Margaret Thatcher – "Auf einmal war sie auf der falschen Seite der Geschichte"

Margaret Thatcher – "Auf einmal war sie auf der falschen Seite der Geschichte"

FORMAT: Charles Moore, als Margaret Thatcher 1979 die Regierung übernahm, sagte sie: "Wir versuchen, eine abwärtsfahrende Rolltreppe hochzurennen.“

Charles Moore: Die Situation damals erinnert an heute. Die Regierung gab mehr aus, als sie hatte. Im Gegensatz zu heute besaßen die Gewerkschaften jedoch unvorstellbare Macht. Sie konnten durch Streiks die gesamte Wirtschaft lahmlegen. Zeitweise streikten sogar die Totengräber. Es hieß: "Britain in decline“ - Großbritannien im Zerfall.

Wann drehte sich das Schicksal zu Thatchers Gunsten?

Moore: Mit dem Budget 1981. Das Jahr markierte eine der schwierigsten Phasen ihrer Amtszeit. Die Arbeitslosigkeit stieg gegen drei Millionen. 364 Wirtschaftsexperten schickten einen offenen Brief an die "Times“, in dem sie Thatchers Politik brandmarkten. Das machte ihr Freude. Je mehr Wirtschaftsexperten, desto größer der Irrtum, war ihre Überzeugung. Sie ließ sich nicht beirren. In der Rezession erhöhte sie die Steuern, was sehr gewagt war.

Im Volk sprach man von "that bloody woman“. Umgekehrt bezeichnete sie viele Parteikollegen abschätzig als "die Weichen“. Deren Konsenskultur war ihr zuwider.

Moore: Am meisten störte sie, dass sich viele Parteigranden mit dem Niedergang Großbritanniens abgefunden hatten. Für sie war es moralisch besser, eine klare und eigenständige Meinung zu haben. So wurde sie von ihrem Vater erzogen. Der Besitzer eines Krämerladens in Grantham in den Midlands unterstützte sie nach Kräften. Er war ihr wichtigster Förderer, der größte Held in ihrem Leben.

"Ich verdanke der Frauenbewegung nichts“, konstatierte sie.

Moore: Sie äußerte auch nie den geringsten Zweifel, dass der Platz einer Frau im Prinzip zuhause ist. Aber sie war auch fest davon überzeugt, dass die Frauen das fähigere Geschlecht sind.

Schnell wurde Thatcher als Eiserne Lady weltbekannt. Kann eine Frau eisern und weiblich sein?

Moore: Wegen ihres resoluten Charakters machten viele den Fehler, in ihr einen "Mann im Rock“ zu sehen. Selbst Ronald Reagan sagte zu Beginn, sie sei "der beste Mann in England“. Sie war sich ihrer Rolle als Frau sehr bewusst, aber sie wollte sich nie durch ihr Geschlecht kategorisieren lassen. Typische Männerdomänen wie Außenpolitik oder Militär interessierten sie. Männer auf deren Schlachtfeldern zu schlagen reizte sie.

In ihrer Zeit als Premierministerin nahm Thatcher lediglich eine Frau ins Kabinett auf, die nicht lange blieb. Gefiel ihr die Rolle als weiblicher Matador unter Männern?

Moore: Es gab damals nicht viele talentierte konservative Frauen im Parlament. Sie war aber auch nicht interessiert an Kolleginnen, denn instinktiv wollte sie die einzige Frau sein. Sie zog die Gesellschaft von Männern vor. Einmal an der Spitze der Macht angekommen, konnte sie die interessantesten und fähigsten Männer im Land in die Downing Street Nummer 10 einberufen. Elfeinhalb Jahre konnte sie all diesen Männern sagen, was sie zu tun hatten. Sie genoss es in vollen Zügen.

Frauen begegnete Thatcher mit Härte, stimmt das?

Moore: Meine eigene Frau beschrieb Thatchers Handschlag einmal als Ringerartigen Klammergriff. Er war nicht bloß fest, sondern von einer entschlossenen Dynamik. Mit Vehemenz räumte sie Frauen aus dem Weg, um an den nächsten Mann zu gelangen.

Welche Art Männer erregten ihre Aufmerksamkeit?

Moore: Sie war in jeder Hinsicht am Außerordentlichen interessiert. Ihre Präferenz waren Männer mit guten Manieren, smart angezogen, von stattlicher Statur und einer altmodisch korrekten Fasson. Was sie verachtete, waren fette und lethargische Männer. Helmut Kohl bekam dies deutlich zu spüren.

"Thatcher verursachte mir dauernd Kopfschmerzen“, schrieb er in seinen Memoiren.

Moore: Der arme Kohl! Er gab sich Mühe, eine gute Beziehung aufzubauen. Aber er hatte nicht den richtigen Stil. Er strahlte deutsche Provinz aus. Sie las ihm sogar im Kreis von Staatschefs die Leviten.

Die Kohl-Allergie muss tieferliegende Gründe haben. Welche?

Moore: Sie wurde bestärkt durch ihre ziemlich antideutsche Veranlagung. Helmut Schmidt mochte sie zwar recht gut leiden, Kohl hingegen betrachtete sie als Gefahr. Durch das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Deutschlands wurde Kohl auf dem internationalen Parkett immer wichtiger, was sie verärgerte.

Was hielt sie von den Franzosen Giscard und Mitterrand?

Moore: Giscard hätte sie wahrscheinlich von seiner Statur her gemocht, aber sie fand ihn herablassend. Mitterrand schätzte sie, obwohl er klein von Wuchs und Sozialist war - daher verdächtig. Legendär ist sein Zitat, Thatcher habe "die Augen von Caligula und die Lippen von Marilyn Monroe“. Das schien ihr zu gefallen. Auch schätzte sie seine Unterstützung im Falklandkrieg.

Wie hat die Rückeroberung der Falklandinseln Thatchers Kampf gegen die Kohlearbeiter beeinflusst?

Moore: Mit dem Krieg gewann sie im Land enorm an Prestige. 1983 wurde sie durch einen Erdrutschsieg im Amt bestätigt. Somit war "Battling Maggie“, wie sie von der Boulevardpresse genannt wurde, gerüstet für den Kampf gegen die streikenden Bergwerksarbeiter, dem sie zuvor aus dem Weg gegangen war.

Seit sieben Jahren studieren Sie Thatchers persönliche Akten. Haben Sie neue Charakterfacetten entdeckt?

Moore: Thatcher überließ nichts dem Zufall. Sie konnte eine sehr herrische Person sein, aber sie war in keiner Weise blutrünstig. Sie achtete das Gesetz sehr genau. Sie konsultierte viele Meinungsträger und wälzte deren Standpunkte in ihrem Kopf. War der Entscheid einmal gefällt, hielt sie mit eisernem Willen an ihm fest. Das Eiserne war eine Seite ihres Charakters. Für ihren Erfolg waren aber Schläue und Kampfgeist ebenso wichtig.

Eines ihrer berühmtesten Zitate, gerichtet an ihre Gegner: "Ihr könnt einlenken, wenn ihr wollt. Die Lady wird nicht umkehren.“

Moore: Das sagte sie bereits 1980 in Bezug auf die Wirtschaftspolitik. Die Leute sagten, ich inklusive: "Sie muss einen Kurswechsel vollziehen, sie kann die harte Linie nicht durchziehen.“ Sie sah ihren Willen auf dem Prüfstand und belehrte uns eines Besseren. Zudem verstand sie es, ihre Unbeugsamkeit in prägnante Schlachtrufe zu gießen, welche Gegner einschüchterten und Anhänger befeuerten.

Stimmt es, dass sie anfänglich eine schrille Stimme hatte?

Moore: Ja, dank der Hilfe von Schauspieler-Legende Laurence Olivier konnte sie das korrigieren. Olivier vermittelte ihr Sprechunterricht im National Theatre, und bald machte die keifende Hausfrauenstimme tiefen, geschliffenen Tönen Platz.

Woher stammt der Ausdruck Eiserne Lady?

Moore: Drei Jahre bevor sie Premierministerin wurde, hielt sie eine flammende Rede über die Schwäche der NATO. Die Zeitung der Roten Armee berichtete und nannte sie "Eiserne Lady“. Der Begriff wäre möglicherweise im Westen unbemerkt geblieben, wenn nicht Thatcher selbst ihn sofort aufgegriffen hätte. Er ging dann um die Welt.

Ihre Handtasche sei "der einzig sichere Platz in Downing Street“, sagte sie einmal.

Moore: Die Handtasche! Sie ist zum Symbol der Eisernen Lady geworden, einer "bossy woman“, die Männern sagt, was sie zu tun haben. Thatcher war sich der Symbolkraft der Handtasche bewusst und machte von ihr Gebrauch.

Wissen Sie, was sie alles in der Handtasche versteckt hielt?

Moore: Sie setzte ihre Tasche als Waffe, als Trickkiste ein. Sie hatte Dinge in ihr, die sie zur Überraschung des Gegenübers plötzlich hervorzog. Eine vergilbte Kopie des Dokuments, das den britischen Wohlfahrtsstaat begründete, zum Beispiel. Das Accessoire wurde derart legendär, dass ihr Reagans Außenminister George Shultz sogar den "Großorden der Handtasche“ verlieh. Auch Gorbatschow machte seine Erfahrung mit der Handtasche. In einem Interview erinnerte er sich, wie Thatcher bei ihrem ersten Treffen ein Blatt mit Forderungen zückte, es aber pathetisch wieder in den Tiefen der Handtasche verschwinden ließ, um eine ungezwungene Diskussion zu eröffnen - eine Geste, die auf Gorbatschow entwaffnend wirkte.

Thatcher bezeichnete Gorbatschow als "Mann, mit dem man Geschäfte machen kann“.

Moore: Gorbatschow wusste, dass Thatcher der beste Weg zu Reagan war. Denn Reagan hatte enormes Vertrauen in Thatcher, mehr als in jeden anderen europäischen Staatschef.

Wer hatte größeren Einfluss auf den anderen - Ronald Reagan auf Margaret Thatcher oder umgekehrt?

Moore: Was den politischen und intellektuellen Einfluss betrifft, war sie ihm überlegen. Sie wusste mehr, legte bessere Argumente und Fakten vor und war aktiver, doch es wäre falsch, sie als dominanten Part darzustellen. Thatcher war Loyalität sehr wichtig. Zusammen waren Thatcher und Reagan stark, trugen sie zum Fall des Sowjetimperiums bei, beschleunigten sie das Ende des Kalten Krieges.

Dagegen schien ihre Kluft zu Europa unüberwindbar. "Ein schwacher, kraftloser Haufen“, sagte sie.

Moore: Für Thatcher war die ablehnende Reaktion der Europäer, als Reagan um Überflugrechte für einen Angriff auf Tripolis ansuchte, ein Beleg für deren Unzuverlässigkeit. Zur selben Zeit wuchs in ihr die Überzeugung, "Europa" sei eine Hintertür zum Sozialismus.

Da erstaunt es nicht, dass Thatchers pointiertestes Zitat auf Europa gemünzt ist: "No! No! No!“

Moore: Ein dreifaches Nein zur politischen Architektur der EU, zur Aufgabe britischer Souveränität. "Wir haben nicht die Grenzen Großbritanniens verteidigt, nur um sie zugunsten eines von Brüssel dominierten europäischen Superstaates aufzugeben“, lautete ihre Überzeugung. Sie machte sich Sorgen, dass man sich in Europa gegen Großbritannien verbünden würde, was geschah. Dieses Gefühl ist heute so aktuell wie zu Thatchers Zeiten.

Ihre Karriere endete dramatisch. "Es war Verrat mit einem Lächeln im Gesicht“, sagte sie voller Bitterkeit. Wurde sie Opfer einer Konspiration, oder brachten sie eigene Fehler zu Fall?

Moore: Ihr Ende erfolgte durch einen Coup von oben. Sie hatte sich zunehmend isoliert, die meisten Leute an der Parteispitze hatten die Nase gestrichen voll von ihr. Sie trampelte über alle hinweg. Sympathien in Europa verspielte sie, weil sie sich gegen die deutsche Wiedervereinigung stemmte. Auf einmal war sie auf der falschen Seite der Geschichte.

Was bedeutet Thatcherismus heute, was ist ihr Vermächtnis?

Moore: Thatcher hat gezeigt, was eine Frau zu leisten imstande ist, wenn sie feste Überzeugungen und einen starken Charakter hat, wenn sie ihr Land liebt und das Beste für ihre Nation anstrebt, unermüdlich und unbeugsam. Ihr Vermächtnis ist eine Mischung aus Emotionen, Gedanken und Charakter. Thatcherismus bedeutet Wille zur Freiheit, Unabhängigkeit, Standfestigkeit. Das ist ein sehr kräftiger Cocktail. Ich glaube, in 300 Jahren wird der Begriff noch Gültigkeit haben. Die Leute werden sagen: "Oh, sie ist wie Mrs. Thatcher.“ Wie Cäsar, Napoleon oder Churchill ist Thatcher schon zu Lebzeiten zu einem Mythos geworden.

- Urs Gehriger, "Die Weltwoche“, leicht gekürzter Nachdruck aus Format 08/2012

Zur Person: Charles Moore - Biograf der Eisernen Lady

Der Deal sah so aus: Thatcher-Biograf Charles Moore, einer der anerkanntesten Publizisten Englands, hatte uneingeschränkten Zugang zur ehemaligen britischen Premierministerin, durfte alle Dokumente einsehen, alles fragen. Viele Jahre traf er sich mit Thatcher in deren Lieblingslokal "The Goring Hotel“. Veröffentlicht werden durfte die Biografie erst nach ihrem Tod. Thatcher war es nicht gestattet, den Text zu lesen. Moores Buch erscheint nach dem Begräbnis kommende Woche bei Penguin.

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