Lothar Lockl, der türkis-grüne Pendeldiplomat

Lothar Lockl

Grüner Realo: Präsidentenmacher Lothar Lockl

Präsidenten-Berater, Kurz-Vertrauter und Grünen-Stratege: Lothar Lockl ist hochbegabter Vermittler zwischen höchst unterschiedlichen Welten. Bei der Regierungsbildung spielt er diskret eine Schlüsselrolle.

In seinem Handy-Telefonbuch findet sich die halbe Republik -von AVDB wie Alexander Van der Bellen bis zu SK wie Sebastian Kurz, von BMR wie Beate Meinl-Reisinger bis WK wie Werner Kogler. Dieser Tage muss er besonders oft zur Powerbank greifen, um sein strapaziertes Handy unter Strom zu halten.

Lothar Lockl ist seit der Nationalratswahl am 29. September in eine einmalige und herausfordernde Rolle geraten. Er wird mehr und mehr zum wichtigsten Pendeldiplomaten der Republik -als diskreter Vermittler zwischen den höchst unterschiedlichen Welten am möglichen Weg zu Türkis-Grün.

Dem amtierenden Staatsoberhaupt ist er seit Amtsantritt als externer Berater verpflichtet. Im Dickicht zwischen laufenden Sondierungen und künftigen Koalitionsverhandlungen ist seine Analyse der Lage besonders gefragt. VdB schätzt das Urteil von Lockl seit gemeinsamen Tagen bei den Grünen und mehr denn je, seit er den Einzug des ersten Bundespräsidenten mit grünen Wurzeln in die Hofburg erfolgreich orchestrierte.

Die Grünen suchten schon vor und erst recht nach ihrer gelungenen Wiederauferstehung im Hohen Haus Rat bei Lockl. Als Kogler seinen ersten "ZiB 2"-Auftritt als Wahlsieger bei Armin Wolf absolvierte, hat er davor selbstredend mit Lockl ausführlich telefoniert.

Türkise Drähte

Die Türkisen pflegen den Kontakt zu Lockl intensiver, seit es galt, 2017 bei Van der Bellen personell und inhaltlich Türkis-Blau durchzubringen. Dem Beziehungsgeflecht zwischen Hofburg und Türkisen konnte auch die Implosion des rechtspopulistischen Kabinetts nach Ibiza nichts anhaben. Und dieses hat sich, auch dank Lockls diplomatischen Geschicks, derart gut entwickelt, dass es kurzzeitig Eifersuchtsanfälle in der roten Reichshälfte provozierte.

Van der Bellen und Lockl zogen diskret und ohne Häme hinter den Kulissen die Fäden, um erst eine Beamtenregierung ohne die Blauen und - nach Abwahl von Kurz - eine für alle Parteien annehmbare Übergangsregierung möglich zu machen. In Kurz' Umgebung wird berichtet, dass der Comeback-Kanzler nun rund um die erste offizielle Gesprächsrunde mit den Grünen die Lage auch mit Lockl ausgiebig sondierte.

Anfangs war es da wie dort mehr die Lust am Neuem. Mit jedem Skandal bei Blau und jeder Intrige bei Rot mehr stellt sich freilich immer öfter die Frage: Türkis-Grün, was sonst? Das Bündnis mit dem scheinbar kleinsten gemeinsamen Nenner mutiert zur größtwahrscheinlichen Koalitionsoption.

Lothar Lockl will sich auf keine Prognosen einlassen. Der derzeit gefragteste politische Strippenzieher versucht generell, den Eindruck zu vermeiden, er wolle sich in dieser heiklen Phase in den Vordergrund spielen. Wer seine Rolle als Schlüsselspieler und was ihn dazu machte nachvollziehen will, ist derzeit mehr auf die Auskünfte Dritter angewiesen.

Stratege aus der Au

Der 50-Jährige, der heute hauptberuflich ein Beratungsunternehmen mit sieben Mitarbeitern (Lockl Strategies) betreibt, entzog sich schon früh gerne Rollenzwängen und Klischees. Der 1,94 große, gertenschlanke und immer korrekt gekleidete Wiener stieß als Student durch einen historischen Zufall zur Umweltschutzorganisation Global 2000. Sein Vater, als Ombudsmann im Unterrichtsministerium Ansprechpartner für Schulen, war wegen des Umgangs der SPÖ mit den Protesten gegen das Kraftwerk Hainburg aus der Partei ausgetreten. Als 16-Jähriger war Sohn Lothar mehrmals aus Neugierde bei den Aubesetzern in Hainburg.

Dort dauerhaft zu kampieren und die Schule zu schwänzen, hätte ihm sein Vater aber nicht gestattet. Mit dem Klettern auf Schornsteine und Anketten aus Protest hatte es Lockl auch als Erwachsener und Umweltaktivist nicht so. Zum einen war und ist er nicht schwindelfrei, und zum anderem verlegte er sich von Anfang an lieber erfolgreicher aufs Verhandeln mit der Polizei bei Protestaktionen und auf die Suche nach gemeinsamen Lösungen mit Politikern.

Der Kampf gegen die Ostautobahn, den Ausbau von grenznahen Atomkraftwerken wie Mochovce und Temelin und die Verhinderung eines Flusskraftwerks in oberösterreichischen Lambach standen in den 1990er-Jahren ganz oben auf der Agenda, als Lockl rasch zum Sprecher von Global 2000 aufstieg.

Die weitaus martialischeren Umweltkämpfer von Greenpeace legten ihre Aktionen auf maximalen Konflikt an. Die Global-2000-Aktivisten suchten immer auch den Dialog mit den Betreibern von bekämpften Projekten und der Politik. Lockls Durchbruch zum auch von Politprofis anerkannten Campaigner war das Anti-Gentechnik-Volksbegehren. Es ging 1997 nicht nur mit 1,2 Millionen Unterschriften als zweiterfolgreichstes Plebiszit in die Annalen ein. Gentechnik-frei ist heute ein Verkaufsschlager, mit dem sich auch große Handelsketten gerne brüsten.

Sprungbrett in die Politik

Lockl bescherte es zudem das Offert des damaligen SPÖ-Kanzlers Viktor Klima, als rot-grünes Signal auf der Nationalratsliste zu kandidieren. Er schlug es nach kurzem Nachdenken über das Schicksal von Quereinsteigern freundlich, aber bestimmt aus. Global 2000 wurde damals von mehreren Parteien als Talenteschmiede gesehen. Ulli Sima kandidierte 1995 erst bei den Grünen, zog bald danach via SPÖ-Liste ins Parlament ein und wechselte schließlich bis heute erfolgreich als Stadträtin ins Wiener Rathaus. Eva Glawischnig und Brigid Weinzinger fassten nachhaltig bei den Grünen Fuß.

Lothar Lockl erlag als Letzter aus der Crew der Global-2000-Jungstars dem Lockruf der Politik: Das Angebot als Kommunikationschef von Grünen-Chef Van der Bellen erschien ihm vielsprechender als das des Kurzzeitstars von Viktor Klima.

Reichlich Lehrgeld beim Umstieg in die Politik zu bezahlen, blieb ihm auch dort nicht erspart. Bei Global 2000 herrschte in der Führungscrew das Konsensprinzip: In wesentlichen Fragen gibt es erst grünes Licht, wenn alle Ja sagen. Bei den Grünen hatten die meisten das "Fraktionieren" und "Seilschaften Bedienen" schon in der Studentenpolitik gelernt. Lockl über seine Lehrjahre: "Sitzungen sind kein kreativer Prozess, sondern oft nur ein Ritual."

Zu Hilfe kommt ihm beim Umstieg seine Vergangenheit als Wiener Schach-Jugendmeister: "Beim Schachspielen habe ich die Unterscheidung zwischen kurzfristiger Taktik und langfristiger Strategie gelernt" und "unter Zeitdruck gelassen zu bleiben und damit umzugehen, dass man die Entscheidung für einen Zug, den man gemacht, nicht mehr zurücknehmen kann". Nachhaltig Respekt verschaffte sich Lockl bei den Grünen, als die bei der Wahl 2006 mit elf Prozent erstmals zweistellig abschnitten und die FPÖ auf Platz vier verwiesen. VdB konnte nun auch Lockls Kür zum ersten Generalsekretär bei den basisbewegten Grünen durchsetzen.

Idealist statt Minister

Mit VdBs Abschied als Grünen- Chef 2009 zog auch Lockl nach zehn Jahren einen vorläufigen Schlussstrich: "Ich wollte nie Berufspolitiker werden, meine Unabhängigkeit verlieren oder gar zynisch werden. Deswegen der Schritt in die Privatwirtschaft. Heute wundere ich mich manchmal über den Erfolg als Unternehmer. Denn im Grunde meines Herzens bin ich ein Idealist."

Dass er in Zeitungen dank seiner diplomatischen Begabung schon als grüner Außenminister gehandelt wird, kommentiert er knapp, aber ohne scharfes Dementi: "Ich war schon in der Politik. Ich bin jetzt als Unternehmer glücklich. Ich sehe keinen Grund, das zu ändern."

Kaum zu bremsen ist er aber, wenn er über die möglichen Perspektiven ökologischen Wirtschaftens spricht. Da gerät er derart ins Schwärmen, das man geneigt ist, ihm den Idealisten im Realo-Anzug voll abzunehmen: "Ein Viertel der weltweiten Finanzströme wird schon nach Nachhaltigkeits-Kriterien angelegt. Es gibt kein großes Unternehmen, wo das Thema nicht beim Vorstand oder gleich beim CEO angesiedelt ist. Was bei uns manchmal noch unterschätzt wird: Klimaschutz ist international ein Megathema. Wenn Österreich hier neben Kultur und landschaftlicher Schönheit auch mit Innovationskraft punktet, eröffnet uns das im Export große Chancen. Das wäre eine neue Vision von Österreich, mit der wir uns auch von anderen Ländern unterscheiden können."

Lockls Credo liest sich schon wie die Schlüsselsätze einer türkisen Regierungserklärung mit starker grüner Handschrift.


Der Autor

Josef Votzi , 64, ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst er jede Woche ein Wahltagebuch.



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