Lothar Lockl - der Präsidentenmacher

Lothar Lockl, Kampagnenleiter Alexander Van der Bellen: "Österreich ist ein großartiges Land, das alle seine Probleme lösen kann."
Lothar Lockl, Kampagnenleiter Alexander Van der Bellen: "Österreich ist ein großartiges Land, das alle seine Probleme lösen kann."

Lothar Lockl, Kampagnenleiter Alexander Van der Bellen: "Österreich ist ein großartiges Land, das alle seine Probleme lösen kann."

Lothar Lockl ist Alexander Van der Bellens Kampagnen-Chef, sein Coach und Kumpel. Der Triumph des Professors geht auf seine Kappe. Und die seines eingeschworenen Teams.

Wenn jetzt jemand glaubt, die Schlacht ist geschlagen, dann hat er sich getäuscht. Mission accomplished? Selten so gelacht. Seit Sonntag Abend arbeitet Lothar Lockl gemeinsam mit seinem Team praktisch rund um die Uhr; die Schlafquote ist so niedrig wie nie. "Dass nach dem Wahlkampf noch mehr als während des Wahlkampfs zu tun ist, das weiß ich schon seit dem ersten Wahlsieg im Mai", sagt er. Keine Rede also von jenem Adventfrieden, den der "President elect" in seinem ersten Pressestatement so sehnlich beschwor. "Bis zur Angelobung machen wir jetzt weiter. Ich werde alles tun, um die Amtsübergabe perfekt zu managen" verspricht der treue Diener seines Herrn.

Am Tag nach der historischen Wahl Alexander van der Bellens 48 Jahre alt geworden, ist Lothar Lockl der Triumphator der Saison. Einen krassen Außenseiter wie den ehemaligen Ökonomieprofessor und Sprecher der Grünen in die Hofburg zu bugsieren, das erscheint vielen noch immer als Wunder, zumindest aber als Beleg, dass auch praktisch Unmögliches möglich gemacht werden kann -wenn nur die Kommunikationsarbeit stimmig ist. Die Ehrerbietung der Standeskollegen ist dementsprechend umfassend. "Er ist jetzt im Olymp angekommen und muss nur aufpassen, dass er nicht abhebt", warnt ein Kollege hinter vorgehaltener Hand. "Er kann es sich jetzt jedenfalls aussuchen, was er als Nächstes machen will."

Die Stunde des Siegers: Alexander Van der Bellen mit Ehefrau Doris Schmidauer und Wahlkampfleiter Lothar Lockl am Abend des 4. Dezember 2016

Die Stunde des Siegers: Alexander Van der Bellen mit Ehefrau Doris Schmidauer und Wahlkampfleiter Lothar Lockl am Abend des 4. Dezember 2016

Wer also ist der 1,94 Meter große, gertenschlanke Matchwinner, der in seiner Jugend ein begnadeter Schachspieler war? Lothar Lockl, so viel ist bald klar, ist weder fröhlicher Selbstdarsteller noch selbst ernannter Guru, einer, der mit traumwandlerischer Sicherheit den Königsweg durch die Wirrnisse eines Wahlkampf-Tohuwabohus weist. Statt dessen ist er einfach souverän. Seine seriöse Miene legte er auch nicht ab, als er kurz nach der ersten ORF-Hochrechnung den frenetisch jubelnden Unterstützern in den Sophiensälen versichert, dass der Sieg nun in trockenen Tüchern ist. Statt mit Jubelgeheul untermauerte er die Botschaft mit Selbstironie. "Wir können es selber noch gar nicht glauben", sagte er, "wir sind noch immer im Wahlkampfmodus. Also bitte, wenn ihr jemanden von uns ihn den nächsten Tagen im Park oder auf der Straße beim Zettelverteilen sehen solltet, sagt ihm oder ihr, es ist gelaufen, wir haben es wirklich geschafft."

Never change a winning team

Was ist sein Erfolgsgeheimnis? Lothar Lockl beschwört den Teamspirit, das perfekte Miteinander seiner fünfköpfigen Kerntruppe. "Es war das beste Team, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe", schwärmt er, "es gab keine Eifersucht, dafür blindes Vertrauen." Er lobt den "genial-kreativen" Werber Martin Radjaby in höchsten Tönen: "Wir waren wie Zwillingsbrüder." Radjaby war einst von Ö3 zu den Grünen gekommen und von dort 2015 als Geschäftsführer zur Agentur Jung von Matt/Donau gewechselt. Er gilt als zweite Schlüsselkraft des Erfolgs.

Im engsten Zirkel werkten auch die Kampagnenleiterin Nives Sardi, Pressesprecher-Haudegen Reinhard Pickl-Herk sowie Oliver Korschil, Chefstratege der Grünen Bundespartei und von dort angeblich bereits am Sprung in die Hofburg.

Lothar Lockl ist Teamworker -und ein Profi, der seinen Job von der Pike auf gelernt hat. Er saß schon als Teenager in der Hainburger Au, verhandelte später als Sprecher der Umweltaktivisten Global 2000 au freiem Feld mit Polizisten über gewaltfreien Widerstand.

Er studierte Landschaftsökologie, sattelte um auf Politik-und Kommunikationswissenschaft und wurde Mitinitiator des erfolgreichen Gentechnik-Volksbegehrens. Er war ein in der Wolle gefärbter Grün-Aktivist, als er, 32-jährig, unter dem neuen Bundessprecher Alexander van der Bellen Kommunikationschef und 2006 Bundesparteisekretär der Grünen Partei wird. Kennengelernt haben sich der angehende Präsident und sein Coach schon 1995, bei einer Baustellenbesetzung. Der Herr Professor brachte Kaffee und Kuchen, und bald wurden die Bande festergezurrt. "Er hatte immer ein gutes Gefühl dafür, welche Botschaft nach außen gehen sollte und welche nicht. Er hatte aus dem Bauch heraus das richtige Gespür, wie man Leute erreicht, die die Grünen vorher nie erreicht hatten", lobt Michaela Sburny, zu jener Zeit grüne Bundesgeschäftsführerin an der Seite Van der Bellens, Lockls Arbeit. Nicht allen aber war der stets korrekt gekleidete, sportliche Beau geheuer. Manchen der alten Garde agierte er zu undogmatisch, ja: zu unpolitisch. Gemeinsam mit seiner Partnerin, der ORF-Journalistin Claudia Reiterer, tanzte er auf Society-Events - auch das störte die wahren Fundis.

Lothar Lockl und seine Lebenspartnerin Claudia Reiterer.

Lothar Lockl und seine Lebenspartnerin Claudia Reiterer.

Seine Zeit in der grünen Führungsetage ging mit der Ära Van der Bellen 2009 jäh zu Ende. Er gründete ein Kommunikationsbüro, entwickelte es rasch vom EPU zur Agentur mit sieben Mitarbeitern und -innen. Sein breites Netzwerk, seine verbindliche Art waren dabei behilflich. Der Agentur der Ex-Grüne-Abgeordneten Monika Langthaler sind er, und sein Unternehmen geschäftlich verbunden, man arbeitete auch im Wahlkampf zusammen.

Brainbows-Geschäftsführer Christian Nohel kennt Lockl und Van der Bellen seit Langem. Er betont das "enorme Vertrauensverhältnis" von Hauptdarsteller und Regisseur dieses Polit-Dramas mit Happy End. "Ohne Lothar hätte es Sascha wohl gar nicht gemacht", vermutet Nohel und bewundert an seinem Freund vor allem dessen "stoische Ruhe".

Diese Tugend war in dieser elfmonatigen Berg-und Talbahn der Gefühle Lockls Trumpf-As. "Dann, wenn es hektisch wird, werde ich gelassen", sagt er. "Ich liebe Stress, ich liebe den Ausnahmezustand, da komme ich erst richtig auf Betriebstemperatur." Vieles habe er vom Schachspiel gelernt, sagt er. "Denn da gibt es auch oft unübersichtliche Situationen, da muss man zwischen Strategie und Taktik unterscheiden, da braucht es Entscheidungen unter enormem Zeitdruck, die dennoch Überlegung erfordern."

Lob von Herbert Kickl

Ex-Agenturchef und SPÖ-Kommunikator Dietmar Ecker lobt ihn als "blitzgescheiten Kerl", Heidi Glück, langjährige Pressesprecherin von Wolfgang Schüssel, beschreibt ihn als "besonnen, unaufgeregt, stets konzentriert bei der Sache". Glück, heute ebenfalls Agenturchefin, sah, was in der langen Wahlschlacht vielen auffiel: Dass er Herbert Kickl, dem Kampagnenchef Norbert Hofers, auch in der direkten Konfrontation vor den TV-Kameras mehr als nur Paroli bieten konnte.

"Er hat mit seinen souveränen Auftritten sogar manche Fehler, die Van der Bellen selbst gemacht hat, wieder ausgeglichen", glaubt Glück. Und Ecker assistiert: "In solch einer Auseinandersetzung ist es die höchste emotionale Leistung, niemals die Beherrschung zu verlieren. Genau das ist ihm gelungen." Dass er dafür sogar vom beinhart argumentierenden Erzrivalen Herbert Kickl Lob ausfasste, adelt ihn endgültig zum Hero. "Zuerst möchte ich dem Herrn Lockl ein Kompliment für seine sachlich gute Kampagnenarbeit machen. Er ist ein guter Mann", sagte Hofers Mann fürs Grobe in einer ORF-Live- Diskussion kurz vor der Wahl. Und klang dabei nicht einmal zynisch.

Gelungen ist ihm und seinem Team vieles. Die Kampagne wurde rechtzeitig in die Breite gespielt, vor allem seine "NGO-Vergangenheit, die Graswurzel- und Schneeball-Taktik" hat ihm viele Ideen gegeben. Wobei die echten Vorbilder für ihn erklärterweise die Kampagnen Barack Obamas waren. Gezielt wurden grüne Tabus durchbrochen, Begriffe wie "Heimat" und "Volk" neu besetzt, kulturpessimistische Töne eliminiert, Optimismus-Parolen ausgegeben.

Damit kein falsches Imge entsteht: Lockl ist kein Softie, der stets mit treuem Dackelblick durch die Lande zieht. "Er weiß durchaus, was er will", sagt da etwa ORF-Chefredakteur Fritz Dittlbacher diplomatisch. "Es ist aber nicht unangenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten, ich habe gute Erfahrungen gemacht."

Letztes Teammeeting vor der Wahl: Teamplayer Lothar Lockl posiert mit Oliver Korschil, Nives Sardi, Martin Radjaby und Reinhard Pickl-Herk (v. l.) fürs finale Team-Selfie.

Letztes Teammeeting vor der Wahl: Teamplayer Lothar Lockl posiert mit Oliver Korschil, Nives Sardi, Martin Radjaby und Reinhard Pickl-Herk (v. l.) fürs finale Team-Selfie.

Der Sieg ist errungen, das Ziel erreicht, doch die Zukunft des Präsidentenmachers offen. "Ich weiß es wirklich nicht, wie es nach dem 26. Jänner, dem Tag der Angelobung, weitergeht", sagt er. Der Sprung in die Politik ist dem nach Eigendefinition "hochpolitischen Mensch" jedenfalls verwehrt. Denn Lebensgefährtin Claudia Reiterer wird ab Jänner die ORF-Polit-Talk-Runde "Offen gesagt" moderieren -freilich nur unter der Bedingung, dass ihr Partner nicht in die Parteipolitik zurückkehrt.

So bleibt ihm die harte Wahl zwischen seiner Agentur, die zuletzt rund eine halbe Million Euro Umsatz erwirtschaftete und deren Mitarbeiter sich nun um fette Aufträge wohl nicht sorgen müssen, und doch dem Gang in die Hofburg, um dort für die nächsten sechs Jahre das Alter Ego seines väterlichen Freundes zu bleiben. Eine überparteiliche Tätigkeit, die der ORF tolerieren würde. Klar ist nur, dass er "in irgendeiner Form" weiterhin "HBP VdB" beraten wird, "aber natürlich nur, wenn er selbst das will." Wovon auszugehen ist.

Auf die Frage, was er selbst in dieser Mutter aller Wahlkämpfe gelernt hat, sprudeln die Antworten üppig aus ihm heraus. "Wir waren jeden Tag in einem anderen Gasthaus", erzählt er, jetzt schon fast in der Rolle des Präsidentensprechers. "Und da hört man, dass es viele Probleme gibt. Aber man sieht gleichzeitig dass Österreich ein großartiges Land ist, das alle Probleme lösen kann, wenn die Menschen nur zusammenhalten. Wir müssen die ewige Spaltung durchbrechen, Gegensätze überbrücken, der gegenseitigen Schlechtmacherei eine Absage erteilen."

Besser, schöner und frommer hätte es Österreichs neunter Bundespräsident wohl auch nicht formulieren können. So wahr ihm Lockl helfe!

Fnanzminister Hartwig Löger

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