Laura Rudas: 'Clique von 15 Journalisten, die sich als Oberschiedsrichter definieren'

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas im Interview über ­Raiffeisen-Zeitungen, rote ORF-Politik und warum die SPÖ in den Medien oft nicht so gut wegkommt

FORMAT: Aufregung herrscht um den ORF. Karl Krammer, 56, SPÖ-Stratege seit Vranitzkys Zeiten, galt bis vor einer Woche als Favorit für den ORF-Stiftungsratschefposten. Vor wenigen Tagen wurde er vom 23-jährigen Pressesprecher von Claudia Schmied, Niko Pelinka, ersetzt. Darüber sind auch SPÖ-Leute und ORF-Journalisten, euphemistisch ausgedrückt, überrascht. Warum dieser Wechsel?
Rudas: Ich glaube, dass ein Wechsel nach zehn Jahren sinnvoll ist. Karl Krammer ist ein kompetenter und loyaler Mitstreiter, aber nach vielen Jahren kann man auch jüngere Mitstreiter zum Zug kommen lassen.
FORMAT: Krammers Abgang hat nichts mit einem SPÖ-kritischen ORF-Bericht zu tun, der die Niederlagenserie Faymanns thematisiert hat und dem Kanzler nicht gepasst hat?
Rudas: Es ist lächerlich, anzunehmen, dass der Stiftungsrat Beiträge macht.
FORMAT: Das nicht, aber man kann als Partei bei Stiftungsräten intervenieren.
Rudas: Es zeugt von Ahnungslosigkeit, wenn man behauptet, dass man einen Stiftungsrat austauscht, weil ein Beitrag nicht gefällt. Es gibt Beiträge, die mir gefallen, andere gefallen mir nicht. Aber das kann kein Kriterium bei einem unabhängigen ORF sein.
FORMAT: Wer wird ORF-Stiftungsratsvorsitzender? Niko Pelinka war im Gespräch.
Rudas: Dieses Gespräch ist nicht bis zu mir gedrungen. Niko Pelinka koordiniert den SPÖ-Freundeskreis. Die Frage nach dem Vorsitz muss in den Freundeskreisen im ORF-Stiftungsrat verhandelt werden.

'SPÖ kommt in vielen Medien gut weg'
FORMAT: Warum kommt die SPÖ mit ihren Themen in den Medien nicht so gut weg?
Rudas: Ich mache jetzt eine ehrliche Analyse. Ers­tens kommt die
SPÖ in vielen Medien objektiv und damit gut weg.
FORMAT: Da sprechen wir aber von „Österreich“ und „Heute“.
Rudas: Das stimmt nicht. Es gibt auch gute und kritische Artikel in der „Krone“, „Österreich“, „Heute“, „Standard“ und „Presse“ und anderen Medien. Erst letztens hat die „Presse“ einen positiven Artikel über Verteilungsgerechtigkeit geschrieben. Ich habe weder den Eindruck, die Medien sind nur gegen uns, noch ausschließlich für uns. Ich glaube aber schon, dass man beim Thema Bankenabgabe und der Reform der Gruppenbesteuerung, wenn es also um Verteilungsgerechtigkeit geht, sieht, in welcher Hand ein Teil der Medienlandschaft ist. Und da ist Raiffeisen und deren Chef Christian Konrad nicht uneinflussreich. Damit sind sozialdemokratische Themen nicht einfach medial zu positionieren.

'Haben sehr wohl eigene Standpunkte
FORMAT: Es gibt auch eine andere Theo­rie. profil-Chefredakteur Herbert Lackner, als ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der „AZ“ kein Feind der Sozialdemokratie, sagt im aktuellen ­Broukal-Buch über die Medienarbeit der SPÖ: „Es ist nicht so, dass man, wenn man in der Löwelstraße und den SPÖ-Ministerien anruft, fertige Dossiers auf den Tisch bekommt, wo der eigene Standpunkt sachlich untermauert wird … Die SPÖ geht davon aus, das ist sowieso die Feindpresse. Ich glaube, dass diese Meinung ­zumindest bei den wichtigsten Personen in der SPÖ vorherrscht.“ Was sagen Sie dazu?
Rudas: Da ist FORMAT der beste Zeuge, dass wir sehr wohl eigene Dossier über unseren Standpunkt ausschicken. Das aktuellste Beispiel ist unser Konzept über Verteilungsgerechtigkeit mit klaren Vorschlägen. Das ist ein weitaus besseres Papier als jenes der ÖVP über die ominöse Ökologisierung.
FORMAT: Die ÖVP macht das besser.
Rudas: Was die SPÖ bei bestimmten Themen will, bekommen Journalisten sofort. Aber der wesentliche Punkt ist ja ein anderer: ob wir Medien als Feinde sehen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen Medien zur Kommunikation. Aber ich sage klar: Es braucht eine neue Art
des Journalismus. Mir fällt auf, dass es eine Clique von circa zehn bis 15 Journalisten gibt, die sich seit mehr als zehn Jahren selbst als Oberschiedsrichter definieren und die Lage der Nation diagnostizieren. Da fehlt der journalistische Nachwuchs. Die neuen, partizipativen Medien, wie das Internet, werden da aber einiges aufbrechen.

Interview: Markus Pühringer
Das vollständige Interview lesen Sie im neuen FORMAT!

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