh, dass der Hype vorbei ist. Es hat wehgetan, unter den Erwartungen zu bleiben, keine Frage. Aber der Organisation und den handelnden Akteuren hat wahrscheinlich nichts Besseres passieren können. Wir haben die Bodenhaftung nicht verloren. Sie sehen die Dinge immer extrem optimistisch. Ist das nicht wahnsinnig anstrengend?

Strolz: Ich bin eben so. Meine Frau sagt das auch ab und zu. Das kannst du dir aber nicht aussuchen. Hätte ich einen Hang zur Depression, würde ich das nicht machen.

Alle warten nur darauf, ob dem Duracell-Hasen der Saft ausgeht.

Strolz: Ich suche mir Zuschreibungen nicht aus. Ich habe auch nicht das Verlangen, nach 14 Stunden im Plenarsaal, die dir energetisch echt den Stecker ziehen, zu euphorisieren. Natürlich gehe ich manchmal nach Hause und frage mich, was ich erreicht habe.

Welche Rolle spielen hier die politischen Gegner? Die anfängliche Schonfrist ist vorbei.

Strolz: Es tut weh, wenn man zu Unrecht geschlagen wird. Wenn uns die SPÖ und die Grünen zum Beispiel in dieses kalte Eck stellen wollen. Stichwort: Zahnspange für alle. Wir sagen: gerne, aber nur für sozial Bedürftige. Und dann wird dir unterstellt, du willst, dass man den Kindern die finanzielle Situation der Eltern an den Zähnen ansieht. Ich würde mir mehr Zusammenarbeit im Parlament wünschen.

Sie sind doch kein politischer Neuling. Sind emotionale Reaktionen als Antwort auf taktische Spielchen nicht auch nur eine Form der Positionierung?

Strolz: Nein, das ist ehrlich gemeint. Natürlich musst du damit rechnen, aber das ist wie ein Wachstumsschmerz. Wenn er kommt, tut es trotzdem weh. Und es ist auch eine Qualität, das zu spüren. An dem Tag, an dem ich den Schmerz nicht mehr spüre, möchte ich aufhören.

Sie bewerten Ihren emotionalen Schmerz als Faktor für erfolgreiche Politik?

Strolz: Ja, ich muss das spüren. Wenn ich den Schmerz nicht mehr spüre, bin ich im Zynismus angekommen. Das ist die andere Bewältigungsstrategie . Und wenn Zynismus die dominante Bewältigungsstrategie für einen unserer Politiker wird, hat er bei den Neos nichts mehr verloren. Das gilt für alle!

Ein hoher Anspruch.

Strolz: Dafür sind wir in die Politik gegangen. Wir waren Balkon-Muppets, sind am Rand gesessen und haben kommentiert, was alles besser geht. Jetzt will ich es besser machen. Das kann auch schiefgehen, das ist mir klar.

Politisches Kalkül fehlt bei dieser Strategie völlig?

Strolz: Nein, das fehlt nicht. Diese Strategie macht uns ja auch sympathisch. Es gibt eine unendliche Sehnsucht nach Ehrlichkeit bei den Menschen. Oft ist nur das Misstrauen gegenüber der Politik so groß, dass dir das nicht abgenommen wird - "das ist auch nur Masche". Es soll nicht Masche sein, aber ich weiß, dass man damit auch Stimmen machen kann. Insofern ist es ein sehr nüchterner Blick. Ich glaube, dass man damit Wahlen gewinnen kann.

Sie haben jüngst eine größere Richtlinienkompetenz für den Kanzler ins Spiel gebracht. Wen hätten Sie denn gerne in dieser Rolle?

Strolz: Ich kann mir Sebastian Kurz gut vorstellen. Mit ihm würde ich gerne in eine Regierung gehen.

An Sebastian Kurz ist im Moment gut anlehnen.

Strolz: An Sympathiewerten übertrumpft er im Moment alle. Eigentlich müsste ich ihn hart angehen, weil er das größte Asset der ÖVP ist. Aber ich schätze ihn persönlich. Und ich glaube, er wäre eine Erneuerungsansage für dieses Land.

Wie kaputt ist denn die Politik in diesem Land?

Strolz: Dieses Etikett würde ich nicht verwenden. Weil es eine zu pauschale Abqualifizierung ist. Aber ich glaube, dass wir in den Ablaufprozessen einen kompletten Relaunch brauchen. Wir müssen zum Beispiel das Parlament von der Inszenierungsbühne zu einem modernen Arbeitsparlament umwandeln.

Das sagt ausgerechnet Matthias Strolz, der den Kuckuck auf die Regierungsbank klebt.

Strolz: Politik wird immer auch Inszenierung sein, aber nicht nur. Das ist zu wenig. Wir wollen die Parteienförderung um ein Drittel zurückfahren. Dann sind wir immer noch Europaspitze, können aber 65 Millionen Euro lukrieren, die wir wieder zur Hälfte in die Parlamentsarbeit investieren wollen. Wir könnten damit jedem Abgeordneten drei bis fünf Mitarbeiter mitgeben. Ich schlage zudem vor, ein Neuwahlverbot zu verhängen. Wir sollten die Regierungsperiode wieder auf vier Jahre kürzen und in diesen vier Jahren kann nicht neu gewählt werden, wie in Norwegen. Das stärkt die Verantwortung des Parlaments und bringt größere Sachorientierung in die Politik.

Eine unkündbare Regierung?

Strolz: Bevor wir, überspitzt formuliert, in einen Bürgerkrieg schlittern, gäbe es natürlich Deeskalationsmöglichkeiten, etwa über den Bundespräsidenten. Aber man soll nicht damit spekulieren können. So kann auch eine Minderheitsregierung überleben und gestalten - das sieht man in Skandinavien.

In Wien hat sich Michael Häupl bereits festgelegt, mit den Neos nicht zu koalieren.

Strolz: Auch ein altes Schlachtross macht strategischtaktische Fehler. Ich halte das für genauso falsch wie die Ansage auf eine SPÖ-Absolute. Er ist meilenweit davon entfernt. Wenn er so abschneidet , wie er im Moment in den Umfragen liegt, wird er die Koalition nicht mehr verhandeln.

Wie hoch setzen Sie sich die Latte für Wien?

Strolz: Zehn Prozent. Und das ist relativ hoch.

Für gute Ergebnisse brauchen die Neos vor allem Wirtschaftskompetenz. Wie sieht es damit aus?

Strolz: Der neue Wirtschafts- und Industriesprecher Sepp Schellhorn ist extrem profiliert in Wirtschaftskreisen und wird eine weitere Personenmarke sein. Er wird das im Doppelpass mit Niko Alm machen, der einen Leuchtturm im Bereich Start-ups, EPU und Creative Industries setzen wird. Die dritte Marke ist Rainer Hable, der sich seine Rolle als Finanzsprecher und Hypo- Aufdecker hart erarbeitet hat. Als Finanzjurist ist er auch die optimale Besetzung für den Hypo-U-Ausschuss im Herbst.

Sie sind für eine Senkung der Einkommensteuern. Wie sieht es mit der Gegenfinanzierung aus?

Strolz: Wir brauchen rasch eine Pensionsreform. Wenn der Sozialminister zugibt, sich 40 Jahre Zeit zu lassen, bis er alles im ASVG-Pensionssystem zusammenführt, halte ich das für Provokation. Und natürlich müssen wir auch im Föderalismus und bei den Förderungen was machen.

Wie wollen Sie das gegen einen Michael Häupl oder einen Erwin Pröll durchsetzen?

Strolz: Denen muss man Vorgaben machen.

Sie wollen ihnen die Flügel heben? Daran sind schon viele gescheitert.

Strolz: Wenn wir in der Regierung sind, kann uns Erwin Pröll nicht absetzen. Er kann jeden in der ÖVP absetzen, aber nicht uns.

Er kann den Wunschkoalitionspartner demontieren.

Strolz: Das kann er. Auf die Gefahr hin, dass es der ÖVP dann noch schlechter geht. Und irgendwann wird er sein Pulver verschossen haben. Die Menschen durchschauen das langsam. Die Zeit für die Fürsten dieser dumpfen Ausprägung ist bald vorbei.

Die Medien haben Sie schon hinauf- und wieder hinuntergeschrieben. Wie gehen Sie damit um?

Strolz: Einmal rauf und runter hilft in Sachen Bodenhaftung. Du merkst, dass du den Maßstab nur in dir haben kannst. Wenn du deinen inneren Ort fragst: "Ist es richtig, was ich tue?", und der in großer Ruhe und Gelassenheit sagt: "Ja, das ist richtig, weitermachen!", dann ist relativ egal, was rundherum passiert.

Einigen wird das zu esoterisch sein, was Sie da sagen.

Strolz: Denen kann ich auch nicht helfen. Das Bild des inneren Ortes habe ich übrigens von Otto Scharmer geklaut, einem Forscher am MIT.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Strolz: Vor der Entscheidung, ob ich noch maximal einmal in Verlängerung gehe oder meine Führungsfunktionen übergebe. Meine Ambition ist der Aufbau einer lebendigen Organisation. Die Firmen, die ich aufgebaut habe, gibt es alle noch.

Sie wollen einen Fußabdruck hinterlassen?

Strolz: Ich will soziale Felder kultivieren - auch von Scharmer. Das kann ich als Unternehmer und als Politiker. In zehn Jahren muss die Organisation so weit sein, dass sie keine Einzelmarken aus der Anfangsphase braucht. Das gilt auch für Neos.

Könnten Sie auf dem Höhepunkt zurücktreten?

Strolz: Ich hoffe, dass mich nicht das Altmännersyndrom befällt, dieses "Ohne mich geht's nicht". Ich finde das so beklemmend.

Zur Person.

Matthias Strolz wurde 1973 in Bludenz geboren. Die erste Berührung mit der Politik machte er als Landesschulsprecher. Nach dem BWL-Studium ließ sich Strolz zum Unternehmensberater ausbilden. 2000 war er Trainee bei der Industriellenvereinigung , 2001 parlamentarischer Mitarbeiter von Karlheinz Kopf (ÖVP). Er gründete zwei Beratungsunternehmen, legte 2012 seine Geschäftsführertätigkeit nieder und wurde am 27. Oktober desselben Jahres zum Vorsitzenden der Neos gewählt.

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