Los Angeles: Die US-Jugend wählte Obama, weil er ihre Sprache spricht

Hannah Brandstätter, 20-jährige österreichische Studentin, erlebte die Wahlnacht mit Jugendlichen, die an Obama glauben.

In Europa wird der „American Dream“ oft belächelt. Ich habe in Los Angeles mit vielen jungen Leuten gesprochen, die trotz Finanzkrise an diesen Traum glauben. Barack Obama hat sie darin bestärkt, dass man jede Hürde meistern kann, unabhängig von Hautfarbe, Religion und Wurzeln, vorausgesetzt, du glaubst genug an dich. Bei einem Wahllokal treffe ich Jensen Smith, 19 Jahre alt, und seine Großmutter Ann, 76. Sie berichten, dass sie schon seit 4 Uhr morgens in der Schlange stehen, um ihre Stimme abgeben zu können. Ann zeigt sich dabei tief berührt: „Ich kann nun beruhigt sterben und weiß, dass meine Enkel eine bessere Zukunft erwartet. Als ich zur Schule ging, wurden wir noch in Rassen aufgeteilt, und heute ist es möglich, einen Afro-amerikaner zu wählen.“

Amerika hat Geschichte geschrieben, auch weil Obama Junge und Alte gleichermaßen ansprechen konnte. Obama ist kein grauhaariger Vertreter des Establishments, sondern kann sich mit dem Lifestyle der Jugend authentisch identifizieren: Egal ob Rap, Sport, NBA und NFL oder die Idole P. Diddy und Co – Obama lebt das junge Amerika. Taylor Smith, 21 und obdachlos, erzählt, wie Barack Obama sein Leben verändert hat. Als Vollwaise und ohne Ausbildung lebe er nun schon seit einigen Jahren auf den Straßen von Los Angeles. „Vor einigen Monaten haben mich Obama-Supporter gefragt, ob ich registriert bin, um meine Stimme abgeben zu können. ‚Nein‘, gestand ich, ‚ich hab keinen Wohnsitz und darf deshalb nicht wählen.‘ Drei Tage später kamen sie wieder und gingen mit mir zu einem Shelter, bei dem ich registriert wurde. Ich bekam neue Kleidung, kann mich einmal am Tag waschen und erhalte eine Mahlzeit.“ Als Dankeschön war Taylor Smith dann auch tatsächlich wählen. Am Wahltag fühlt er sich aber auch aus anderen Gründen wie ein König: In Amerika werden die Wähler belohnt: Starbucks schenkt Gratis-Kaffee aus, GAP verschenkt T-Shirts, Kinotickets sind umsonst.

85 Prozent der Erstwähler haben am Dienstag Obama ihre Stimme gegeben – ein Erstwählerrekord für einen Kandidaten. An den amerikanischen Schulen hat man versucht, die Jugendlichen zum Voten zu bringen. Mit Schulbussen wurden in den meisten Staaten die Schüler zu den Wahllokalen chauffiert – ein noch nie da gewesenes Engagement. Was sich die jungen Wähler von Obama erwarten? Nichts weniger als die Umsetzung seines Wahlslogans: „The change we need!“ Vor allem Schulbildung. Bildung kostet Geld und ist für viele kaum finanzierbar. Ein Großteil der Studenten finanzieren ihr Studium durch hohe Kredite. Für Österreicher, die sich über die vergleichsweise minimalen Studiengebühren echauffieren, kaum vorstellbar. Abgesehen davon haben es junge Amerikaner satt, dass man sie in Europa oder Asien als ungebildet abstempelt. Außerdem begrüßen Obamas Anhänger den Plan, für all die Menschen, die unter 250.000 Dollar im Jahr verdienen, die Steuern zu senken. Ebenso wird die Umsetzung einer Gesundheitsreform sehnlichst erwartet. Und „Stop the war“ ist eine der Hauptforderungen der jungen Amerikaner. Sie hoffen, dass die Truppen im Irak und in Afghanistan bald den Rückzug in die Heimat antreten können. In dieser Nacht wurde auch in L. A. viel geweint. Es waren Tränen der Freude und der Rührung über diesen Mann, der endlich wieder Hoffnung macht.

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